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Kultur
03/19/2021

Peter Licht: "Es ist nicht okay, wie es derzeit läuft"

Der Kölner Musiker und Autor Peter Licht über sein neues Album, Weichmacher und Ausbeutung.

von Marco Weise

„Wenn ich nicht hier bin, bin ich auf’m Sonnendeck“ – mit diesem Song gelang Peter Licht vor 20 Jahren ein Hit, der heute noch seine Gültigkeit hat. Die Sonne besingt der Kölner Musiker und Schriftsteller auch auf seinem neuen Album „Beton und Ibuprofen“ – und zwar im Lied „…e-scooter deine Liebe“. Darin heißt es: „Wenn du eine Sonne siehst, dann lauf ihr entgegen.“

KURIER: Wie geht's?

Peter Licht (lacht, überlegt, lacht wieder und sagt): Hm, eine sehr gute Frage. Nun ja, es ist schon ein extremer Zustand, in dem wir uns gerade befinden. Vieles befindet sich im Wanken und wird zur Disposition gestellt – es ändern sich fast täglich die Rahmenbedingungen und damit die eigene Stimmungslage.

Beschreibt der Titel Ihres neuen Albums, „Beton und Ibuprofen“, diese Stimmungsschwankungen?

Die Platte ist ein Versuch, den Istzustand, mein inneres Gefühl, meine Gedanken zu den ganzen Themen auf den Punkt zu bringen. Ich habe versucht, meinen verschiedenen Gefühlszuständen einen Klang zu geben. Beton steht für mich zum Beispiel für die Verhärtung der aktuellen Pandemie-Zustände und die Sehnsucht danach, sich von dieser Einzementierung zu befreien.

Mit Ibuprofen?

Ibuprofen ist für mich ein möglicher Weichmacher. In Deutschland ist dieses Schmerzmittel so omnipräsent, dass man nur noch „Ibu“ dazu sagt. Man nimmt es auch überall hin mit, so wie das Geldbörsel, das Ladekabel, den Hausschlüssel, das Handy. Für mich sagt dieser lapidare Umgang mit Schmerzmitteln viel über den Zustand der Gesellschaft aus: Der Istzustand lässt sich nur noch mit Schmerzmitteln ertragen.

Klingt pessimistisch …

Ich würde realistisch sagen. Eine Krise jagt die andere: Klimawandel, die Flüchtlingssituation, der wieder aufkommende Faschismus, die ganzen Trumps, die weltweit herumrennen, und die zunehmende Verneinung der Wirklichkeit. Die Gesellschaft ist an einer schweren Depression erkrankt. So empfinde ich das zumindest. Und mit diesen Bildern im Kopf habe ich begonnen, Songs für das Album zu schreiben. Während der Entstehung ist dann noch Corona dazugekommen und hat die Depression verstärkt. Jetzt haben viele ihren persönlichen Lockdown.

Wie helfen Sie sich?

Musik machen, schreiben, reden und spazieren gehen. Mit Menschen – soweit das natürlich möglich ist – in Verbindung bleiben. Dieses Album rauszubringen, hilft natürlich auch. Denn ich trete über die Musik mit Menschen in Kontakt, eröffne damit einen Diskurs.

Sie sehen aber auch Licht am Ende des Tunnels: „Die Technik wird uns retten“, singen Sie im gleichnamigen Song. Pure Ironie?

Nein, fast alle Veränderungen haben mit dem technischen Fortschritt zu tun. Und auch Corona können wir nur durch Technik besiegen. Denn nichts anderes sind Impfungen. Wenn alle geimpft sind, dann hat die Technik uns gerettet. Gleichzeitig rationalisiert der technische Fortschritt Jobs weg. Technik kann uns also auch ins Verderben reißen. Eine entscheidende Frage dabei ist: Welche Vorteile entstehen daraus? Nehmen wir etwa das fahrerlose Autofahren: Wir kommen überall hin und können nebenher auch noch etwas anderes machen. Auf das Handy schauen, ...

... arbeiten. Also Sachen gleichzeitig machen, wie fernsehen und twittern. Selbst auf der Toilette werden noch E-Mails verschickt. Ein Ergebnis der Leistungsgesellschaft?

Gute Frage. Wir leben in einem Gesellschaftssystem, wo in vielen Ländern dieser Welt keiner mehr gezwungen wird, irgendwas zu tun. Früher mussten sich Arbeiter noch von irgendwelchen Kapitalisten in einer Fabrik ausbeuten lassen, um nicht den sozialen oder finanziellen Tod zu sterben. Heutzutage braucht es aber gar niemanden mehr, der einen ausnutzt und ausbeutet. Wir erledigen das mittlerweile selbst.

Hat Corona die Situation verschärft?

Die Schere zwischen Arm und Reich, zwischen Gewinnern und Verlierern geht noch weiter auseinander. Die einen werden sich nach der Krise die Augen reiben und fragen: „War irgendwas?“ Die anderen, damit meine ich Künstler, Selbstständige, Gastronomen, Menschen, die schon vor der Krise finanzielle Probleme hatten, gehen wohl kaputt. Nicht deshalb, weil sie nichts leisten wollen, sondern coronabedingt nichts leisten können.

Wie läuft es bei Ihnen nach einem Jahr Lockdown?

Ich mache seit 20 Jahren Musik und bekomme die Entwicklungen in diesem Bereich hautnah mit. Mittlerweile sind wir an einem Punkt angelangt, an dem der Tonträger kaum noch einen wirtschaftlichem Wert hat. Das ganze Ding funktioniert nur noch über Auftritte und Shows. Klappt das gut, dann kann man sich als Independent-Künstler sein Leben halbwegs finanzieren. Aber nun sind Konzerte ersatzlos gestrichen, was uns zur Frage bringt: Ist das okay, wie kreative und kulturelle Leistungen vergütet werden? Kann es so, wie es derzeit läuft, also das sich riesige Konzerne künstlerischen Content gegen wenig Geld einverleiben – dauerhaft weitergehen? Ich denke nein. Das macht auch die Krise sehr gut sichtbar.

Man könnte aber auch sagen: “Ich mache da nicht mit und stelle meine Musik nicht  via Spotify und Co. zur Verfügung”.  

Das will ich aber nicht, denn ich möchte mit meiner Musik ja Menschen erreichen, gehört werden. Und derzeit geht das halt am besten über die Streaminganbieter. Ich selbst nutze diese Angebote ja auch und finde sie toll. Das Problem ist ja nicht das Service, sondern die fehlende faire Vergütung für die Künstler.

Wie würde eine faire Vergütung aussehen?

Ich kann das jetzt nicht genau benennen. Ich weiß nur, dass meine Einnahmen daraus in der ganzen wirtschaftlichen Planung keine Rolle spielen. Auf der anderen Seite stehen Konzerne wie Apple, Spotify, Amazon und Google, die im Prinzip mit dem Content der Welt handeln und immer reicher und mächtiger werden. Das ist doch geisteskrank.

Was kann man dagegen machen?

Darüber reden. Es infrage stellen und einen Diskurs starten. Denn es ist nicht okay, wie es derzeit läuft. Es ist nicht die freie, demokratische und gerechte Welt, in der ich – und wohl viele andere auch – leben möchten.

 

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