© Wiener Staatsoper/Michael Pöhn

Premiere
04/18/2021

"Parsifal"-Kritik: Zur Oper wird hier die Zeit

Richard Wagners Bühnenweihfestspiel in Starbesetzung und Neudeutung an der Wiener Staatsoper

von Gert Korentschnig

*Wie Sie den Wiener "Parsifal" sehen können, lesen Sie am Ende des Artikels*

Allein die Stattfindung würde in der KURIER-Wertung fünf Sterne verdienen: Die Wiener Staatsoper bringt in künstlerisch so mageren Zeiten eine neue Eigenproduktion auf die Bühne und trotzt damit – als einziges Haus im großen Stil – der Pandemie. Noch dazu nicht irgendeine Premiere – zwei hübsche Belcanto-Stunden, ein paar wenige Protagonisten auf der Bühne, kleine Besetzung im Graben – sondern eines der größten Werke der Opernliteratur: Richard Wagners „Parsifal“ mit einer Hundertschaft an Sängern und dem größten Orchesterapparat. Die Staatsoper lebt, ob für Publikum geöffnet oder geschlossen. „Im Grabe leb’ ich“, heißt es im „Parsifal“, passt leider zur aktuellen Lage.

Im Zuschauerraum: Nur etwa ein Zehntel im Vergleich zu den in diesen knapp fünfeinhalb Stunden künstlerisch Tätigen. Am Ende gibt es keinen Applaus (nach dem ersten Aufzug ist er bei „Parsifal“ ohnehin verpönt), würde auch seltsam klingen im Fernsehen, die paar klatschenden Hände.

Dennoch kann man sich, in Kenntnis der „Parsifal“-Produktionen der vergangenen Jahrzehnte an der Staatsoper, ausmalen, wie die Reaktion bei vollem Haus ausfiele: Jubel für die Sänger, Buhs für die Inszenierung. Weil Regisseur Kirill Serebrennikov mit in Wien fest einzementierten Erwartungshaltungen bricht. Dabei ist die Staatsoper mit dieser Produktion endgültig im 21. Jahrhundert angekommen, optisch, interpretatorisch, intellektuell.

Das Denkmal

Dieser „Parsifal“ solle ein Denkmal der Pandemie sein, sagte Serebrennikov, der Russland nicht verlassen darf und von seiner Moskauer Wohnung aus via Zoom inszenierte, im Vorfeld. Schon per se ist „Parsifal“ das Werk zum Lockdown: ein egozentrisches Fehlverhalten, das zu einer Wunde in der Gesellschaft führt; Intensivpatienten, wohin man schaut; ewig langes Warten auf Heilung; ein Tor, den man naiv zum Erlöser stilisiert und der die Erwartungen erst viele Jahre später erfüllen kann; endlose Erzählungen im Stil von Pressekonferenzen; Verlockungen durch Blumenmädchen, endlich wieder einmal ins Freie zu gehen; und am Ende die Erkenntnis, dass nur der Speer, der die Wunde schlug, diese auch heilt.

Was uns all das wohl über den Zustand unserer Welt sagt? Das Bühnenweihfestspiel „Parsifal“, das schon mit einer Generalpause beginnt, ist das Stück zur Krise – zur Oper wird hier die Zeit.

Präzise wie ein Zählwerk

Allein schon die himmlische Musik, die hier zu Wellen anschwillt wie in keinem anderen Werk, die gleichermaßen bedroht und beruhigt, die Hoffnung gibt, obwohl man weiß: die nächste Welle steht bevor. Wie Musikdirektor Philippe Jordan diese gestaltet, wie er die Premiere mit dem phänomenalen Orchester zum Ereignis macht, ist große Kunst. Bei ihm ist „Parsifal“ kein rein emotionaler Koloss, Jordan analysiert, überprüft jeden Baustein, hinterfrägt alle Details, lässt die Wellen erst zart, dann hart wachsen und hat sie immer unter Kontrolle. Das braucht seine Zeit, die nimmt er sich. Und er macht – huch, schon wieder ein pandemischer Vergleich – klar, warum Mathematik plötzlich wieder wichtig ist. Dieser „Parsifal“, präzise wie ein Zählwerk, ist feinst strukturiert, intellektuell schlüssig und dennoch klangvollendet. Aus der Kontrolle erwächst die Freiheit, die Jordan mit den Musikern so eindrucksvoll zelebriert.

Auch die Besetzung – mit Ausnahme von Jonas Kaufmann in der Titelpartie und Ileana Tonca als Blumenmädchen lauter Rollendebüts an der Staatsoper – ist (weih-) festspielwürdig und hat einen einzigen Nachteil: dass man sie in dieser Form nicht mehr so bald erleben kann.

Die Sänger

Enorme Verführungskraft

Dass Kaufmann ein grandioser Parsifal ist, weiß man in Wien, München, Bayreuth, New York etc., sein traumhaftes Timbre wird immer dunkler, die Hürden der Höhen bewältigt er und singt berührend schön, wenn auch nicht sehr heldisch.

Grandios ist Ludovic Tézier als Amfortas mit nobler Phrasierung und ausreichend Kraft für seine herzzerreißenden Ausbrüche. Georg Zeppenfeld als Gurnemanz führt kultiviert und profund durch die Geschichte, Wolfgang Koch ist ein markanter, bedrohlicher Klingsor, Stefan Cerny ein solider Titurel.

Fabelhaft gelingt das Debüt von Elīna Garanča als Kundry: hochdramatisch, stets gesungen, nie gebrüllt, mit enormer Verführungskraft in ihrem farbenreichen Mezzo. Auch die kleineren Rollen sind gut besetzt, der Chor singt mitreißend. All das hört sich an wie ein „Parsifal“ von Weltrang. Und wie sieht es sich an? Ebenso, dank einer zeitgemäßen, aus dem Geist des Werks entstandenen und dessen Atmosphäre einfangenden Regie.

Die Inszenierung

Die Bühne (ebenfalls von Serebrennikov) besteht aus drei übereinander liegenden Teilen. Unten sieht man den gealterten Parsifal, der seine Geschichte noch einmal durchlebt und durchaus zu beeinflussen versucht. Darüber liegt ein Gefängnis, mutmaßlich in Sibirien. Und oben zeigen Videos alternierend Szenen aus der Haft oder von der Wanderschaft des Protagonisten. Dieser wird vom Schauspieler Nikolay Sidorenko gespielt, Kaufmann begegnet also sich selbst als junger Tor, in Kapuzenjacke statt wie sonst in Ritterrüstung.

Dieser Zugang ermöglicht durchaus Erkenntnisse, wenn etwa während der ersten Verwandlungsmusik Parsifal noch nicht zu seinem späteren Ich finden kann. Oder wenn der junge Parsifal durch Klingsors Zaubergarten wandert, was oft dümmlich daherkommt. Diesmal ist Klingsors Reich ein Medienunternehmen, und die Blumenmädchen sind Influencerinnen, die Parsifal jr. zum nackten Posterboy mit Kreuz stylen. Zuvor hatte Kundry eine Story zu „The Prison“ recherchiert und die Gralsritter, diesmal allesamt Gefangene, fotografiert. Klingsor wird von ihr erschossen, einen Speer gibt’s da nicht. Und der Gral? Der kommt per Post, wahrscheinlich von Amazon.

Unter die Haut

Dennoch sieht man typische Parsifal-Bilder: Gurnemanz ist der Gefängnis-Tätowierer und zeichnet den Insassen diese auf den Körper. Hier geht die vielleicht symbolreichste Oper unter die Haut. Wenn Parsifal den heiligen Schwan erlegt, tötet er hier – mit einer im Mund versteckten Rasierklinge – einen unschuldigen Gefangenen mit tätowierten Flügeln.

Gefängnis trifft auf Medienbusiness – wie geht sich das aus? Sehr gut, weil durch die Haftanstalt das Eingesperrtsein der Gralsritter, die Verzweiflung, das Warten auf Befreiung adäquat dargestellt werden können. Und weil auch die Unbeschwertheit da draußen, in der Medienszene, nur flüchtig ist – auch die Blumenmädchen landen im Gefängnis. Ein Plädoyer für Pressefreiheit und gegen Unterdrückung.

Mit dieser Inszenierung bringt Serebrennikov eine starke heutige Geschichte auf die Bühne, weit über seine eigene hinausgehend. Buhen können die jahrzehntelang mit traditionellen Wagner-Bildern Geimpften ja dann, wenn sie ins Theater dürfen.

LINK: Der "Parsifal" ist sieben Tage lang in der ORF-TVThek abrufbar und
bis 17. Juli 2021 auf ARTE

"Der Fall Parsifal": Eine gekürzte und kommentierte Version mit Interviews zeigte der ORF am Samstag

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