ORFIII-Chef Schöber: Co-Produktionen mit ARTE starten

© KURIER/Gilbert Novy

ORFIII ist kein Feigenblatt
10/27/2016

"ORFIII ist kein Feigenblatt"

ORFIII ist 5. Senderchef Schöber über Zielgruppen, Ingrid Thurnher und Gebühren.

von Christoph Silber

Viel Lob und eine ROMY hat ORFIII in den 5 Jahren seines Bestehens erhalten. Mit täglich 600.000 Sehern ist man unter vergleichbaren Sendern top. Aber Programm-Geschäftsführer Peter Schöber ist anderes wichtig.

KURIER: 5 Jahre ORF III – wie lautet Ihre Bilanz? War es mühsam?

Peter Schöber: Eine Hetz war es. Wann hat man schon die Chance, etwas komplett Neues aufzubauen? Ich hatte das Glück schon beim Ars Electronica Center und dann bei ORFIII. Das ging vom ersten Konzept dafür los, über den Sendestart bis jetzt, mit einer kleinen feinen Mannschaft, beschränkten Mitteln, aber vielen Freiheiten. Dazu gehört auch, dass ein Großteil dieser Mannschaft zuvor gar nicht im ORF gearbeitet hat.

ORF III bekommt jede Menge Zuspruch. Kritik daran ist fast verpönt und das in einem Land, in dem Raunzen eine Kulturtechnik ist.

Die ist auch ein Verdienst des Alexander Wrabetz. Er hat 2008, als die Wirtschaftskrise sonst überall zu Einschnitten geführt hat, den Planungsstart für diesen neuen Sender gegeben. Der Auftrag war ganz klar, Publikum, das bei Spartensendern wie Phoenix, ZDFkultur, ARTE oder 3sat war, zurück zum ORF zu holen – Fernsehen ist eben ein Verdrängungssmarkt. Das ist aufgegangen. Es ging aber nicht darum ORFeins oder ORF2 zu konkurrenzieren.

Wie schaut eigentlich die Zielgruppe von ORFIII aus?

Mit ORFeins-Konsumenten haben wir keine wesentliche Überschneidung und auch bei ORF2 liegt sie nur dort, wo es um die Hardcore-Info wie die "ZiBs" geht. Die größte Überschneidung in der ORF-Senderfamilie gibt es mit Ö1-Hörern mit 80 Prozent und mit FM4-Hörern mit 20 Prozent. Im Sinne der ORF-Flotten-Strategie ist das ideal. Denn der Großteil der Radionutzung ist zwischen 6 und 14 Uhr, die des Fernsehens hingegen am Abend.

Erwin Wurm sagte im ORFIII-Geburtstagsfilm: „Eigentlich gehört das ORFIII genommen und in ORFeins oder ORF2 gesteckt.“

Ich widerspreche Erwin Wurm ungern, aber in diesem Fall massiv. Eine Flottenstrategie hat ja den Sinn, inhaltlich möglichst viele Seherbedürfnisse auf unterschiedlichen Kanälen abzudecken. Und wie gesagt: Die vielen ORFeins-Nutzer erreicht ORFIII gar nicht und jene von ORF2 nur bedingt – weil es auch nicht unsere Aufgabe ist.

Ist Ihr Sender das Feigenblatt des ORF-Fernsehens?

ORFIII ist kein Feigenblatt sondern eine Ergänzung und Erweiterung des ORF-Angebots. Unser Programmauftrag ist ganz klar umrissen mit den vier Programmsäulen: Kultur / Volkskultur / Regionalität und Religion; Zeitgeschichte / Zeitgeschehen / Wissenschaft und Bildung; Information / europäische Integration und Stärkung des Demokratieverständnisses sowie Kunst und Kultur. Zum gesetzlichen Programmauftrag des ORF gesamt gehört aber auch eben Unterhaltung oder Sport..., was wir auf ORF III bewusst nicht abdecken. ORF III ist ein sehr fokussierter Sender. Und was an dieser Stelle auch zu betonen ist: Der ORF hat – trotz der Einführung von ORFIII – keine einzige Sendefläche mit anspruchsvollen Inhalten in ORFeins oder ORF 2 eingestellt. Das ist nachprüfbar nicht geschehen. Das heißt, entgegen der Meinung mancher Kritiker, ist es zu einer erheblichen Ausweitung von zutiefst öffentlich-rechtlichem Programm gekommen, z. B. wurde der ORF-Kultursommer umfassend ausgebaut.

Wo liegen die Defizite des Senders? Es läuft ja derzeit heimlich, still und leise ein kleine Programmreform.

Das gehört zu den schönen Dingen bei ORFIII, das nicht alles an die große Glocke gehängt werden muss. So wie wir das beispielsweise auch nicht bei den Quoten tun, auch nicht, wenn sie, wie oft, gut sind. Aber das würde die Innovationsfreudigkeit hemmen, wenn man immer nur auf die Reichweiten schielt. Wo wir noch Bedarf haben, ist der Bereich Wissenschaft - gestartet wurde hier mit "Quantensprung", das mittwochs läuft - aber auch Wissensvermittlung. Darunter verstehe ich etwa ein intelligentes Bildungsquiz. Auch die Wirtschaftskompetenz müssen wir noch stärken. Massiv ausbauen wollen wir auch noch die Zeitgeschichte und unseren Klassik-Slot am Sonntag Hauptabend – all diese Dinge sind Kernkompetenzen des Senders und werden auch von unserem Publikum sehr gut angenommen.

Welche Reformen im ORFIII-Programm finden derzeit statt?

Das Programmschema, das wir zu Beginn entwickelt haben, hat grosso modo funktioniert. Die mittlerweile 30 Eigenformate prägen den Sender und haben wesentlich dazu beigetragen, so schnell ein großes Stammpublikum zu generieren. Was jetzt kommt, ist keine Reform sondern ein “Feintuning“. Am Dienstag laufen im ersten und zweiten Hauptabend Eigen- bzw. Auftragsproduktionen. Danach hatten wir bisher den Europäischen Film. Wir wollen nun aber an dieser Stelle den Bildungsauftrag mit "Mythos Geschichte" weiterziehen. Viele Sender setzen ja immer stärker auf Fiction. Wir haben aber festgestellt, dass das nur gut funktioniert im Rahmen von Schwerpunkt-Programmierungen wie z.B. Literaturverfilmungen, die es weitergeben wird. Als nächstes stehen Änderungen am Mittwoch an, wo wir ebenfalls Fiction durch Doku und Magazin – wie eben "Quantensprung" – schrittweise ersetzen.

Eine gewisse Schwäche von ORFIII ist, dass man zwar stundenlang Parlamentssitzungen zeigt, man aber nicht den Kanal großflächig nutzt, wenn Ereignisse passieren wie etwa der Putsch in der Türkei und ähnliches. Warum ist es so?

Der Programmauftrag von ORFIII ist es nicht, ein 24-Stunden-Newssender zu sein. Aber natürlich kann man darüber diskutieren, wenn es um internationale politische oder chronikale Ereignisse geht. Wir können als kleine Unit da sehr schnell reagieren, was wir ja auch schon gemacht haben. Da wird sich auch die neue Chefredakteurin Ingrid Thurnher sicher Gedanken dazu machen. Allerdings braucht es dafür auch mehr Personalkapazität.

Das heißt, es bräuchte da eine größere Durchlässigkeit über ORF-Sendergrenzen hinweg?

Da bin ich sehr dafür, solange es klare Verantwortungen im Sinne des angestrebten Channelprinzips gibt.

Ingrid Thurnher ist ein prominenter Neuzugang bei ORFIII. Wie kam es zu dazu?

Ich habe sie gefragt. Sie ging vor unserem Treffen davon aus, dass sie weitere Moderationen übernehmen sollte. Ich wollte sie dafür, aber auch und vor allem als Chefredakteurin. Nach einer kurzen Bedenkzeit hat sie zugesagt. Dann wurde es noch mit dem Generaldirektor besprochen und von ihm gutgeheißen. Ich bin davon überzeugt, dass Thurnher diese Managementfunktion sehr gut ausfüllen und viele neue Ideen einbringen wird, vom Themenmontagsgespräch bis hin zum gesellschaftsrelevanten Diskurs abseits der Tagespolitik.

Größere Sprünge kann ORFIII nur machen, wenn es budgetär entsprechend ausgestattet ist. Eigentlich sollten die Mittel aufgestockt werden. Jetzt schaut es aber so aus, als würde der ORF keine Gebührenerhöhung bekommen. Die Planungen im Haus müssen deshalb von gravierenden Einsparungen ausgehen.Wie ist die Lage?

Der ORF hat in den vergangenen Jahren sein Leistungsspektrum massiv ausgeweitet. Unter anderem ist das auch mit ORFIII geschehen. Wir, aber nicht nur wir, sind ein guter Grund für eine Programmentgelt-Anpassung. Es gab ja in den letzten Jahren nicht einmal eine Inflationsabgeltung, wie das sonst bei städtischen Gebühren und ähnlichem der Fall ist. Unsere kaufmännische Geschäftsführerin, Eva Schindlauer, ist eine kaufmännische Ermöglicherin im besten Sinne des Wortes und achtet darauf das jeder Cent mehr Budget 1:1 in die Produktionslandschaft und österreichische Wertschöpfung geht. Ich meine, ORFIII ist eines von vielen guten Argumenten für eine Gebührenanpassung.

Und wenn die nicht kommt?

Dann wird es für alle im ORF sehr, sehr schwierig.

Gibt es noch ein Lieblingsprojekt, das Sie umsetzen möchten?

Das eine ist das intelligente Bildungsquiz, aber wir haben eine ganze Reihe von spannenden Projekten in den Schubladen. Was in Umsetzung ist, sind Co-Produktionen gemeinsam mit ARTE. Zum Beispiel betrifft das eine Reihe über das österreichische Staatsarchiv. Darin wird die europäische Geschichte aus diesem Blickwinkel heraus aufgerollt. In Entwicklung ist auch eine Reihe über Habsburger, über die es dokumentarisch nicht so viel gibt wie beispielsweise den Reformer Joseph II. Auch in der Zeitgeschichte ist einiges denkbar.

Vielen Dank für das Gespräch

Daten und Fakten zu ORFIII

Tagesreichweiten:

2016 sahen bislang (Jänner bis September) im Schnitt pro Tag 594.000 Personen ORF III – damit um 50.000 mehr als im Vergleichszeitraum 2015 (+9 %) und um 142.000 (+32 %) mehr als 2014. Im Jahr 2016 erreichte der Sender bislang in vier von neun Monaten eine durchschnittliche Tagesreichweite von über 600.000 und das vor den reichweitenstarken Herbst- und Wintermonaten.

Marktanteil:

Stetig wachsende Marktanteile: nach 0,9 % MA im Jahr 2012 und 1,2 % im Jahr danach, konnten 2014 bereits 1,3 % erzielt werden. 2015 stiegen die Marktanteile abermals markant an und erreichten 1,6 %. Im Jahr 2016 erreicht der Sender bislang mit 1,8% Marktanteil eine weitere deutliche Steigerung.

Vergleich mit Deutschland:

Am deutschen Markt gibt es keinen einzigen Sender in diesem Segment, der einen so hohen Marktanteil hat wie ORF III in Österreich: ZDF info und 3sat kommen in Deutschland auf je 1,2 %, arte auf 1,1 %, Phönix auf 1,0 %, alle anderen Sender liegen weit darunter (Werte vom September 2016).

ORF III in HD:

Im laufenden Jahr fand bereits 27 Prozent der gesamten ORF-III-Nutzung in HD statt. Pro Quartal sehen rund 1,5 Mio. ORF III in HD (weitester Seherkreis).

Technische Reichweite:

Die technische Reichweite von ORF III hat sich über die vergangenen Jahre kontinuierlich erhöht und liegt aktuell bei (September 2016) 6,93 Millionen Personen – das sind 95 Prozent aller Personen 12+ in TV-Haushalten.

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