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ORF
12/21/2018

ORF-Unterhaltungschef Böhm: „In 20 Jahren keine Intervention gehabt“

Nach 43 Jahren im ORF geht Edgar Böhm in Pension. Interview über die Krise der großen Show, über Streaming und die Zukunft der Unterhaltung.

von Georg Leyrer, Markus Spiegel

KURIER: Sie waren 43 Jahre im Unternehmen, davon 20 Jahre als TV-Unterhaltungschef. Nun wurde Ihr Posten nur interimistisch nachbesetzt. Braucht der ORF in diesen Zeiten eigentlich einen Unterhaltungschef?

Edgar Böhm: Ja natürlich. Das ist ein großes Programmfeld, das in unserem öffentlich-rechtlichen Auftrag drinnen steht. Es ist eine eigene Profession, gut zu unterhalten. So zu unterhalten, dass man dem Rundfunkgesetz entspricht, aber trotzdem, und das ist das Prinzip der Unterhaltung, auch an die Grenzen geht. Speziell wenn man an die Satire denkt.

Man hat aber den Eindruck gewonnen, dass die budgetären Grenzen so eng sind, dass die Kreativität in der Unterhaltung massiv eingeschränkt wird.

Das stimmt, die letzten zwei Jahre waren, große Eventshows betreffend, eine Durststrecke und ich hoffe sehr auf Veränderung. Man sieht, kaum haben wir eine neue Staffel „Dancing Stars“ angesetzt, was das für Staub aufwirbelt. Ich kann nur hoffen, dass der Gesetzgeber bei seiner neuen Rundfunkreform die Unterhaltung entsprechend beachtet. Die Zuschauer haben ein Recht darauf, sie warten darauf und bezahlen auch ihre Gebühren dafür.

Das eine ist, die zwölfte Staffel von „Dancing Stars“ zu programmieren, das andere ist, Formate zu entwickeln, die funktionieren. Man braucht Geld, einen langen Atem und Support im Haus. Gibt es das den für den neuen Unterhaltungschef?

Ich gehe davon aus, weil man jetzt gemerkt hat, dass die Samstag-Abend-Unterhaltung, die wir mit großen Koproduktionen machen....

.... durchgängig nicht funktioniert.

Na ja, allemal. Mit 20 bis 30 % Marktanteil sind wir eigentlich recht zufrieden. Wir waren in Cannes und anderen internationalen Programmmessen und sehen, dass immer weniger riskiert wird. Früher hat man etwas ausprobiert, hat dem auch Zeit gegeben und dann hat sich das etabliert, war dann Standard und ist zum Klassiker geworden.Ich werde nie vergessen, wie „Dalli dalli“ die erste Ausgabe hatte. Die Bild-Zeitung hat am nächsten Tag getitelt: „Aus! Größter Schwachsinn aller Zeiten!“ Das war einer der Mega-Klassiker. Das stimmt, diese Entwicklungszeit, diese Geduld, diese Ruhe, diese materiellen Mittel gibt es nicht mehr und daher ist die Risikobereitschaft auf null gesunken.

Es muss frustrierend sein, wenn man gar nichts machen kann und sich nur auf eine neue Staffel „Dancing Stars“ freut?

Die Unterhaltungsabteilung produziert mehrere tausend Sendungen pro Jahr – von den Seitenblicken über Barbara Karlich, Kinderprogramm, Volksmusik-Formate und Kulinarik-Sendungen. Außerdem gibt es in meiner Abteilung Beispiele wie das neu entwickelte Showformat „Kabarettgipfel“, wo es nach vielen Jahren gelungen ist, Kabarettisten in den Hauptabend zu bringen. Was früher im Keller stattgefunden hat, ist heute in einer zwei Mal ausverkauften Wiener Stadthalle. Das Schweizer Fernsehen wird künftig koproduzieren. Die haben eine hoch spannende, junge Kabarett-Szene. Und es gibt hohes Interesse aus Deutschland, in dieses Format einzusteigen. Mit „Pratersterne“ ist es uns gelungen einen Brückenschlag zwischen etablierten und ganz jungen Kabarettisten herzustellen.

Viele TV-Zuschauer haben ihre Fernsehgeräte abgemeldet, weil sie durch schnelles Internet mittlerweile ihr eigener Programmdirektor geworden sind. Das betrifft auch viele Jugendliche. Wie können sie dem entgegenwirken?

Es sind die Events, die großen Ereignisse, die live passieren, egal welches Genre. Dort wird Fernsehen immer die Nummer eins sein und kann nicht übertroffen werden. Die Trimedialität wird die Herausforderung für die nächste Fernsehmacher-Generation. Aber man muss auch ganz klar sagen: Das lineare Fernsehen ist nach wie vor mit großem Abstand die dominierende Form der Mediennutzung und hat mit durchschnittlich 186 Minuten pro Tag einen Höchststand erreicht.

 

War man früher unbotmäßiger?

Das ist die ORF-Unterhaltung nach wie vor. Schauen sie sich „Willkommen Österreich“ an oder unsere Kabarettprogramme. Frechheiten und Spitzen sind auch bei „Was gibt es Neues?“, sonst würden ein Lukas Resetarits oder ein Thomas Maurer nicht kommen. Sie können sich in der Szene erkundigen. Wir haben keinerlei Zensur. Ich habe in diesen 20 Jahren in diesem Bereich keine Intervention bekommen. Weder von außen noch von innen. Dort, wo wir uns selber Grenzen setzen, werden sie uns vom Rundfunkgesetz vorgegeben. Das ist nachvollziehbar. Wo Menschen in ihrer Persönlichkeit beleidigt werden, wo man mit Kandidaten spöttisch umgeht, so dass sie nicht mehr in ihren Alltag zurückkehren können, ohne lächerlich gemacht zu werden. Wir haben Hunderte Castingshows gemacht, wo das leicht möglich gewesen wäre. Das ist nie passiert.

In vielen anderen Ländern laufen immer noch sehr erfolgreich die Castingshows. Warum nicht beim ORF?

Ganz einfach. Dazu haben wir derzeit leider keine Budgetmittel. Wir wissen, dass das Publikum das liebt.

Ist „Dancing Stars“ billiger“?

Nein. Das ist der Grund, warum wir letztes Jahr keine Sendung gemacht haben. Aber ich gehe davon aus, dass durch die Neupositionierung der Kanäle viele kleinere Formate, die auch zum Grundnahrungsmittel des Zuschauers gehören, stattfinden.

Wie viel Budget bräuchten man für die Unterhaltungssparte, damit man gut arbeiten kann?

Das sind verglichen mit früher einige Millionen, die fehlen. Die Budgeteinsparungen gehen aber durch alle Abteilungen des ORF.

International gesehen sind satirische „Late Night Shows“ sehr erfolgreich, die fehlen bei uns völlig.

ORFeins-Channel-Managerin Lisa Totzauer hat für 2019 die Satire-Show „Gute Nacht Österreich“ mit Peter Klien angekündigt. Auch „Willkommen Österreich“ ist ein sehr eigenständiges österreichisches Late-Night-Format auf ORFeins, das gerade von jungen Zuschauern sehr gut angenommen wird. An solchen Beispielen muss man weiter arbeiten. Infotainment, wie Hanno Settele es macht, ist auch zukunftsweisend.

Wie schaut die TV-Unterhaltung in zehn Jahren aus?

(lacht) Wenn ich das wüsste, könnte ich es verkaufen und wäre sehr reich in meiner Pension. Ich glaube aber, das ist banaler, als man es glaubt. Die Regionalisierung ist wichtig. Was geschieht unmittelbar in meiner Umgebung? Das ist wesentlich, um Zuschauer wieder an das Fernsehen zu binden.

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