Kultur
17.09.2017

ORF-Ameisenrunde: Peter Pilz am Katzentisch

TV-Tagebuch: Barbara Rosenkranz, Roland Düringer, viel Systemkritik, ein Astraltunnel und ein Aufdecker

* Disclaimer: Das TV-Tagebuch ist eine streng subjektive Zusammenfassung des TV-Abends.*

Zu jeder Wahl gibt es eine „Elefantenrunde“ mit den Chefs der im Parlament vertretenen Parteien. Die weniger prominente „Ameisenrunde“ ist für jene da, deren Organisation (Bewegung, Partei, Gaudepartie..., die Linien verlaufen in diesem Starterfeld oft nicht ganz gerade) erst in den Nationalrat einziehen muss. Der ORF lud die fünf noch nicht vertretenen, aber wählbaren Gruppen am Sonntagvormittag ein.

Ist es fair, kleine Gruppierungen mit effizient organisierten Insekten zu vergleichen, die über eine hochspezifizierte Arbeitsteilung verfügen? Immerhin lehnen zwei von fünf Teilnehmern der Runde die in der hiesigen Spielart der Demokratie vorherrschende Auslagerung von Aufgaben an Fachleute rundheraus ab.

Aber der Reihe nach.

Es sprechen:

  • Peter Pilz (als er selbst)
  • Mirko Messner (KPÖ-Chef, nach einem Upgrade um Flora Petrik KPÖ PLUS-Chef)
  • Barbara Rosenkranz, (Hardcore-Freiheitliche, FLÖ-Chefin)
  • Isabella Heydarfadai (Angefressene, Spitzenkandidatin von Die Weissen)
  • Roland Düringer, (das was theoretisch herauskäme, wenn man einen lustigen Menschen mit einem Reichsbürger kreuzt, Liste GILT)

"Frau Rosenkranz, Ihr Vorschlag"

Moderatorin Ulla Kramar-Schmid wirft ein erstes inhaltliches Hölzchen und schaut, was passiert: „Immer wenn Wahlkampf und Schulbeginn zusammenfällt, wird das Thema akut. Wie geht man mit nicht deutschsprachigen Kindern um? Frau Rosenkranz - Ihr Vorschlag…“

Rosenkranz (versucht beim Auf-die-Ausländer-Schimpfen möglichst fürsorglich dreinzuschauen): „… Bildung muss das Beste aus jedem Kind herausholen…“ Aber: „Ein Lehrer muss wissen, dass er verstanden wird.“ Überhaupt, die Zuwanderer…

Kramar zu Pilz: „Was sind ihre konkreten Forderungen?“ Pilz (der immer noch nicht einsieht, dass ausgerechnet ER auf diesem elenden Katzentisch sitzen soll): „Darf ich noch eine Frage stellen: Wir sind die im Nationalrat nicht vertretenen Parteien? Ich weiß nicht, hab’ ich mein Mandat verloren?“ Er liest aus dem ORF-Gesetz vor, in dem erstaunlicherweise immer noch kein Paragraf über die Bedeutung von Peter Pilz ergänzt wurde.

Messner (kehrt zum Schulthema zurück und holt im schönsten Kärntnerisch aus): „Ich persönlich hab' bis zu meinem siebendem Lebensjahr kein Deutsch gekonnt. Innerhalb von 3 Monaten war ich bei den besten, die Deutsch sprechen konnten.“ (Im Rest Österreichs freut man sich über die Erkenntis, dass dieser Dialekt auch Deutsch ist.)

Düringer (war auch in der Schule): „Ich für meinen Teil bin in Favoriten aufgewachsen. Wenn ich meine Muttersprache spreche, versteht mich meine Tochter nicht mehr.“ (Der Verwandschaft geht es mit ihm also auch so wie uns.)

"Eine der größten..."

Messner (der einzige in diesem Wahlkampf, der glaubt, dass Gutmenschen am 15. Oktober etwas reißen werden): „Es ist eine der größten kulturellen Sauereien, die Vermischung zwischen Terrorismus und Einwanderung…“

Rosenkranz presst verächtlich Luft durch die Lippen. Messner erfriert auf der Stelle.

Heydarfadai (stolz): „Auch hier nehmen wir ganz bewusst keine Position ein. Das wissen die Menschen.“ Sie hält den hiesigen Parlamentarismus für schlecht, so viel wird in weiterer Folge klar. „Wir geben für irgendwas eine Stimme. Das kann nicht sein.“

Kramar-Schmid (versucht ihr freundlich den Grund für diese gemütliche TV-Vormittagsrunde in Erinnerung zu rufen): „Aber die Österreicher sind dazu aufgerufen, am 15. Oktober eine Stimme abzugeben.“

Heydarfadai (problembewusst): „Genau…!“

Düringer (volley): „…das ist das Problem!!! Wir geben sie ab! Das ist eine repräsentative Demokratie sondern eine Demokratie der Repräsentanten.“ (Liebe Familie Düringer: We feel you.)

Rosenkranz (noch ganz auftrainiert von den zurückliegenden FPÖ-Wahlkämpfen): „Die direkte Demokratie eine fantastische Ergänzung!“

Genug Experten

Düringer findet, dass man „draußen“ (also am Stammtisch) ohnehin über genug Experten für gelungene Politik verfüge. Aber was, wenn die sich doch nicht auskennen sollten? „Wenn ich mitmache und mir ist klar, da komme ich nicht mehr mit, dann werde ich automatisch aussteigen.“ (Oder aber man setzt sich mit Tarnjacke und Clownsfrisur in eine ORF-Diskussionsrunde, um krude Thesen zu verbreiten. Nur so eine Idee.)

Die Weissen, die Gesetzestexte via App verschicken wollen, werden angesprochen.
Heydarfadai (schon ganz Politprofi; sie will auch mit ORF-Kritik in die Zeitung kommen): „….bei der ZiB2 haben sie gesagt, dass wir kein Programm haben!“

Kramar-Schmid (die dort in der angesprochenen Redaktion sehr erfolgreich arbeitet) wendet trocken ein: „Auf der Homepage steht ja nichts.“

Heydarfadai: „Aber wir haben davor eine Pressekonferenz gemacht und der ORF war da sogar da und hat Fragen gestellt und dann wissen sie auf einmal nichts mehr.“

Pilz (entdeckt die Langsamkeit als rhetorisches Stilmittel und spricht wie durch einen Astral-Tunnel zu Düringer): „Es gibt ein paar Punkte, die mir an ihrem … Konzept… ausgesprochen… sympathisch….sind.“

Düringer (hört schon Stimmen): „Jojo!“

Pilz fährt fort: „Ich sag' Ihnen, Herr Düringer, lieber Roland.“

Düringer: „Lieber Peter.“

Pilz sagt also seinem Duz-Freund in langen Worten, was der sicher ohnehin schon weiß. Nämlich, was bei der parlamentarischen Kontrolle am wichtigsten ist: Peter Pilz. Oder wenigstens jemand mit der Erfahrung von Peter Pilz. Die aber halt nur ein Peter Pilz hat.

Mirko Messner erklärt nach einer dreiviertel Stunde Systembashing der anderen Splitterfraktionen originellerweise, die KPÖ Plus sei die einzige Gruppe, „die diese prinzipielle Systemfrage stellen“.

Rosenkranz gibt eine Lehrstunde in Europapolitik: „Die EU ist eine Ansammlung von Verträgen, die man einhalten kann oder nicht." Das sehe man in der Schweiz (kein EU-Mitglied), das sehe man in Großbritannien (bald kein EU-Mitglied mehr, mit aktuell null aufrechten Verträgen in der Hand).

Auch bei Obamacare kennt sich die Niederösterreicherin dank Milton Friedman aus und würfelt eine 2017er Variante der Kombination von „national“ und „sozial“ auf den Tisch: „Ein Sozialstaat setzt einen Nationalstaat voraus.“ (Nationalstaatsozialismus wäre eigentlich ganz catchy, aber wer weiß, was die Medien DARAUS wieder machen würden…)

Pilz versucht zum Schluss noch einmal dreimal so langsam wie alle anderen zu reden. Was im Nachhinein übrigens die beharrliche ORF-Entscheidung rechtfertigt, ihn in keine TV-Duelle einzuladen (er wäre mit seinen Argumenten vor dem 15. Oktober unmöglich fertig).

Düringer, der heute selbst ein bißchen an Kopfschmerz erinnert, vergleicht das politische System mehr oder weniger mit Karies: „Nehmen sie wieder die Schmerzmittel oder reißen Sie ihn endlich?“

Pilz (schon wegen seines Nachnamens für ein gutes Sprachbild immer zu haben, ruft plötzlich blitzschnell): „Was ist, wenn alle Zähne gerissen sind?“

Düringer: „Dritte Zähne, ganz normal. Wie jeder andere a.“