© Photograph Courtesy Dianne Modes/Wikimedia Commons/Leonardo da Vinci/Dianne Modes

Kultur
04/22/2019

Notre-Dame, Leonardo, Graceland: Was heißt denn hier schon "original"?

Notre-Dame soll, wie Leonardo da Vincis "Salvator Mundi", wiederauferstehen. Seid doch wieder echt!

von Georg Leyrer

Notre-Dame soll wieder aufgebaut werden: Präsident Emmanuel Macron ist dafür, es finden sich viele freiwillige Geldgeber, und ob es fünf oder 40 Jahre dauert (beide Prognosen gibt es), ist angesichts des Alters des Baus nicht so dramatisch.

Wie es in Paris dann sein wird, kann man an Wien sehen: Tag für Tag schauen hier Touristenmassen auf einen Dom, der zu großen Teilen jünger als 75 Jahre ist, und es ist ihnen egal. Kaum jemand würde darüber sinnieren, dass der Stephansdom – der nach dem Brand 1945 ein neues Dach, neue Böden, Fenster, eine neue Glocke und neue Leuchter bekam – nicht im Ganzen „original“ ist. Und ebenso wenig werden unsere Kinder und Enkerln bei Notre-Dame darüber nachdenken.

Das kann man schade finden. Denn Fragen nach der Originalität, danach, was den Kulturwert und die Einzigartigkeit ausmacht, sind wunderschön komplex. Es gibt keine einfachen Antworten. Egal, wie man die Frage stellt. Kulturbauten entwinden sich ebenso wie Kunstwerke, wenn man sie bannen will – auf einen Sollzustand, einen Sollautor, einen Sollzusammenhang.

Zugaben und Beifügungen

Dass aus dem Fragment ein Ganzes gemacht wird, ist keineswegs selten. Mozarts „Requiem“ wurde ebenso fertig komponiert wie Bergs „Lulu“. Büchners „Woyzeck“ wurde mehrfach unterschiedlich aus Textfragmenten im Nachlass neu zusammengestellt.

Wie aber „gehört“ nun die Notre-Dame, oder auch „Salvator Mundi“ von, hüstel, Leonardo da Vinci?

Kulturelle Großbauten leben über Jahrhunderte, und dieses Leben besteht nicht nur aus Aufbau, sondern auch aus Verlustmomenten oder Eingriffen, die der Mode geschuldet werden. Der beim Brand eingestürzte Turm von Notre-Dame etwa war eine Beigabe aus dem 19. Jahrhundert.

Aber war er damit überhaupt „Original“-Teil der Kathedrale, deren Bau im 12. Jahrhundert begann? Und um wie viel mehr „Original“ war er, als es jener Turm sein wird, der nun beim Neuaufbau wohl draufgesetzt wird? Muss man da einfach 150 Jahre warten, um es wieder „echt“ zu finden?

Auch der „Retter der Welt“ ist wieder auferstanden. „Salvator Mundi“, das Gemälde, das mit 450 Millionen Dollar als teuerstes der Welt gilt, war zerstört – zumindest für den Laienblick. Grobe Risse zogen sich über das Bild.

Dass das Werk nun wie neu – wie echt? – aussieht, ist Dianne Modestini zu verdanken. Die renommierte Restauratorin hat es Schicht um Schicht wiederhergestellt – und zwar so, dass Stimmen laut wurden, dass Modestini in der Zuschreibung des Gemäldes neben Leonardo genannt werden soll.

Nur: Ist das noch original?

 

Die Frage stellt sich auf vielfältige Art. Neben der umfangreichen Konservierung ist die Zuschreibung zu Leonardo bis heute umstritten. Genährt werden Zweifel daran von dem Umstand, dass seit der Rekordauktion keine Spur des Gemäldes mehr auftauchte.

Die Rezeption beeinflusst diese Frage hier wesentlich: Ohne den „Leonardo“-Stempel wäre der „Salvator Mundi“ keineswegs so zauberhaft. Wenn man da aber mal anfängt hineinzufühlen, findet man keinen Boden mehr.

Elvis lebt(e woanders)

Dabei ist nicht einmal klar, was alles zum Werk gehört. In Memphis ist eine Diskussion um Graceland entbrannt. Die ehemalige Heimstätte von Elvis hat unmoralische Angebote bekommen, aus Japan, China und dem arabischen Raum: Dass nämlich das Haus abgeschraubt und am anderen Ende der Welt wieder zusammengebaut wird.

Man schreckt empört auf – und fragt sich dann schnell: Warum eigentlich nicht? Auch der Teil des Parthenon-Frieses, der in London hängt, ist noch „original“. Und das wird, bei aller Trauer über den Verlust, auch die neue Notre-Dame sein.

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