Steven Scharf als Woyzeck, Anna Drexler als Marie – und das restliche Ensemble als eher gelangweilte Beobachter des Irrsinns

© APA/HERBERT NEUBAUER

Kultur
04/12/2019

Akademietheater: Woyzeck im zertrümmerten Zirkuszelt

Johan Simons bastelt im Akademietheater aus ein paar Sätzen von Büchner einen neuen „Woyzeck“, Steven Scharf brilliert

von Thomas Trenkler

Georg BüchnersWoyzeck“ ist immer wieder ein anderes Stück – selbst in gedruckter Form. Der Autor dieser Zeilen hat zum Beispiel drei gelbe Reclam-Heftchen mit Georg BüchnersWoyzeck“, und sie unterscheiden sich zum Teil gravierend voneinander.

Denn „Woyzeck“ ist Fragment geblieben: Es existieren nur mehrere Doppelblätter und viele Zettel, auf denen Georg Büchner 1836, kurz vor seinem Tod, Szenen notierte oder fast unleserlich hinwarf. Auch wenn die Geschichte des gedemütigten, verlachten und missbrauchten Füsiliers Franz Woyzeck, der Marie, die Mutter seines unehelichen Sohnes, ermordet, im Grunde immer die gleiche ist: Aus dem Konvolut konnte jeder der drei Reclam-Herausgeber einen für ihn logischen „Woyzeck“ zusammenpuzzeln.

Das „Woyzeck“-Material ist für Dramaturgen wie Regisseure ein geiler Baukasten: Sie zertrümmern nach Herzenslust, reißen Sätze aus dem Kontext und montieren sie neu. Gewohnt radikal ging nun wieder einmal Johan Simons vor: Mit Koen Tachelet haute er stellenweise nur Worte aus dem ohnedies kargen Satzsteinbruch (das Fragment hat keine 30 Seiten). Und die meisten Brocken überantwortete er Woyzeck, darunter auch den zentralen Satz, den eigentlich Marie – mit einer ganz anderen Bedeutung – zu sprechen hat: „Bin ich ein Mensch?“

Held der Manege

Im Akademietheater, wo SimonsWoyzeck“ am Mittwoch Premiere hatte, steht daher, anders als bei Büchner, eine Person im Zentrum, eben der Titelheld. Alle anderen Figuren sind mehr oder weniger nur Staffage: Sie schauen zumeist gelangweilt zu, wie sich Woyzeck in seinen Irrsinn steigert.

Das Zertrümmern setzt Bühnenbildner Stéphane Laimé gleich zu Beginn der Eindreiviertelstunden recht witzig wie wirkungsvoll um: Steven Scharf bringt das Zirkuszelt zum Einsturz, er terminiert den Löwenkäfig, knickt den Metallmast und haut die halbkreisförmige Tribüne in Stücke. Der Schauplatz, die Manege, ist übrigens sehr gut gewählt. Denn bei Büchner spielt eine Szene in einer Bude, in der es das astronomische Pferd und Kanaillevögel zu bestaunen gibt. Zudem verliebt sich Marie in den Tambourmajor, der „wie ein Löw“ auf seinen Füßen stehe. Und für den Doktor weist Woyzeck, den er Studenten vorführt, „Übergänge zum Esel“ auf. Dass der arme Tropf, der nur Erbsen essen darf, Versuchskaninchen ist, kann man aber nur erahnen. Fast logischerweise rasiert Woyzeck auch nicht hektisch den Hauptmann. Trotzdem wird Daniel Jesch aus der Ferne rufen: „Langsam, Woyzeck, langsam!“

Jesch gibt zudem den Gerichtsdiener, Martin Vischer spielt mit Kulleraugen und Haarspangerln die Nebenfiguren Großmutter und Käthe. Auch Falk Rockstroh, der Doktor, hat eine zweite Rolle, doch die wird im Programmheft nicht ausgewiesen. Gerade den Juden zu eliminieren, befremdet stark.

Simons setzt auf artifizielle Clownerien und Absurdität: Nicht der Major (Gay Clemens), sondern der brillante Scharf ist der Lackel. Wie er gegen Schluss mit dem Theatertrickmesser auf Anna Drexler als Marie einsticht: Da erbarmt er einem richtig.

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