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Reise
04/21/2019

Orte, die spirituell ähnlich viel bedeuten wie Notre-Dame

Besondere Plätze: Welche Orte sind uns heilig? Ein Kunsthistoriker über geschichtliche, religiöse, mythische Stätten.

von Axel Halbhuber

Rauch und Aufregung sind von Notre-Dame abgezogen, zwei Fragen bleiben: Was macht ein Bauwerk so besonders, dass Menschen darum trauern? Und welche Bauwerke tragen noch diese Kraft in sich?

Bei Notre-Dame ging es auch um die Kunst. Aber eben nicht nur, sagt Herbert Karner. Der Kunsthistoriker leitet die Abteilung Kunstgeschichte an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und sagt: „Beim Brand waren wir alle plötzlich Zeugen eines zeitgeschichtlich höchst bedeutsamen Ereignisses, das nur alle paar Hundert Jahre passiert. Bis hin zum Bild des Hochaltars und dem Kreuz, das noch immer strahlt. Da entstehen neue Mythen.“

Orte wie Notre-Dame umgibt eine Sammlung solcher Mythen – geschichtliche, religiöse, spirituelle und kunsthistorische. „Genau deswegen kann man Denkmäler, die solche Kraft ausüben, nicht über einen Kamm scheren“, sagt Karner. „Hinter vielen steckt eine politische Absicht, oder eine konfessionspolitische.“ Manche seien als Kraftorte konstruiert worden, bei anderen wurden alte Kultstätten früherer Völker übernommen. So oder so: „Man muss anerkennen, dass sie diese Wirkung auf Menschen haben.“

Ganz besonders gilt das für den Petersplatz in Rom, sagt Karner. „Ein Brand im Vatikan wäre eine eigene Kategorie, unermesslich dramatisch.“ Auch wegen der Kunstschätze, vor allem aber wegen der Symbolik. „Man stelle sich vor, nur der Obelisk bliebe übrig und alles rundherum wäre abgebrannt.“ Der Obelisk gilt als Zeichen der Christianisierung der Heiden.

Ein Ort mit ebensolcher Bedeutung ist Jerusalem, mit dem durch jüdische Klagemauer, muslimischen Felsendom und Grabeskirche Christi drei Religionen eng verbunden sind. Karner: „Dort ist die religionsgeschichtliche Komponente vermutlich noch viel größer als die kunstgeschichtliche.“

Auch die fast 1500 Jahre alte Hagia Sophia in Istanbul – einst Kirche, später Moschee – ist so ein Bauwerk. „Dort ist die Umwandlung vom christlichen in muslimischen Sakralraum spannend. Und sie ist architekturgeschichtlich herausragend.“ Die Verbindung von kulturellem und theologischen Wert sieht man laut Karner auch bei der Kaaba in Mekka. „In der arabischen Welt werden kunst- und religionsgeschichtliche Bedeutung nicht so sehr getrennt wie bei uns.“

Was man noch stärker an Kraftorten wie Varanasi am Ganges erkennt, wo gläubige Hindus verbrannt werden möchten. Wie bei vielen Flüssen vereinen sich hier kulturelle und spirituelle Bedeutung mit dem lebensnotwendigen Wasser.

Eine Reihe von Kraftorten blieb aus erloschenen Religionen übrig. Die Tempel von Angkor in Kambodscha aus der Khmer-Kultur oder die ägyptischen Pyramiden, die Karner aus architekturgeschichtlicher Warte wichtig findet. Das aztekische Teotihuacán in Mexiko oder die Königsstadt Bagan in Myanmar.

Spirituelle Orte werden häufig auch von Esoterikern als besonders wahrgenommen, etwa das englische Stonehenge. Für Karner passt jedoch ein anderes Beispiel besser: „Man muss das ernst nehmen, Esoterik ist eine Konstante in der menschlichen Existenz, auch wenn vieles daran nicht wissenschaftlich bewertet werden kann. Lourdes in Frankreich ist das beste Beispiel dafür.“

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