Kultur
04/15/2019

Notre-Dame: Die Kirche im Zentrum der Kulturgeschichte

Die gotische Kathedrale ist sowohl als Zeugnis der Architektur und Baukunst wie auch als Symbol unvergleichlich.

Napoleon krönte sich in der Kirche zum Kaiser der Franzosen, Jeanne d'Arc wurde in ihr selig gesprochen. Die junge Maria Stuart heiratete dort 1558 den späteren König Franz II., es war der Ort staatlicher Trauerfeiern, u.a. für Charles de Gaulle und Francois Mitterrand. Keine andere Kirche - und wohl auch kein anderer säkulärer Bau - ist so sehr mit der Geschichte Frankreichs verwoben wie die Kathedrale Notre-Dame de Paris. Doch der symbolische Ort ist leichter wieder herzustellen als die historische Substanz, die - mit Wasserspeiern, Gewändefiguren, Glasfenstern und Gewölben - als einzigartiges Zeugnis gotischer Baukunst die Jahrhunderte überdauert hat.

Errichtet wurde die Kathedrale über einem früheren christlichen Bauwerk, das in den Jahren um 540/550 entstanden war. Der Standort gilt damit als eine der ältesten christlichen Gebetsstätten innerhalb der heutigen Pariser Stadtgrenzen.

Zentrales gotisches Bauwerk

Die gotische Kirche, die nach der nördlich von Paris gelegenen Kathedrale von St. Denis als eines der zentralen Werke in der Entwicklung dieses Baustils gilt, entstand ab 1163 in grundsätzlich vier Bauphasen. Nach dem Chor (1163 - 1182) entstand das Mittlere Drittel des Kirchenschiffs noch ohne Abschluss nach Westen (bis 1190). In der dritten Phase (1190 - 1225) kam der untere Bereich der Westfassade mit den drei großen Portalen hinzu. Zwischen 1220 und '25 entstand das Geschoß mit der großen Fenster-Rosette zum westlichen Vorplatz hin. Die Türme wurden bis 1250 errichtet, wobei man sich anders als in den meisten anderen gotischen Kathedralen entschloss, keine Spitzen aufzusetzen.

Im 14. Jahrhundert kam es zu weiteren Umbauten. Damals wurden u.a. einige der schlanken Strebepfeiler realisiert, die den Chor mit Hilfe von Bögen von außen stützen und die luftigen Räume im Inneren ermöglichten.

Attacken Ende des 18. Jahrhunderts

Der nunmehrige Brand war vielleicht die schwerste, aber nicht die einzige Prüfung für die Substanz der prachtvollen Kirche. Wie viele andere gotische Kathedralen wurde auch Notre-Dame zur Zielscheibe von Attacken während der Französischen Revolution.

1793 wurden große Teile der Inneneinrichtung und des Skulpturenprogramms ruiniert. Die so genannte "Königsgalerie", eine Reihe von Figuren oberhalb der Portale, war besonders betroffen - obwohl die Skulpturen nicht die abgesetzten weltlichen Herrscher, sondern biblische Könige darstellen. Die Kathedrale war nach diesem Vorfall entweiht und wurde lange nicht liturgisch genutzt.

Wiederentdeckung im 19. Jahrhundert

Die Wiederentdeckung der Gotik im 19. Jahrhundert hatte viele Väter, im Falle der Pariser Kathedrale leistete aber Victor Hugos 1831 erschienener Roman "Der Glöckner von Notre-Dame" (Im Original schlicht "Notre-Dame de Paris") einen wichtigen Beitrag.

Unter der Ägide des Historikers Eugene Viollet Le Duc wurde ab 1841 mit der Restaurierung begonnen. Le Ducs Konzepte - er arbeitete auch an zahlreichen andere Kathedralen in Frankreich - sind heute nicht unumstritten, weil er sich mit der romantischen Neuentdeckung der Gotik durchaus auch Freiheiten nahm und Dinge "wiederherstellte", die im Mittelalter so nie existierten. Unter anderem sind einige der berühmten Wasserspeier an der Notre-Dame Hinzufügungen aus Le Ducs Zeit, ebenso die heutige "Königsgalerie" und der nun eingestürzte Turm über dem Schnittpunkt der beiden Kirchenschiffe ("Vierung").

Der Umstand, dass die Kirche stets eine Aufschichtung verschiedener Bauphasen und Ideen und nicht ein aus einem Guss gefertigtes Objekt ist, macht die Verluste durch den Brand freilich nicht weniger tragisch. Ein genaues Bild über die Verwüstungen zu bekommen, wird viel Zeit in Anspruch nehmen. Dann erst stellt sich die Frage, wie viel des Verlorenen vorbildgetreu wieder aufgebaut werden kann und was sich als Spur dieses tragischen Vorfalls im Erscheinungsbild der Notre-Dame erhalten wird.