Nir Baram: "Soziale Medien haben Industrie der Nichtigkeiten geschaffen"

Nir Baram
Foto: /Nir Baram Nir Baram.

Der israelische Autor über seinen Roman "Weltschatten", Donald Trump und den Finanzkapitalismus.

"Weltschatten" heißt der neue, soeben auf Deutsch erschienene Roman des in Jerusalem geborenen Schriftstellers und Journalisten Nir Baram. Der 40-jährige Israeli, der sich aktiv für die Gleichberechtigung der Palästinenser und für Frieden in Israel einsetzt, breitet darin auf über 500 Seiten eine intensive wie spannende Geschichte über die globalisierte Welt des 21. Jahrhunderts aus, in der alles irgendwie miteinander in Zusammenhang steht.

Einfache Erklärungen und Lösungen, wie sie Populisten gerne anbieten, gibt es für diese komplexe Lebenswirklichkeit nicht. Auch Baram liefert keine Antworten, sondern legt seine Finger in die offenen Wunden eines globalen Finanzsystems, das einen täglich in Geiselhaft nimmt.

KURIER: Sie versuchen in Ihrem Roman "Weltschatten" die Auswüchse der Globalisierung literarisch zu fassen. Was hat Sie dabei besonders interessiert?Nir Baram: Mich haben beim Schreiben die Auswirkungen der US-amerikanischen Politik auf die Welt interessiert. Denn neben Freiheit und Demokratie haben die Amerikaner auch den Kapitalismus und die Globalisierung in die Welt hinausgetragen. Der Roman beschäftigt sich mit der Welt, in der wir aktuell leben; mit der Politik, den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, den internationalen Netzwerken und deren Auswirkungen auf unsere Psyche, Seele und unseren Alltag.

Probate Lösungen haben Sie in Ihrem Buch aber keine parat.

Das Buch versucht keine Antworten auf die Fragen der Globalisierung zu geben und zeigt keinen Ausweg aus dem Kapitalismus auf. Vielmehr geht es darum, zu zeigen, was es heißt, in der heutigen Welt zu leben – mit all den Krisen und Sorgen. Mit unterschiedlichen Charakteren und diverser Sichtweisen versuche ich, die komplexen Zusammenhänge der global agierenden Wirtschaft zu erklären.

Wie schätzen Sie die aktuelle Situation ein?

Das 21. Jahrhundert ist bislang von wirtschaftlichen Krisen und politischen Umbrüchen geprägt. Das ständige ökonomische Wachstum, das in den vergangenen 70 Jahren in der industrialisierten Welt vorherrschte, ist vorbei. Wir sind an einem Punkt angelangt, wo die Politik und die Wirtschaft erkennen müssen, dass es so nicht mehr weitergehen kann. Denn immer mehr haben immer weniger zu verlieren. Immer weniger Menschen profitieren von der Globalisierung, werden zu Nationalisten und wollen das oft zitierte Establishment zerrütten: 60 Prozent der US-Amerikaner sagten zwar, dass Donald Trump unwählbar und völlig ungeeignet für das Amt des Präsidenten sei. Aber gewählt haben sie ihn trotzdem. Warum? Weil es ihnen egal ist.

Nir Baram Foto: /Nir Baram/Hanser Verlag

Aber was kann Donald Trump verändern?

Er kann wenig verändern. Die Welt wird von global vernetzten Organisationen wie den Vereinten Nationen, Institutionen wie der Weltbank und multinationalen Konzernen kontrolliert. Politiker haben da wenig Spielraum, auch wenn sie so ein mächtiges Amt wie Trump innehaben.

Welche Auswirkungen hat die US-Wahl auf den israelisch-palästinensischen Konflikt?

Keine. Dafür interessiert sich zurzeit ohnehin kaum noch jemand. Viele halten den Konflikt für unlösbar und glauben nicht mehr daran, dass eine Lösung die Situation im Nahen Osten verbessern würde. Donald Trump wird daran nichts ändern.

Facebook und Co. beeinflussen die Welt zunehmend. Wie beurteilen Sie das?

Bevor es Facebook gab, haben Menschen ihre Informationen aus der Zeitung, dem Radio oder via TV bezogen. Man hatte so einen überschaubaren Überblick über die Welt – inklusive Einschätzungen von Experten. Heute prasseln Nachrichten und Meinungen im Sekundentakt auf einen ein. Was wahr oder falsch ist, weiß kaum noch jemand. Viele glauben auch, dass, wenn sie auf Facebook etwas liken, politisch aktiv sind. Sind sie aber nicht! Facebook und andere soziale Medien haben eine Industrie der Nichtigkeiten geschaffen.


Nir Baram: „Weltschatten“. Übersetzt von Markus Lemke. Hanser Verlag. 512 Seiten. 26,80 Euro.

(kurier) Erstellt am
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