Kultur
01.01.2018

Neujahrskonzert-Kritik: Flucht vor der Welt

Riccardo Mutis fünftes Neujahrskonzert – topseriös, höchst professionell, klangschön und präzise – und ein bissl fad.

Wenn Kunst eine dialektische Kraft hat, dann war das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker 2018 die Antithese zu den Wirren der Gegenwart. Ob sich daraus jedoch eine Synthese als Fortschritt entwickelt?

In einer Zeit, in der die Dissonanzen erkennbar zunehmen, in der im Weißen Haus ein Welten-Dirigent sitzt, der auf die diplomatische Partitur und auf Harmonie pfeift, in der auf einem anderen Kontinent ein wildgewordener Führer allen Ernstes am Neujahrstag mit Atomschlägen droht, setzte der Welt-Dirigent Riccardo Muti im Goldenen Saal des Musikvereins auf die vermittelnde Komponente der Musik, auf Ästhetik, auf Einklang und Balance. Ganz so, als wollte er sagen: Die Welt ist ja eh nicht so schlecht – und sie besteht nicht nur aus Politik.

Mutis fünftes Neujahrskonzert, sein erstes seit 14 Jahren, war topseriös, höchst professionell, klangschön und präzise – und ein bissl fad. Es ist schon ein paar Jahre her, dass der Funke so selten übersprang. Als Antwort auf die humanistischen Grauslichkeiten, als Flucht in die Schönheit der Kunst war dieses Konzert vielleicht das richtige zur richtigen Zeit.

Aber nicht nur der schwierig zu findende Wille zur Tiefenforschung, das nicht durchgehend erkennbare Momentum der Interpretation, der nicht sehr ausgeprägte Drang zur Analyse waren dafür verantwortlich, dass dieses Neujahrskonzert – bei allem Bekenntnis zur musikalischen Qualität – an der Oberfläche verharrte. Auch das Programm war nicht das packendste der letzten Jahre.

Es gab zwar sieben Raritäten, die aber vor allem den Zweck des Raritätenseins erfüllten. Und es gab einige Hommagen an die Herkunft des charismatischen Neapolitaners, die er auch solide gestaltete. Eine dramaturgische Überzeugungskraft war aber weder en gros, noch en detail zu bemerken.

Höhepunkte

Am besten gerieten jene Werke, die zu Mutis Qualitäten als großer Operndirigent passen, etwa der "Wilhelm-Tell-Galopp" von Johann Strauß Vater, den er zu einem wilden Ritt machte. Oder die Quadrille "Un ballo in maschera" von Johann Strauß Sohn nach Verdi, die die Sehnsucht nach einem Muti’schen Dirigat der ganzen Oper weckte. Auch die "Wiener Fresken" des genialen Josef Strauß oder die gleichermaßen energetisch wie differenziert musizierten "G’schichten aus dem Wiener Wald" von Johann Strauß Sohn, mit der Zithervirtuosin Barbara Laister-Ebner im feschen Dirndl, wurden zu Höhepunkten.

Bei vielen anderen Werken – bis hin zum "Donauwalzer" – wurde man jedoch das Gefühl nicht los, dass man die zwingend nötigen Rubati und Ritardandi, die wienerische Leichtigkeit, die spielerische und humoristische Note schon viel überzeugender vermittelt bekam. Das bedeutet freilich nicht, dass es nicht herrliche Soli, etwa vom Cello oder vom Horn, prachtvolle Phrasierungen oder andere bezaubernde Momente gegeben hätte. Aber selbst der beste Walzer kann ganz schön lange werden, wenn er nur kultiviert, aber nicht frech genug gestaltet wird, wenn man trotz der vielen Drehungen und Wendungen nicht vom Fleckerl kommt.

Beim "Radetzkymarsch" dirigierte Muti das Publikum mit höchster Akribie und Autorität – um dann das Mitklatschen mit einer zutiefst italienischen Handbewegung wieder wegzuwischen, als wollte er dokumentieren, was er davon hält. Ansonsten war das Konzert frei von Gags oder Inszenierungen – passend zu seinen szenischen Vorlieben im Opernbereich.

2019 wird Christian Thielemann erstmals das Neujahrskonzert dirigieren. Schon gestern begann man sich darauf zu freuen.