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Kultur
12/24/2021

Neujahrskonzert-Dirigent Barenboim: "Wir müssen diese Depression überwinden“

Der Stardirigent über das Neujahrskonzert, seinen bevorstehenden 80. Geburtstag, den Konflikt zwischen Israel und Palästina und die Pandemie.

von Peter Jarolin

Er zählt zu den bedeutendsten Dirigenten und Pianisten der Gegenwart, leitet als Generalmusikdirektor die Berliner Staatsoper Unter den Linden, hat einst mit dem West-Eastern Divan Orchester ein Friedensprojekt zwischen Israel und den arabischen Staaten gestartet und wird am 1. Jänner 2022 zum dritten Mal (nach 2009 und 2014) das traditionelle Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker leiten. Zuletzt aber musste der bald 80-jährige Ausnahmekünstler Auftritte absagen. Der KURIER hat nachgefragt.

KURIER: Maestro Barenboim, Sie mussten zuletzt auch in Wien aus gesundheitlichen Gründen Konzerte absagen. Wie geht es Ihnen und was war der Grund dafür?

Daniel Barenboim: Danke, mir geht es gut, sehr gut sogar. Ich bin wieder völlig in Ordnung. Aber es war sehr schmerzhaft. Ein einziger kleiner Nerv hatte sich eingeklemmt, ich konnte daher weder dirigieren noch einen Klavierabend geben. Es hat lange gedauert, bis wir gewusst haben, was der Grund für meine Rückenschmerzen waren. Aber jetzt ist alles wieder gut verheilt, und ich freue mich schon auf das Neujahrskonzert mit den Wiener Philharmonikern im Musikverein.

Sie leiten dieses „Konzert der Konzerte“ nach 2009 und 2014 nun zum dritten Mal. Stellt sich da nicht auch etwas Routine ein? Oder sind Sie nach wie vor aufgeregt?

Ich bin nach wie vor freudig aufgeregt. Denn der größte Feind aller Musiker ist die Routine. Jedes Mal, wenn wir ein scheinbar noch so vertrautes Werk interpretieren, können wir noch etwas lernen. Wenn ich zum Beispiel an einem Abend ein Klavierkonzert von Wolfgang Amadeus Mozart spiele und es am nächsten Tag eine zweite Aufführung gibt, fange ich wieder bei null an. Wir Künstler sind in dieser Hinsicht privilegiert, weil wir immer neu anfangen dürfen. Es gibt ja keine allgemeingültigen Interpretationen. Vor allem nicht bei Mozart oder bei Beethoven. Das ist eine ewige Suche nach etwas, das einer Allgemeingültigkeit vielleicht ein bisschen nahe kommt.

Nach welchen Kriterien haben Sie und die Wiener Philharmoniker das Programm für den 1. Jänner erstellt?

Das ist eine gute Frage. Ich habe mit Philharmoniker-Vorstand Daniel Froschauer und Geschäftsführer Michael Bladerer sehr eng zusammengearbeitet. Wir haben sechs Werke drinnen, die noch nie bei einem Neujahrskonzert zu hören waren. Das ist wichtig. Ich hatte nur eine einzige Bitte. Nämlich, dass der Walzer „Sphärenklänge“ von Josef Strauß am Ende des offiziellen Teils steht. Daniel Froschauer meinte daraufhin: „Aber diesen Walzer hast Du doch schon 2009 dirigiert.“ Ich entgegnete: „Ja, aber er ist mein Lieblingsstück.“ Und somit werden wir ihn am 1. Jänner 2022 auch spielen.

Warum sind die „Sphärenklänge“ Ihr Lieblingsstück?

Ich bin in dieses Stück verliebt, seit ich es beim einzigen Neujahrskonzert von Herbert von Karajan 1987 gehört habe. Das war einzigartig!

Stichwort: gehört. Hören Sie sich in der Vorbereitung eigentlich Ihre eigene Einspielung aus 2009 an?

Auf keinen Fall. Ich höre mir vor einem Konzert niemals etwas an, das ich früher gemacht habe. Nachher vielleicht ja, um Vergleiche ziehen zu können. Aber wie gesagt: Jedes Konzert ist ein absoluter Neubeginn.

Einer, den Sie am 1. Jänner 2022 auch mit Publikum begehen wollen …

Ja. Ich hoffe, dass wir vor einem vollen Haus in diesem wunderbaren Goldenen Saal und für alle Menschen auf der Welt spielen dürfen.

2021 war kein Publikum zugelassen, aber Maestro Riccardo Muti hat eine flammende Rede über die Bedeutung von Kultur gehalten. Würden Sie das auch tun?

Ich hoffe, dass es nicht notwendig sein wird. Aber ich äußere mich grundsätzlich zu sehr vielen Dingen, weil Kultur auch immer etwas mit dem Leben und damit auch mit der Politik zu tun hat.

Ein gutes Beispiel dafür ist das von Ihnen und Edward Said 1999 gegründete West-Eastern Divan Orchestra, das Musiker aus Israel und den arabischen Ländern in einem Orchester vereint …

Das sollte ein Zeichen sein und ist auch ein Zeichen. Wir hatten gehofft, damit etwas bewegen zu können. Das ist uns politisch nicht gelungen. Ich bin sehr enttäuscht, denn es gibt seit mittlerweile 54 Jahren keinen Dialog zwischen Israel und den arabischen Staaten. Beide Völker – die Israelis wie die Palästinenser – denken, auf einem gleich kleinen Land das Recht auf Vorherrschaft zu haben. In dieser Hinsicht sind wir gescheitert. In einigen Ländern spielt das West-Eastern Divan Orchestra daher auch nicht. Leider. In musikalischer Hinsicht sind wir aber hoffentlich nicht gescheitert.

Die Staatsoper Unter den Linden konnte auch lange Zeit nicht vor Publikum spielen, hat aber wie andere Häuser sehr viel gestreamt. Ist das ein probates Mittel, um Menschen zu erreichen?

Wenn Sie eine Frau lieben wollen, sollte diese möglichst auch körperlich im Raum anwesend sein. Wenn Sie nur ein Foto von ihr haben und Sie wollen sie dennoch lieben – das nennt man dann Streaming. Soll heißen: Musik entsteht immer live mit Menschen im Raum.

Sie werden in den kommenden Monaten, sollte es die Pandemie zulassen, häufig live zu erleben sein. Auch anlässlich Ihres bevorstehenden 80. Geburtstags im November 2022 …

Es ist unglaublich. Im Jahr 1952, also vor bald 70 Jahren, habe ich mein Debüt mit den Wiener Philharmonikern gegeben. Mit diesem so herrlichen Orchester gibt es viele Projekte. Etwa ein Geburtstagskonzert. Zubin Mehta dirigiert, ich werde Klavier spielen. In Berlin steht zudem ein neuer „Ring des Nibelungen“ an und vieles Weitere. Ich finde nämlich, wir müssen diese unsägliche Pandemie und die damit verbundene Depression endlich überwinden. Das ist mein aufrichtiger Geburtstagswunsch.

Wie fühlen Sie sich, wenn Sie an Ihren 80er denken?

Meine liebe Freundin, die Pianistin Martha Argerich, ist im Juni dieses Jahres 80 geworden. Wir kennen einander seit Kindheitstagen. Ich habe Martha natürlich angerufen, um ihr zu gratulieren. Im Zuge dessen habe ich sie gefragt, wie es ihr so geht. Sie meinte: „Es war sehr, sehr schwer. Ich habe extrem gelitten. Aber inzwischen sage ich nicht mehr: Ich bin 80. Ich sage zu allen Menschen nur noch: Ich bin nicht mehr 79.“ So möchte ich das an meinem Geburtstag auch halten.

Und welche künstlerischen Wünsche haben Sie? Gibt es irgendein Werk, das Sie unbedingt dirigieren wollen, das Sie vielleicht gar noch nie dirigiert haben?

Die Liste der Wünsche ist viel zu lang. Es gibt noch so viel zu entdecken. In der Orchester-und der Klavierliteratur. Aber es gibt tatsächlich ein Stück, das ich noch nie gemacht habe. Die „Matthäus-Passion“ von Johann Sebastian Bach. Das wäre eine schöne Herausforderung, die hoffentlich aber noch kommen wird.

Welche privaten Wünsche haben Sie ?

Ich wünsche mir, dass alles besser wird, dass die Menschen wieder zueinanderfinden, dass die Kultur welcher Art auch immer jenen Stellenwert hat oder bekommt, der ihr zusteht. Denn ein Leben ohne Kultur, in meinem Fall ohne Musik, ist zwar ein Leben. Aber es ist eben auch ein Leben, dem etwas sehr Wesentliches fehlt.

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