Goat Girl

© Holly Whitaker/ROUGH TRADE RECORDS / Holly Whitaker

CD-Kritik
01/31/2021

Neues Album von Goat Girl: "On All Fours"

Mit „On All Fours“ veröffentlicht Band Goat Girl ihr zweites Album. Die vier Frauen aus London setzen damit ein weiteres Ausrufezeichen.

von Marco Weise

Wäre das Ganze ein Traum, wäre es längst an der Zeit, aufzuwachen. Aber das alles ist echt, passiert wirklich, was unglaublich anstrengend und energieraubend ist. Die allerorts um sich greifende (körperliche und geistige) Erschöpfung steht auch im Mittelpunkt der neuen Platte von Goat Girl. Dahinter stecken vier junge Frauen aus dem Süden Londons, genauer gesagt aus dem Stadtteil Brixton, wo in den Pubs und Straßen der Umgangston noch etwas härter, ehrlicher ist bzw. war. Denn auch dort hat die Gentrifizierung, der Bevölkerungsaustausch, längst stattgefunden, wurden Künstler und Alteingesessene durch steigende Mieten aus ihren Ateliers, Wohnungen und Proberäumen vertrieben.

Diesen negativen Entwicklungen sind Goat Girl auf ihrem selbstbetitelten Debütalbum 2018 mit klarer Haltung und einer Portion Sarkasmus begegnet. Es war obendrein auch ein kritischer Kommentar zu den generellen gesellschaftlichen Entwicklungen auf der Insel, eine direkte Antwort auf das Brexit-Votum. Man höre dazu nur den Song „Scum“, in dem zu düsteren Gitarrensounds die Dummheit der Nationalisten besungen wird.

Goat Girl

Folgen und Ängste

Auf dem soeben veröffentlichten Nachfolger „On All Fours“ fällt der Postpunk des Vierers zwar nicht mehr so unterkühlt und scheppernd aus wie auf dem Erstling, aber die Texte sind nach wie vor bissig politisch. In „Where Do We Go From Here?“ fragen Goat Girl, welche Folgen die engstirnige Tory-Politik unter Premierminister Boris Johnson für ihre Heimat haben wird. Klar ist schon jetzt: Die Zukunftsperspektiven waren schon mal rosiger.

„On All Fours“ zeichnet ein Bild einer Generation, die in Zeiten von Corona und anderen Krisen (keine Arbeit, kein Geld, kein Vergnügen) aufwächst und lernen muss, mit den Folgen zu leben – fragt sich halt nur wie?!

Diese Ohnmacht verpacken Goat Girl diesmal aber nicht in kurzen, punkig runtergenudelten Songs. Sie lassen sich diesmal mehr Zeit und stehen soundtechnisch breitbeiniger da. Der Klang wurde etwas poliert, um elektronische Stilmittel und Drum-Machine-Loops erweitert. Die Gitarren dienen dabei nur noch für die Melodieführung. Neu dabei sind auch tänzelnde Synthesizer, Dub-Einflüsse und jazzige Einschübe. Der Song „Jazz In The Supermarket“ mit dem Lou Reed „Walk On The Wild Side“-Gedächtnisbass ist eine zu 99 Prozent instrumental gehaltene Nummer. Das fehlende Prozent ist ein lustlos gehauchtes „Woaaaaaaah“ von Sängerin Lottie Cream, die mit ihren Mädels, der Gitarristin L.E.D, Schlagzeugerin Rosy Bones und Holly Hole, die 2019 Naima Jelly am Bass abgelöst hat, ein Meisterwerk abliefert. Marco Weise

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