Kultur
28.01.2018

Nazar im Interview: "Plötzlich sind alle Prediger"

Der Wiener Rapper über die eigene Kunstfigur, den Islam und Rechtextremismus in der Politik.

Der Wiener Rapper Nazar legt mit erst 33 Jahren seine Autobiografie vor. "Mich kriegt ihr nicht" handelt von der Suche nach Halt in einer Gesellschaft, die Ausländer ablehnt. Ein Gespräch über Rap, Randgruppen und warum der Glaube an Gott grundsätzlich nichts Schlechtes sein kann.

KURIER: Deutschrap ist aktuell die erfolgreichste Musikrichtung. Eigentlich seltsam, oder? Schließlich kommt die Musik vom Rand der Gesellschaft und ist an sich eine sehr abgekapselte Kulturform.

Nazar: Im Hip-Hop ging es immer um gesellschaftliche Probleme aus diversen Gebieten, wo die Umstände einfach schlechter sind. Deswegen war die Musik auch immer sehr erfolgreich für eine junge Generation, weil sie sich damit identifizieren konnte. Warum Deutschrap so groß geworden ist? Die Radios und die Medien hatten nicht mehr die Möglichkeit, uns wie die 20 Jahre davor auszublenden und nur die Mainstream-Musik zu präsentieren. Hip-Hop hat sich den Weg durchs Internet selber aufgebaut und gezeigt, dass es größer als alles andere ist. Ich glaube, der einzige Act, der im deutschsprachigen Raum mehr verkauft als Deutschrapper, ist tatsächlich Helene Fischer. Ansonsten kommt da nichts heran.

Rapper werden oft für die Gewalt in ihren Texten kritisiert. Tatsächlich sind die Bilder, die sie kreieren, sehr drastisch. Ein Rapper ist eine Kunstfigur, die aus authentischer Person und überzeichneten Elementen besteht. Wodurch unterscheidet sich Nazar als Privatperson vom Rapstar Nazar?

Ich mache nicht wirklich fiktive Musik. Ich verwende oft fiktive Motive in meinen Videos oder irgendwelche Wörter, die eine Emotion oder ein klares Bild erzeugen sollen. Wenn man in der Hip-Hop-Sprache sagt: "Ich nehme eine Waffe und blas’ dir den Kopf weg", dann will man ja nicht sagen, dass man einen Menschen tötet, sondern an ihm sinnbildlich seine Aggression auslassen. Wie in einem Hollywood-Film, in dem Schwarzenegger jemandem mit der Pumpgun den Kopf wegschießt. Ich verstehe nur nicht, warum nie in der Filmbranche Fragen aufkommen, ob das gefährlich für die Jugend ist.

Wenn man Rap verstehen will, sollte man Actionfilme sehen?

Total. Es gibt keinen erfolgreichen Rapper, der auch schwer kriminell ist. Spätestens ab dem Moment, wo du mit deiner Musik erfolgreich wirst, bist du Musiker und hast es nicht einmal mehr nötig, kriminell zu sein oder das was du in deinen Songs erzählst, auch tatsächlich Tag für Tag zu erleben. Du kannst nur authentischer darüber sprechen. Wenn ich Kinder in dem Alter hätte, in dem sie sich für Deutschrap interessieren könnten, würde ich es bedenklich finden, wenn sie Helene Fischer oder Andreas Gabalier hören.

Der Siegeszug des Rap in den vergangenen drei Jahrzehnten ist vielleicht auch ein Ausdruck dessen, dass in unserer Gesellschaft immer mehr Menschen diesen Anschluss an ein bürgerliches Leben verloren haben. Und man könnte sagen: Die Rolle, die Hip-Hop als besonders authentische Lebensform übernahm, ist für viele Jugendliche heute der Islam. Wie nehmen Sie das wahr?

Als damals die Anschläge vom 11. September waren, war es so, dass man da total schockiert vorm Fernseher gesessen ist und es einfach unvorstellbar war, wie das nur sein konnte. Aber zehn Minuten später, als man sich dann unten im Park getroffen hat, hat man irgendwie aus einer falschen Ideologie damit geprotzt, dass endlich auch einmal Amerika angegriffen wurde. Etwas sehr Ähnliches ist auch mit dem Islam passiert. Ich halte es für sehr bedenklich, wenn man als erfolgreicher Rapper, der über die sozialen Netzwerke eine riesige Menschenmenge erreicht, damit beginnt, den Islam mit vermitteln zu wollen. Leute in die Moschee holen ist gut, aber im nächsten Atemzug ein Video zu veröffentlichen, wo es um Drogenhandel und Prostitution geht … Man züchtet genau diese Generation heran, die jetzt auf der Straße ist und in die Schule geht, die anderen Kindern sagt, was nicht alles Sünde sei. Plötzlich sind alle Prediger geworden.

Auf der anderen Seite zündelt die heimische Politik da kräftig mit.

Wenn Jugendliche in jedem Wahlkampf auf riesigen Plakaten lesen müssen, dass ihre Religion hier nicht willkommen ist, fangen sie irgendwann an, zu rebellieren. Und sie fühlen sich im Gegenzug in irgendwelchen YouTube-Videos von Hasspredigern gehört. Die sagen: "Seht ihr nicht, wie schlecht die mit euch umgehen, obwohl eure Eltern hier seit 30 Jahren alles tun und trotzdem nie ein Teil dieser Gesellschaft sein werden."

Hip-Hop ist so populär wie nie, gleichzeitig sind islamische Migranten ein Reizthema. Überspitzt: Die Menschen kaufen Ihre Musik, möchten aber, dass Sie bitte aus dem Land verschwinden.

Leute kommen auf meine Facebookseiten, um mich zu beleidigen, wenn (FPÖ-Chef Heinz Christian, Anm.) Strache wieder etwas gepostet hat. Auch auf der Straße meinen Leute oft, dass sie mit mir über politische Themen reden müssen, um mir weiszumachen, wie ihre Gesinnung ist. Ich nehme diese Kanakenkarte gerne in die Hand. Jeder hat seine Rolle in der Gesellschaft. Ich konnte mir meine nicht aussuchen.

Sie schreiben in Ihrem Buch darüber, wie Sie als Kind von den Klosterschwestern im Spital in Speising gepflegt wurden und dass Sie als Moslem allein schon deshalb nicht mit anderen Religionen in Konflikt geraten könnten. Was sind für Sie die großen Lehren, die man aus Religiosität ziehen kann?

Grundsätzlich geht es in der Religion immer nur darum, dass du versuchen sollst, ein guter Mensch zu sein und an Gott zu glauben und durch diesen Glauben Kraft für dich selber tankst. Das Problem, das der Islam in Europa hat, ist ein bisschen die Vermittlung: Hier hast du 80 Prozent Menschen, die eine deutsche Übersetzung gelesen haben – wenn überhaupt. Im Iran etwa lernst du in der Volksschule erst einmal Arabisch, um den Koran auch zu verstehen.

Warum hängen wir als moderne Gesellschaft zu großen Teilen noch immer so sehr an Tausende Jahre alten Schriften?

Im Islam zum Beispiel steht geschrieben, dass das die Worte Gottes sind.

Glauben Sie das?

Natürlich glaube ich das. Wenn man nichts mehr hat, an das man glauben kann und alles infrage stellt ... In meinem Umfeld gab es immer schon Menschen, die ihren Glauben sehr stark praktiziert haben, sei es auf der christlichen Seite, oder ob das die Eltern von Freunden waren, die das sehr strenggläubig aus dem Islam praktiziert haben. Der Glaube kann nie falsch sein. Aber ich finde es einfach nicht gesund, wenn Religion mit Politik vermischt wird. Das hat man auch am Beispiel Iran gesehen. Überall, wo Menschen die Macht der Religion nutzen wollen, um Menschen zu manipulieren, da wird es sehr, sehr gefährlich.

Sie kommen aus Favoriten, einem eher verrufenen Bezirk in Wien. Dazu sind Sie Moslem, wuchsen als Halbwaise in armen Verhältnissen auf, waren zugewandert. Aus Ihrer Erfahrung: Wie ermöglicht man den Menschen, die hierher flüchten, einen Weg in eine bürgerliche Existenz?

Was ganz wichtig wäre ist, dass die Einheimischen – dazu zähle ich mich auch – Fremden gegenüber viel offener sein müssen. Menschen, die noch nie um ihr Leben bangen mussten, können sich nicht die Situation dieser Leute hineinversetzen. Da ist es sehr einfach und pauschal zu sagen: "Irgendwann reicht es, das ist zu viel, die sind kriminell …" Ich glaube, dass sehr viele Menschen wieder anfangen müssen, aufgeschlossener zu sein – unvoreingenommener. Aber dass natürlich auch die Leute, die in unserem Land neu dazu kommen, sehr, sehr schnell begreifen müssen, dass es nicht funktionieren kann, indem sie sich abkapseln und isolieren und denken, dass sie in ihren Kreisen hier über die Runden kommen können.

Anderes Thema: Wenn ein Jugendlicher den Dschihad propagiert, gibt es Headlines, wenn Rechte sich bewaffnen, findet das kaum Niederschlag, auch in den USA. Warum ist das so?

Ein Weißer, der in Las Vegas Leute erschießt, war halt "psychisch gestört". Mir ist in Österreich immer schon aufgefallen, dass gewisse Zeitungen immer bei Verbrechen geschrieben haben, dass das ein Mensch mit Migrationshintergrund war. Dann stand da zum Beispiel "Ali K.". "Der Türkischstämmige". Wenn ein Österreicher das war, wurde das nie erwähnt. Mit dieser unterschwelligen Hetze wird schon seit Jahren gespielt. Ich frage mich auch, wie es erlaubt sein kann, wenn in Videos der FPÖ, wo über den Islam gesprochen wird, immer Frauen mit Kopftüchern oder böse dreinschauende Männer mit Lederjacken gezeigt werden. Warum ist es erlaubt, diese Stereotypen für Hetze zu verwenden? Wie kann es sein, dass wir in Österreich Politiker haben, die nachweislich aus rechtsextremen Bewegungen kommen, die noch nicht im Gefängnis sind? Wenn einem Prediger nachgewiesen wird, dass er aus extremen Kreisen kommt, wird er sofort verhaftet und eingesperrt. Warum wird ein Politiker nicht verhaftet, wenn er aus rechtsextremen Kreisen kommt? Das ist für mich unvorstellbar.

Sie haben immer wieder öffentlich die FPÖ kritisiert. Heinz Christian Strache haben Sie einmal in Anspielung auf seine Mutter heftig beleidigt und mussten dafür eine Entschädigung zahlen. Sie bereuten das nicht – aber tut Ihnen das Frau Strache gegenüber eigentlich leid?

Natürlich. Aber auch wieder nicht, denn jeder, der weiß, wie das Wort aus der Jugendkultur verwendet wird, weiß, dass damit niemals die Mutter gemeint ist. Seine Mutter hat mir bei Gott noch nie etwas getan und ich wollte auch definitiv nicht sie damit beleidigen. Im Lichte dessen fand ich auch amüsant, dass er mich geklagt hat und er Recht bekommen hat.