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Kultur
05/05/2019

Mumford & Sons im Interview: „Wir sind Beleidigungen gewöhnt“

Mumford & Sons sprechen über Banjo-Schnipsel, böse Kommentare und die Faszination mittelalterlicher Städte.

„Wir lieben die Abwechslung und wollen Neues ausprobieren.“ Marcus Mumford sitzt Backstage in der Wiener Stadthalle und sagt das in Bezug auf die in der Mitte der Halle stehende Bühne. Derartige Sätze tauchen im Gespräch mit dem KURIER aber immer wieder auf.

Toll, sagt der 32-jährige Frontmann von Mumford & Sons, sei diese Bühne: „So fühlt es sich so an, als wäre das Publikum in die Show integriert“, sagt er. „Aber auf der nächsten Tour machen wir wieder etwas anderes!“

 

Es klingt ein bisschen trotzig. Vielleicht, weil Mumford & Sons für einiges Neue in ihrer Karriere nicht nur kritisiert, sondern böse beschimpft wurden: 2009 schafften sie mit ihrem Debüt-Album „Sigh No More“ und einem von Banjo und akustischen Instrumenten geprägten Folk-Rock-Sound den weltweiten Durchbruch. Doch mit dem dritten Album „Wilder Mind“ wandten sie sich elektronischen Instrumenten zu. Kommentare wie „Jetzt klingen sie wie jede andere Stadion-Rock-Band“ waren damals die freundlichsten.

Amüsiert

„Wir haben nur gemacht, was wir wollten“, sagt Bassist Ted Dwane. „Wir haben die Instrumente gespielt, die uns am meisten interessierten und damit diese Songs geschrieben. Wie wir ankommen, bewerten wir ohnehin nicht nach Verkaufszahlen. Das bewerten wir nur daran, wie die Leute bei den Shows auf Songs reagieren. Und da hat uns ,Wilder Mind‘ einige gegeben, die sie lieben.“

Mumford gibt zu, dass er schon manchmal Kritiken und Facebook-Kommentare liest. Aber: „Wir sind Beleidigungen gewöhnt, es amüsiert uns nur mehr. Es ist ja eine sehr britische Sache, dass die Leute ihre Bands erst in den Himmel heben, und dann fertig machen, wenn sie ein breites Publikum erreichen.“

 

Das im November erschienene Album „Delta“ mischt jetzt Akustisches, bombastische Orchester-Arrangements und sphärische Elektronik. Und: Mumford & Sons haben bis zu sieben Banjo-Spuren für manche Songs aufgenommen. Zu hören ist das allerdings nicht. Denn, wie Marcus Mumford es erklärt: „Wir haben sie live aufgenommen, dann gesamplet, bearbeitet und zerstückelt wie Kanye West.“

Geholfen hat ihnen dabei Produzent Paul Epworth, in dessen Church Studio in einer alten Kirche im Crouch-Hill-Viertel in London „Delta“ aufgenommen wurde.

Wildnis des Lebens

Nachdem das Quartett vor den Aufnahmen zu „Delta“ zum ersten Mal seit Beginn seiner Karriere für längere Zeit zu Hause war, beschäftigt sich das Album thematisch mit der „Konfrontation mit der Realität, wenn du aus der geschützten Blase des Tourtrosses in die Wildnis des Lebens zurückkommst“.

Es gibt Songs über den Tod von Mumfords Großmutter und die Scheidung von Keyboarder Ben Lovett. Aber auch Geburt spielt eine Rolle. Denn Mumford, der seit 2012 mit der britischen Schauspielerin Carey Mulligan verheiratet ist, hat bereits zwei Kinder.

 

„Bei Delta hält sich Hoffnung und Schönes, wie funktionierende Liebe, mit düstereren Themen die Waage“, sagt Mumford. „Das beste Beispiel ist der Song ,The Wild‘, der ungeachtet des Titels sehr zart ist. Diesen habe ich im Frühjahr, meiner liebsten Jahreszeit, auf dem Land in England geschrieben – nach dem Winter, in dem ich meine Oma sterben sah. Draußen blühte alles, und ich war genau am Scheideweg zwischen Trauer und Hoffnung. “

Heuer haben Mumford & Sons keine Zeit für ihre „Gentleman Of The Road“-Festival-Serie, bei der sie in Orten auftreten, wo sonst nie ein Rock-Act hinkommt.

 

„Wir spielen ja wie hier in Wien auch in großen Städten, weil wir – wie gesagt – die Abwechslung lieben“, erklärt Mumford. „Aber in kleineren Orten sind die Leute so dankbar, dass wir kommen, und noch begeisterter. Nächstes Jahr werden wir das wieder machen. Da wollen wir in mittelalterliche Orte in Europa kommen, weil die so eine zauberhafte Atmosphäre haben. Zum Beispiel nach Brügge. Aber auch im Osten Deutschlands und in Italien gibt es solch fantastische Plätze.“