Kultur
16.04.2017

Mehr Wand als Museum

Axel Brüggemann erkundet die Street-Art-Szene Europas – ab Montag wöchentlich auf Sky Arts.

Der Bezahlsender Sky setzt sich seit Sommer 2016 intensiv mit dem europäischen Kunst- und Kulturbetrieb auseinander. Auf Sky Arts werden sieben Tage die Woche rund um die Uhr zugekaufte und selbstproduzierte Reportagen, Dokumentationen und Live-Übertragungen aus der Opern- und Theaterwelt angeboten. Kultur- und Kunst-Interessierte können sich so also die volle Kulturbreitseite geben, wenn sie das möchten.

Um sich von der Konkurrenz abheben zu können, wählten die Sendungsverantwortlichen einen anderen, oftmals quergedachten Zugang zu gewissen Themen.

Björn Behr, der bei Sky Arts für Eigenformate zuständig ist, betonte beim Pressegespräch im Wiener MUMOK, dass man das "kreative Schaffen der Künstler in den Vordergrund stellen möchte". Man wolle den Kunst- und Kulturbetrieb kritisch beleuchten und Künstler am Weg zum Kunstwerk begleiten. "Mutig, kontrovers, intelligent und provokativ" – so lautet die Sky Arts-Formel, die auch beim neuen Format "Art in the City" angewendet wurde.

Durch die Straßen

Durch die Sendung führt der deutsche Kulturjournalist Axel Brüggemann: Jede der acht Folgen widmet sich einer anderen europäischen Stadt. Es geht um Street Art, "um Künstler, die ihre Kunst weder an Akademien noch an Museen binden; um politische Graffiti, Gestaltung des städtischen Raumes, Klassenkampf mit Farben oder einfach nur um die Verschönerung der Stadt", erklärt Brüggemann, der sich erst einlesen musste. "Ich habe zwar Kunstgeschichte studiert, aber da geht es mehr um Rembrandt als um Wand. Aber ich habe recherchiert und gemerkt, wie facettenreich Street Art sein kann. Dabei sind Fragen aufgetaucht: Was unterschiedet Street Art von Graffiti? Was gehört ins Museum – und was auf die Straße? Und mit welchen Problemen haben Sprayer zu kämpfen?" Antworten fand Axel Brüggemann auf der Straße, wo ihm schnell klar wurde, dass jede Stadt seine eigene Szene hat. "Daher haben wir auch unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt", sagt Brüggemann. In Wien (zu sehen am 24. 4.) begegnet er den Street Art-Künstlern Nychos, Frau Isa, Paul Dworacek und Sebastian Schlager. Den Anfang macht heute, Montag, Berlin – ab 20.15 Uhr auf Sky Arts und auf Abruf via Sky Go.

Nychos: "Viele sprühen ohne Konzept"

Während Sprayer wie Puber, der soeben erneut verhaftet wurde, als Vandalen bezeichnet werden, haben sich einige Street-Art-Künstler in die international angesehene Kunstszene gesprüht. Nychos ist einer von ihnen. Der gebürtige Steirer ist das Aushängeschild der heimischen Szene und ein viel beschäftigter Mann.

Von Wien aus bereist er die ganze Welt, um auf Einladung, also ganz legal, graue Hausmauern zu besprühen. Seine bis zu 20 Meter hohen und 50 Meter breiten Anatomiestudien von Tieren sind sein Markenzeichen. Man findet sie in New York, San Francisco, Singapur, São Paulo und Wien, wo Nychos mit „Rabbit Eye Movement“ auch eine Galerie betreibt.

KURIER: Ist Graffiti-Kunst salonfähig geworden?
Nychos: Es hat sich in den letzten Jahren sehr viel getan. Vor allem in den USA ist Urban Art und Graffiti-Kunst aktuell ein großes und zum Teil schon wieder ausgereiztes Thema. Viele Künstler, die eigentlich gar nicht aus der Graffiti-Szene kommen, bringen ihre Kunst mittlerweile auch auf Hausmauern. Oft fehlt dann aber die Erfahrung für solche Flächen, was man an der Qualität der Bilder merkt. In der Gegenüberstellung sieht man, dass sich das Graffitimalen bezahlt macht. Diejenigen, die Nacht für Nacht rausgegangen sind um zu sprühen bringen jetzt viel mehr Know-how mit.

Um welches Know-how geht es?
Um ein Mural in Übergröße anfertigen zu können, muss man sich intensiv mit dieser Materie beschäftigen. Viele unerfahrene Künstler suchen sich aber einfachere Wege und helfen sich dann z.B mit einem Beamer – damit übertragen sie die Skizze mit den richtigen Proportionen auf die Hausmauer. Meiner Meinung nach geht so aber jede kreative Auseinandersetzung mit der Fläche und dem Medium verloren.

Gibt es zwischen den Crews Anfeindungen?
Unter gewissen Sprayern gibt es schon Anfeindungen untereinander. Ich finde das schade, weil es geht um die Kunst, um das Bild. So sehen das aber nicht alle. Denn viele haben es sich zur Aufgabe gemacht, die Bilder des anderen zu zerstören und zu übermalen. Da spielen Neid, Unwissenheit und Selbstinszenierung eine Rolle. Früher haben mich solche Aktionen ziemlich geärgert, heute sehe ich das aber gelassener. Wer ein Problem damit hat, dass die eigenen Bilder übermalt werden oder nicht ewig an einer Hausmauer bleiben, sollte vielleicht etwas anderes als Kunst im öffentlichen Raum machen.

Gibt es in Wien Freiflächen, fördert die Stadt Wien die Graffiti-Kunst?
Als ich vor zehn Jahren nach Wien gekommen bin, war Graffiti in Wien überhaupt kein Thema, sondern totale Underground-Kultur. Aber das hat sich durch das enorme Engagement einiger Akteure geändert. Durch Gespräche, Aktionen und viel Öffentlichkeitsarbeit wurde in diesem Bereich einiges ermöglicht. Wien ist gerade an einem spannenden Punkt angelangt. Es ist zwar immer noch schwierig, solche großflächigen Bilder umzusetzen, aber es ist zumindest nicht mehr unmöglich.

Wie viele XXL-Graffitis konnten Sie in Wien bereits umsetzen?
Ich konnte in Wien in den letzten zehn Jahren nur ein einziges umsetzen. Der Eisbär befindet sich in der Quellenstraße Ecke Knöllgasse im 10. Wiener Gemeindebezirk. Der Besitzer hat mich damit beauftragt, wir haben dann die ganzen Genehmigungen eingeholt, was in Wien bekanntlich nicht so einfach ist, und das Mural in fünf Tagen realisiert. Ich bin aber guter Hoffnung, dass sich das in Zukunft ändern wird, da sich in Wien in puncto Kunst und Kultur im öffentlichen Raum einiges tut. Man sollte Street Art mehr Bedeutung entgegen bringen.

Street Art ist zwar bereit en vogue, aber ist oftmals noch immer illegal. Wie sehen Sie das?
Graffiti ist meistens mit Konfrontation verbunden. Daher muss man ein Gefühl dafür entwickeln, wie weit man gehen kann. Wenn man mit der Spraydose in der Hand durch die Gegend zieht und auf Hausmauern taggt, darf man sich nicht wundern, dass sich vielleicht jemand aufregt und man auch mal Probleme mit dem Gesetz bekommt – siehe Puber. Ich habe meine Plätze über die Jahre sehr sorgfältig ausgesucht und auch schon mehrmals Aktionen im Vorfeld abgebrochen. Ich hatte auch schon meine Probleme mit der Polizei, aber das ist bereits länger her. Mit 17 bin ich in Graz vor Gericht gestanden. Ich musste viel Geld zahlen und Wände reinigen. Daraus habe ich gelernt.

Kann einen die Polizei aufgrund des Namens unter dem Graffiti überführen?
Der Name unter dem Graffiti ist kein Beweis, den kann ja jeder schreiben. Es ist dann ein Beweis, wenn man auf frischer Tat ertappt wird. Im Fall Puber war das zum Beispiel auch so, dass viele Nachahmer unterwegs waren, weil die mediale Berichterstattung damals so groß war. Solche Tags haben nichts mit Kunst zu tun, sondern sind eine Art persönlicher Signatur. Wenn ich durch Wien oder eine andere Stadt gehe, fallen mir diese Tags natürlich auf. Dann denke ich mir immer: „Ah, der war auch schon hier.“

Wie legen Sie solche großflächigen Wandbilder an?
Ich selber baue meine Zeichnungen stets geometrisch auf. Ich zeichne wie ein Architekt. Es sind eher technische Zeichnungen, bei der viel räumliches Denken notwendig ist. Wenn ich meinen Stoß von Skizzenbüchern durchblättere, sehe ich wie viel Übung und Training dafür notwendig ist, um diese anatomischen Zeichnungen umsetzen zu können. Aktuell beschäftige ich mich intensiv mit der Darstellung von Wirbeln und Knochenstrukturen von Tieren.

Woher kommt dieses Interesse?
Der Stil setzt sich aus Hauptkonzept, Sprühtechnik und Inhalt auseinander. Ich habe mich schon immer gerne mit der Anatomie von Tieren beschäftigt. Das hat auch viel mit meiner Kindheit zu tun. Ich komme aus einer Jäger-Familie. Da wurden Rehschädel ausgekocht, Eingeweide separiert, die Haut vom Tier abgezogen. Das waren prägende Momente, Bilder, die mich nicht mehr losgelassen haben. Dann kam meine Illustratoren- und Comiczeit und ich habe eine Brücke gesucht, zwischen Comic-Charakteren und einer organischen Funktionalität.

Was waren Ihre ersten Berührungspunkte mit der Graffiti-Szene?
Ich habe mich als Jugendlicher viel mit Comics und Zeichentrickfilmen beschäftigt. Ich habe einige Disney-Filme zigmal gesehen und analysiert. Am Anfang habe ich sehr viel mit Bleistift gezeichnet. Das mit der Farbe ist erst viel später gekommen - zuerst in Form von Acryl-Zeichnungen. Dann habe ich die Spraydose für mich entdeckt und herausgefunden, was man damit alles umsetzen kann.

Wie hat sich die Szene im Lauf der Jahre geändert?
Als ich zum Sprayen angefangen habe, gab es hierzulande so gut wie keine Sprühdosen. Wir hatten ganz selten sehr gutes Material, gute Sprühkappen und mussten oft die von Haarsprays verwenden. Wenn man eine schwarze Spraydose der Marke Montana in Händen hatte, war das wie ein Heiligtum. Da wurde vor jedem Strich sehr viel nachgedacht. Alles andere war Verschwendung. Vorbereitung war alles. Heute ist das mittlerweile anders: Das ganze Sortiment an Sprühdosen ist sehr leicht erhältlich. Daher sprühen auch viele ohne Konzept und Plan in der Gegend herum, was zur Folge hat, dass es viel mehr unüberlegte Bilder gibt.

Wie viel Vorbereitung braucht man für XXL-Grafittis?
Da spielen viele Faktoren mit. Es kommt drauf an, in welchem Land man das umsetzt, wie viel Fläche und welche Zeichnung man unter welchen Voraussetzungen umsetzen möchte. Davon ist dann auch das Material abhängig. Ich habe großes Glück, dass mich die Firma Montana dabei unterstützt, mir Material gratis oder kostengünstig zu Verfügung stellt.

Wie setzt man seine Idee auf eine 400 Quadratmeter große Fläche um?
Man muss dabei immer aus verschiedenen Perspektiven denken. Ich baue meine Bilder geometrisch auf. Wenn es möglich ist, sehe ich mir das Bild während der Arbeit immer wieder aus einer gewissen Entfernung von unterschiedlichen Standpunkten aus an. Da man bei der Arbeit sehr knapp vor der Wand steht, braucht es viel Vorbereitung, Erfahrung und räumliche Vorstellungskraft. Kleinigkeiten lassen sich zwar immer noch ändern, aber gröbere Patzer kann man sich eigentlich nicht leisten.

Mit Rabbit Eye Movement betreiben Sie auch Unternehmen in Wien? Was ist das Konzept dahinter?
Wir vereinen Galeriebetrieb, Agenturarbeit und Künstlervermittlung um Projekte zu realisieren und schaffen mit dem Art Space gleichzeitig einen Treffpunkt um die Szene zu fördern. Aber man wird in Wien durch das „Schau ma mal“-Prinzip ziemlich gebremst. Mit dem Wissen und den Kontakten in die Urban-Art-Szene vermitteln wir Künstler an Kunden, die Wände gestaltet haben wollen.