© ORF/Hans Leitner

TV-Tagebuch
12/22/2021

Wrabetz bei "Willkommen Österreich": "Mitten im 8ten" wäre heute "top"

Der ORF-Generaldirektor stellte sich zum Abschied den Fragen von Stermann und Grissemann und zog Bilanz. Die Causa Rafreider blieb nicht ganz außen vor.

von Peter Temel

*Disclaimer: Das TV-Tagebuch ist eine streng subjektive Zusammenfassung des TV-Abends.*

Dienstagnacht, Roland Düringer beehrt die Stand-Up-Show „Pratersterne“ auf ORF1. Er nützt die ihm gegebene Zeit von fünf Minuten, um sich auf intelligente Weise mit dem Konzept Zeit zu beschäftigen. Düringer stellt auf der Kabarettbühne den Handy-Timer ein, um die Zeit herunterzuzählen. „Wichtig ist, dass man in so einer Situation keine Zeit verliert …“, sagt er. „Na, Sie lachen, aber allein schon deswegen, weil es heutzutage so schwer ist, Zeit zu finden.“

In wenigen Tagen läuft die Zeit von Alexander Wrabetz als ORF-Generaldirektor ab. Zuvor setzte er sich, ebenfalls Dienstagabend, noch in die Comedy-Talksendung „Willkommen Österreich“ und stellte sich den Fragen von Stermann und Grissemann.

Wrabetz habe im Vorfeld der Sendung gebeten, man möge keine Fragen zu seiner beruflichen Zukunft stellen, posaunten die beiden zu Beginn hinaus.

„Das respektieren wir natürlich nicht“, sagte Christoph Grissemann. „Wird er SPÖ-Vorsitzender? Wird er die Salzburger Festspiele übernehmen? Wird er Vorstandsvorsitzender von Bellaflora?“

Im Glashaus

Über die Causa Rafreider wollten sich Stermann und Grissemann nicht weiter auslassen. Denn, so Grissemann: „Wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit Steinen werfen.“

Aber gleich im nächsten Gag wurde Topsy Küppers eingespielt, die sagte, manche Fernsehsendungen müsse man sich schönsaufen.

Nach der vorweihnachtlichen „Keks, Keks, Keks“-Strecke kam dann Wrabetz zum Interviewtisch. Er ließ sich ein Glas Wein einschenken. Im Beruf sei er noch nie betrunken gewesen, meinte er auf Nachfrage, ließ sich aber dann doch zu einem Scherz hinreißen: „Reden wir in drei Wochen drüber.“

Einen von Dirk Stermann erwähnten ORF-Alkohol-Ombudsmann habe es vor seiner Zeit gegeben, meinte Wrabetz, und setzte unernst nach: „Der für die Qualität des Alkohols, der ausgeschenkt wurde, verantwortlich war.“

Ganz ohne Causa Rafreider konnte es also nicht gehen.

"Super-Alex"

Wrabetz sprach dann über sein „sehr gutes“ Verhältnis zu seinem Nachfolger Roland Weißmann, die kritische Distanz zur Politik, dass er in Zukunft „etwas mit Kultur und Medien“ machen werde und darüber, warum es nie ein böses Wort zu Gags auf seine Kosten gab. „Wenn es die Politik aushält, wenn es Kollegen aushalten, dann muss man es auch selber aushalten.“

Aushalten musste er auch einen alten Beitrag aus der Sendung „Dorfers Donnerstalk“, wo Roland Düringer ihn als neuen ORF-Chef „Super-Alex“ persiflierte. „Hallo, ich bin der Alex. Alles wird gut!“ sagte der Kabarettist damals, bevor er über das zugegebenermaßen sehr seichte Wasser des ORF-Teichs ging.

Erkenne den Fernseh-Flop

Dann wurde „Super-Alex“ mit ein paar Flops aus seiner fünfzehnjährigen Karriere konfrontiert. In Form von eingespielten Kennmelodien, die er eigentlich erraten hätte sollen. Wrabetz erkannte keine einzige, entschuldigte das damit, dass er sie offenbar nicht selbst ausgesucht hatte.

Natürlich war die Mutter aller Fernseh-Flops dabei, die Daily Soap „Mitten im 8ten“, die 2007 als Herzstück von Wrabetz’ großer Senderreform angelegt war. Bei „Willkommen Österreich“ erklärt er den Reinfall mit fordernden Fernsehzeiten, es sei auch nicht so gut geworden, wie man es sich vorgestellt hatte. Aufhorchen ließ dann folgender Satz: "Es wäre heute mit den Quoten von damals, als ich es abgesetzt habe, eigentlich top.“

Ob das nicht auch etwas über die kleiner gewordenen Ansprüche bei ORF1 aussagt?

Jedenfalls würden noch 15 ungespielte Folgen im ORF-Archiv liegen. Nach der Absetzung der Serie nach zwölf Wochen sind diese offenbar liegen geblieben. Im Scherz meinte Wrabetz, Nachfolger Weißmann könnte die Episoden ja noch herzeigen.

Eine gefährliche Aussage. Vielleicht bilden sich jetzt Petitionen und Volksbegehren, die eine Fortsetzung fordern.

Todeszone

Beim Signation-Ratespiel folgte Dominic Heinzls gefloppte Society-Sendung „Chili“. Auch diese sei in der „Todeszone“ parallel zur „Zeit im Bild“ chancenlos gewesen, meinte Wrabetz.

Jetzt hoffte er, dass die ORFIII-Signation eingespielt werde, der Kultur- und Informationsssender ist schließlich eines der Leuchtturmprojekte Wrabetz’.

„Nein“, meinte Stermann trocken. Die nächste Signation betraf die Show „Österreichs schlechtester Autofahrer“. Daran konnte sich nicht nur Wrabetz nicht erinnern.

Anschließend streuten Stermann und Grissemann noch Salz in eigene Wunden, nämlich mit der Signation zu „Keine Chance - Die Stermann gegen Grissemann Show“. Dieses Spielshowformat wurde nach nur einer Folge abgesetzt.

Statistisch gesehen gehen ungefähr drei Viertel der Fernsehinnovationen schief, sagte er zum Trost. Es sei „alles schon einmal da gewesen“, es werde nur „mal besser mal schlechter gemacht“.

Ungewohntes Terrain

Die Rad-Olympiasiegerin Anna Kiesenhofer meinte anschließend bei ihrem Talk-Auftritt, sie sei nervös. Die Frage ist, ob Wrabetz auf diesem ungewohnten Terrain nicht noch nervöser war. Es war ein amüsanter, aber doch sehr kontrollierter Auftritt des scheidenden Fernsehmanagers.

150 neue Sendungen habe er in seiner Amtszeit auf den Weg gebracht, resümierte Wrabetz, nur zwanzig seien nicht mehr im Programm oder keines natürlichen Todes gestorben.

Zu den glücklichen 130 zählen offenbar die eingangs erwähnten „Pratersterne“. Also begeben wir uns noch kurz zurück auf die Kabarettbühne.

Mittlerweile ist Roland Düringers Handy-Countdown abgelaufen. Sein Schlusssatz lautet: „Wer heilt dann alle Wunden, wenn alle Zeit vergangen ist? Wurscht …“

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