Thomas Prantner nach seinem Hearing bei der ORF-Wahl: "Spannendste Wochen meiner ORF-Karriere"

© APA/ROLAND SCHLAGER

Interview
11/30/2021

Thomas Prantner verlässt den ORF: "Es gab keinerlei Druck"

Er war im ORF Büroleiter, oberster Kommunikator, Online-Direktor, TVthek-Erfinder und GD-Kandidat. Nun geht Prantner. "Es ist meine Entscheidung"

von Christoph Silber

Thomas Prantner (57) war Büroleiter von Gerhard Zeiler, oberster ORF-Kommunikator, Online-Direktor, TVthek-Erfinder. Er machte sich auch immer wieder zum Spielball der Politik, zuletzt, im Sommer, als offizieller Kandidat für den ORF-Generaldirektor. Nun steht fest, er wird dem ORF nach drei Jahrzehnten den Rücken kehren. Als Eigentor sieht der die GD-Kandidatur nicht. Mit Jahresende 2021 läuft der Vertrag des stv. ORF-Direktorsr als Leiter der Hauptabteilung Online und neue Medien aus. Mit Wirkung von 30. September 2022 wird Thomas Prantner den ORF verlassen und in die Privatwirtschaft wechseln. Die Verabschiedung via ORF-Aussendung übernahm übrigens bereits der designierte ORF-General Roland Weißmann: „Als Führungskraft hat Thomas Prantner den ORF in den letzten Jahrzehnten mitgeprägt."

Herr Prantner, Sie verlassen den ORF nach mehr als 30 Jahren. Was hat Sie dazu bewogen?

Ich möchte nach mehr als 33 erfolgreichen ORF-Jahren eine neue, berufliche Herausforderung in der Privatwirtschaft annehmen.

War Ihre Kandidatur für den ORF-Generaldirektor, im Nachhinein gesehen, ein Fehler?

Nein, im Gegenteil! Es waren die spannendsten und aufregendsten drei Wochen meiner ORF-Karriere und ich hatte die einmalige Gelegenheit, dem Stiftungsrat, den Medien und einer breiten Öffentlichkeit meine Reformideen für den ORF als modernes, digitales Medienunternehmen zu präsentieren.

Gab es Druck von Seiten des gewählten neuen Generaldirektors Roland Weißmann, den ORF zu verlassen oder konnten Sie sich nicht über ihr künftiges Betätigungsfeld einigen?

Nein, es gab von Roland Weißmann keinerlei Druck auf mich. Ich habe mit ihm und dem designierten Technischen Direktor Harald Kräuter zahlreiche sehr positive Gespräche geführt. Beide haben mich gebeten, bis zu meinem Ausscheiden aus dem ORF im Herbst 2022 noch einige wichtige Funktionen und Aufgaben für den ORF wahrzunehmen. Es ist meine Entscheidung, im kommenden Jahr neue berufliche Wege zu gehen.

Mit der Neustrukturierung der ORF-Online-Aktivitäten und der Umsetzung ORF-Player wären Sie ja die TV-thek los gewesen?

Generaldirektor Alexander Wrabetz hat mich 2006 als Onlinedirektor in sein Führungsteam geholt, und mir die Chance gegeben, im Jahr 2009 die ORF-TVthek zu gründen. Es ist uns gemeinsam gelungen, sie zur größten Videoplattform Österreichs zu entwickeln. Die ORF-TVthek ist mit Millionen User/innen und Zugriffen eine Erfolgsstory, ein Meilenstein in der ORF-Onlinegeschichte. Sie ist als digitales Informations- und Unterhaltungsmedium aus der Angebotspalette des ORF nicht mehr wegzudenken und wird eine zentrale Rolle im neuen ORF-Player spielen.

Kein Bauernopfer

Sie galten bis zur GD-Wahl als Bürgerlicher mit guten Verbindungen zur FPÖ, insbesondere zum Umfeld von Norbert Hofer. Die Blauen wählten aus taktischen Gründen jedoch vornehmlich Lisa Totzauer. Sie hatten am Ende null Stimmen. Fühlen Sie sich als Bauernopfer der ORF-Politik, zumal sich der Aufwand für die Kandidatur samt umfänglichen Konzept ja nicht gelohnt hat?

Ich bin als unabhängiger Kandidat bei der ORF-GD-Wahl 2021 angetreten und habe sehr viele positive Resonanzen zu meiner grundsätzlichen Bereitschaft zur Kandidatur und zu meinem Reformkonzept für einen erneuerten, modernen ORF bekommen. Aus diesem Grund wurde ich von Stiftungsräten aller fünf Parlamentsparteien für das Hearing nominiert. Die Stiftungsrat hat eine klare Entscheidung für einen Kandidaten getroffen.  Der neue GD Roland Weissmann hat mich eingeladen, in den verbleibenden neun Monaten bis zu meinem Ausscheiden aus dem ORF als Prokurist in der Technischen Direktion bei der strukturellen, organisatorischen und personellen Neuaufstellung des ORF mitzuwirken und als Mitglied des Aufsichtsrates der ORF ON den Transformingprozess aktiv zu begleiten. Wenn dabei Ideen aus meinem Konzept aufgegriffen werden, würde mich das freuen.

Sie wurden immer wieder und für unterschiedliche Parteien als möglicher Quer-Eingsteiger in die Politik gehandelt. Ist das ein Thema für Sie? Oder wo sehen Sie ihre Zukunft?

Ich war ja schon einmal in der Politik, nämlich in den 90-er-Jahren fast neun Jahre lang als Obmann und Gemeinderat einer Unabhängigen Bürgerliste in meiner Heimatgemeinde Hinterbrühl (NÖ). Nach meinem Abgang aus dem ORF werde ich in die Privatwirtschaft gehen und in den Bereichen Medienmanagement, Kommunikation, Digitalisierung und Marketing tätig sein.

Was bleibt ihnen aus ihrer ORF-Zeit besonders in Erinnerung? Und ist die unter Journalisten kolportierte Geschichte richtig, dass Gerhard Zeiler, dessen Büroleiter Sie u.a. waren, Sie wegen eines wenig wohlmeinenden Artikels einmal über den sechsten Stock des ORF-Zentrums gejagt hat?

Die zitierte Geschichte stimmt nicht und wäre auch völlig untypisch für Gerhard Zeiler. Ich habe ihm und seinen Nachfolgern Gerhard Weis, Monika Lindner und Alexander Wrabetz sehr viel zu verdanken. Sie haben mir die Chance gegeben, eine Karriere im tollsten Medienunternehmens des Landes zu starten und aufzubauen, in der ich sehr viel erreicht habe. Ich war sieben Jahre Unternehmenssprecher und Kommunikationschef, fünf Jahre Marketingchef, fünf Jahre ORF-Onlinedirektor und weitere zehn Jahre stv. Direktor für Technik, Online und neue Medien. Nach so vielen Jahren im Top-Management im ORF ist es Zeit, etwas Neues zu machen. Ich werde dem ORF auch in Zukunft eng und positiv verbunden bleiben.

Vielen Dank.
 

 

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