Meinrad Knapp über Social Media: „Ich lebe mein Leben lieber, als dass ich es filme und poste“ 

© Kurier/Jeff Mangione

Kultur Medien
03/07/2020

Meinrad Knapp über die ATV-Info: „Wir verbiegen uns nicht“

Der ROMY-nominierte Info-Universalist über Dauer-Wahlkampf, Ibiza, Social Media und ORF-Wechsel.

von Christoph Silber

Meinrad Knapp ist so etwas wie die ATV-Allzweckwaffe in Sachen Information. Ob Wahlen, Nachrichten, die politische Analyse-Sendung „ATV aktuell: Die Woche“ sonntags mit den Polit-Experten Thomas Hofer und Peter Hajek oder der Talk für Puls24, der gebürtige Wiener ist im Dauereinsatz.

KURIER: In Österreich herrscht seit 2016 quasi Dauerwahlkampf. In die kurze Pause bis zur Wien-Wahl platzt nun für Sie die ROMY-Wahl.

Meinrad Knapp: Dank der vielen Wahlkampf-Sendungen und Wahlsonntag-Ausgaben sind wir für die ROMY bestens vorbereitet. 

Was lässt sich dafür von der Politik lernen?

Ganz viel versprechen und sich nicht immer gern daran erinnern lassen, was schon alles versprochen wurde.

Wie haben Sie diese intensiven Info-Jahre erlebt? Da verging ja kein halbes Jahr, in dem nicht wahlgekämpft wurde oder politische Bomben in die Luft gingen?

Es waren das die Jahre, in denen auch „House of Cards“ sehr populär war. Ich glaube ja mittlerweile, dass die Autoren der Serie gar nicht in Hollywood sitzen sondern in Wien und auf Ibiza. Denn das, was wir in den vergangenen Jahren und speziell im Vorjahr erlebt haben, das hätte man bei „House of Cards“ als zu unglaubwürdig abgelehnt. Es war für uns wie für alle Politik-Journalisten und natürlich die Zuseher eine herausfordernde Zeit. Es war arbeitsintensiv, aber auch spannend, weil es Wendungen gab, mit denen nicht zu rechnen war. Was die Dramaturgie betrifft, liegt da Österreich vor Hollywood.

 

Bei den vielen Zusammentreffen mit Politikern, lernt man die dann besser kennen?

Ich finde, dass Distanz sehr wichtig ist für unsere Arbeit. Daran halten wir uns auch. Man kann ja sonst schwer die wichtigen Fragen stellen kann. Klar ist, wir Journalisten stehen auf der anderen Seite und jeder hat seine Rolle. Bei Elefanten-Runden versuchen Politiker ganz klar, ihre Botschaften ans Publikum zu bringen. Wir Journalisten versuchen wiederum uns Fragen zu überlegen, die dem Publikum den Blick hinter die scheinbar eingelernte Choreografie ermöglichen. Wichtig ist dabei, dass man mit null Aggressivität sowie mit Respekt vorgeht. Denn nur dann ist ein sinnvolles Gespräch möglich. Danach geht jeder wieder seiner Wege und seiner Arbeit nach.

Politiker sind darauf trainiert, Menschen einzufangen.

Man muss da natürlich aufpassen, aber es wissen ja alle Beteiligten, worum es geht. Ich habe auch überhaupt nichts gegen Politiker – die machen ihren Job, ich mache meinen.

Gibt es Politiker, die Sie als schwierig erleben oder hat das alles einen so hohen Grad an Professionalität, dass man gar nicht mehr an diesen Punkt kommt?

Dass man jemanden auf dem falschen Fuß erwischt, ist inzwischen nahezu unmöglich bzw. wird damit sehr professionell umgegangen. Das ist ja auch logisch, wenn man sich vor Augen führt, wie viele Auftritte in den Medien aber auch auf Wahlkampfveranstaltungen Spitzen-Politiker absolvieren. Professionalität ist aber per se nicht schlecht – auch Schifahren funktioniert heute anders als vor 20 Jahren. Aber klar ist und bleibt, dass die Interessenslagen von Politikern und Journalisten höchst unterschiedlich sind.

Meinrad Knapp moderiert neben den ganzen Wahlsendungen seit 2003 regelmäßig die Nachrichten „ATV Aktuell“ (19.20 Uhr).

Gemeinsam mit Politikexperten Thomas Hofer sowie Meinungsforscher Peter Hajek analysiert der studierte Politikwissenschaftler jeden Sonntagabend in „ATV aktuell: Die Woche“ (22.20) die innenpolitische Lage.

Die Fülle an Sendungen komplettiert „ATV aktuell: der Talk“ auf freitags, auf Puls24 (16 Uhr) bzw. ATV2 (23.45) sowie samstags bei ATV (0.20).

Zu hören ist Knapp überdies werktags beim Radio-Sender kronehit, wo er gemeinsam Anita Ableidinger die Morgenshow moderiert.

Was schon erstaunt hat ist, dass das Publikumsinteresse trotz der vielen Politiker-Duelle in Wahlkampfzeiten hoch geblieben ist.  

Das Treiben und die fast schon zyklischen Konfrontationen mit immer wieder großen Duellen erinnert an Fußball-Weltmeisterschaften. Aber das ist, was das traditionelle Fernsehen kann: Es findet live statt, es ist zutiefst österreichisch, es geht um Themen, die betreffen – da sagt keiner, das schau ich mir zwei Wochen auf einer Plattform an. Das ist die große Qualität von Fernsehen.

Apropos Live – gibt es nach den vielen Jahren vor Kamera und Mikro noch das berühmte Kribbeln?

Ich bin immer noch angespannt, keine Frage. Bei ATV wird eine Elefanten-Runde von einem großen Team vorbereitet –  – und da wird alles fürs Gelingen getan. Aber es kann schon sein, dass ich dann am Nachmittag irgendwie das Gefühl habe, dass dieses oder jenes nicht so passt und sei es auch nur die eigene Tagesform. Auf den letzten Metern ist man als Moderator allein, das ist Teil des Jobs. Aber dann kommt das Rotlicht und man ist mitten drin.

Sie machen neben Wahlsendungen auch noch regelmäßig sehr viele unterschiedliche TV-Formate: von den Nachrichten „ATV aktuell“ über, sonntags, „ATV aktuell: Die Woche“ bis zur Diskussionssendung bei Puls24. Gibt es Vorlieben?

Ich rede extrem gern mit Menschen. Das mach ich in der Früh bei kronehit und am Abend im Fernsehen. Ich glaube auch, dass in einer Diskussion viel mehr möglich ist, als im Gespräch ... Bei Interviews ist man doch eingeschränkt, weil es ein Prozedere gibt, man nur eine bestimmte, kurze Zeitspanne hat, in der sich drei, vier Fragen ausgehen. Bei einer Diskussion kann man das Gegenüber in eine andere Situation bringen, was wiederum andere Blickwinkel eröffnen kann.

Eine Trademark der ATV-Information – egal ob vor oder bei der Wahl oder auch sonst – ist, dass ein gewisser Schmäh zulässig ist. Es gibt eine gewisse Lockerheit.

Das hat sich mehr oder minder zufällig so ergeben. Politik interessiert uns, also uns die bei ATV diese Sendungen machen, ja tatsächlich, das ist gewissermaßen eine Leidenschaft. Es macht für uns aber keinen Sinn, dass wir uns verbiegen und den bier-ernsten Zugang wählen. Das machen andere besser. Bei uns kann auch ein Andreas Gabalier auftreten und mitreden. Ich finde, wir bereichern mit unserem Zugang den Info-Markt: Wir waren mit Politik-Sendungen in der Stadthalle, hatten Konfrontationen ohne Moderatoren oder, zuletzt, einen Jahresrückblick aus der Strache-Villa auf Ibiza. Das alles kann Privatfernsehen, das bringt Vielfalt auf den Schirm und ist nicht minder seriös.

Wie kam es aber zu der Idee, einen Jahresrückblick live aus Ibiza zu senden?

Ibiza ist der Dreh- und Angelpunkt des Politik-Jahres 2019. Daran will und kommt niemand vorbei. Mit ATV-Chefredakteur Georg Grabner bin ich eines Tages nach der Nationalratswahl um den Gebäude-Komplex herumspaziert und wir haben überlegt, was wir tun könnten. Natürlich kam da die Strache-Villa auf. Wir hatten allerdings Bedenken, , aber uns trotzdem dazu entschlossen, es zu probieren. Nach dem grünen Licht von ATV-Geschäftsführer Thomas Gruber haben wir auch eine recht bunte Mischung an Menschen gefunden, die doch die Anreise auf sich genommen haben …

… für alle eine Herausforderung.

Das ist richtig. Wie so oft beim Privatfernsehen, war das eine Produktion am Limit. Ein spanisches Team musste die gesamte Technik von Mallorca nach Ibiza mit der Fähre transferieren. Die Gäste mussten außerhalb der Saison nach Ibiza geflogen werden. Weil es so windig war, konnte Andreas Mölzer nicht von Palma weg und kam deshalb zu spät. Wir mussten dann alles gegen die Zeit drehen, weil das spanische Team zurück auf die Fähre musste – aber es ist sich alles ausgegangen und hat den Österreichern einen interessanten Abend mit offenen Worten beschert.

Ibiza war früher eine Insel, heute steht es für ein innenpolitisches Erdbeben. Wie haben Sie den Tag erlebt?

Es war ein Freitagnachmittag, für uns bei ATV war das genau zwei Tage vor der großen Hauptabendsendung zur EU-Wahl. Die Sendung war im Grunde durchkonzipiert, wir sind die Details durch- und etwa um 16 Uhr auseinandergegangen im Glauben, dass alles wie vorbereitet und nach Plan ablaufen wird. Um 18.07 Uhr wussten wir, dass alles, was wir überlegt und vorbereitet hatten, zum Kübeln war – ein spannender Moment, mit dem niemand gerechnet hat.

Seitdem weiß man, dass man auf seine Pediküre achten sollte...

… und auf einiges mehr. Politiker haben ja mit vielen Vorurteilen zu kämpfen und fast alles wurde in diesem Ibiza-Video bestätigt. Das war unfassbar und das macht es auch für viele so emotional. Da gab es eine türkis-blaue Regierung, die die Harmonie zelebrierte und dann dieses Video. Wir müssen aber auch zur Kenntnis nehmen, mit Blick auf die Umfragen zur Wien-Wahl im Oktober, der Einfluss des Videos und die Nachwirkungen für die handelnden Personen ist offenbar überschaubarer, als viele vermutet hätten.

Den Wählern ist so etwas egal?

Peter Hajek hat für ATV eine Umfrage gemacht mit dem Ergebnis, dass für 60 Prozent das Video keinen Einfluss auf Ihr Wahlverhalten hat. Tatsächlich waren es bei den Nationalratswahlen die nachfolgende Spesen-Affäre Straches, die für ihn und die FPÖ Wirkung hatten – das Video und was darin alles gesagt und geplant wurde, war es nicht.

Im Gegensatz zu den Genannten sind Sie auf Social Media eher unterrepräsentiert. Wollen Sie kein Teil der „Blase“ sein? Der letzte Eintrag auf Facebook war anlässlich der ROMY-Wahl 2017.

Der wahre Luxus heute ist, dass man sein Privatleben privat hält und das mache ich, je älter ich werde, umso stärker und leidenschaftlicher. Ich bin auch nicht der Typ, der alles kommentieren muss. Ich mache Sendungen, in denen ich gern diskutiere, aber es gibt dann auch einen Schlusspunkt, nach dem es privat wird. Ich habe jetzt auch nicht das Gefühl, dass ich sofort eine Insta-Story wegen des ROMY-Interviews machen müsste. Auch die Twitter-Blase ist nicht meine Heimat. Ich lebe mein Leben lieber, als dass ich es filme und poste.

Sie haben Politikwissenschaft studiert und, für Journalisten nicht unbedingt üblich, einen Abschluss gemacht.

Es war ein wunderbares Studium, weil man unglaublich viele Bücher liest und unglaublich viele gescheite Menschen trifft. Man sollte vielleicht nur in Hinblick auf die eigene Zukunftstauglichkeit als Zweitfach den Taxi-Schein machen. Nicht jeder hat so ein Glück wie ich, dass die Leidenschaft über das Studium hinaus auch noch zum Beruf wird.

ATV, das Fernsehen, ist nur ein Teil Ihrer Berufstätigkeit. Werktags im Morgengrauen sind Sie in einer ganz anderen Rolle als Moderator bei kronehit zu hören. Wie geht sich das aus?

Es ist ja ein wenig absurd, weil ich mich in der Selbstwahrnehmung früher eher als Mensch gesehen habe, der im Morgengrauen nach Hause kommt und nicht da zu arbeiten beginnt.  Wie so oft im Leben kommt es anders, als man denkt. Ich habe die Morgenmoderation für drei Monate zugesagt und das ist jetzt zwölf oder 13 Jahre her. Wenn es zwei, drei Stunden später starten würde – es geht um 5 Uhr früh los -, würde es mir auch immer noch Spaß machen. Radio ist so ein feines Medium, es ist vieles daran spontan, vieles entsteht im Gespräch miteinander. Natürlich werden die Tage manchmal sehr lange. Aber ich treffe da schon in der Früh Menschen, die Freunde geworden sind und wir machen gemeinsam eine Sache, die auch anderen gefällt und die bezahlt wird. Ich gebe aber zu, dass es im Sommer ist es leichter als im Winter. Meine Mutter meinte ja immer, ich solle Lehrer werden, weil das etwas Sinnvolles wäre und im November/Dezember bei Regen und Nebel denke ich mir schon manchmal, ich hätte auf sie hören sollen. Andererseits, mit der mehrwöchigen Sommerpause nähere ich mich den Lehrer-Dasein irgendwie auch an.

Sie geben Ihr Wissen über diesen Beruf auch weiter an den hoffnungsfrohen Nachwuchs.

Ich unterrichte als Lektor an der Fachhochschule für Journalismus in Wien, habe zwei Lehrveranstaltungen, in denen es um Präsentationstechniken geht. Es nützt ja nichts, wenn man alles weiß, aber das Publikum bekommt nichts davon mit. Die Herausforderung ist, und das versuchen wir auch in unseren Sendungen bei ATV, dass die Leute das, was sie vorgesetzt bekommen, spannend finden. Ich sehe uns da auch als Dienstleister am Publikum.

ATV ist ja immer gut für eine schräge Aktion. Legendär geworden ist etwa, als Ihr dem damaligen Bundeskanzler Werner Faymann, weil er wegen angeblicher Zeitprobleme nicht zu einer Diskussionssendung kommen wollte, den Hubschrauber hingestellt hat.

Das ist unsere DNA bei ATV. Es waren das wohl bisher auch die teuersten Minuten in der Geschichte des österreichischen Privatfernsehens, weil es ernsthaft aufgezogen wurde – die Flugroute war eingereicht, der Hubschrauber betankt. Dank an Werner Faymann an dieser Stelle, auch wenn er nie eingestiegen ist -  es war die beste Promotion, die man bekommen konnte.  Als Privatsender muss man in so einem Fall eben wendig sein und es waren ja Hunderttausende live dabei, die sich die Anwesenheit des Bundeskanzlers verdient gehabt hätten.

Die Einstellung der Parteien und der Politik zu Auftritten im Privatfernsehen hat sich doch sehr geändert.

Das stimmt, es wird das auch als Chance begriffen und das tut der Demokratie wie auch dem Fernsehmarkt gut. Das haben wir uns aber erarbeitet. ATV ist an Wahltagen seit über zehn Jahren live auf Sendung, wir liegen bei Prognosen eigentlich immer sehr gut und sind damit sehr oft auch schneller. Wenn wir da für Reaktionen in die Parteizentralen schalten, sehen wir oft Menschen, die mit starren Gesichtern auf Bildschirme starren - ich weiß gar nicht, welche Sender die schauen ... 

Immer wieder tauchen Spekulationen auf, Sie könnten zum ORF wechseln. Ist das eine Option für Sie, könnte das passen?

Der ORF besteht ja aus mehreren Sendern und es ist dann sinnvoll, wenn es für beide Seiten zielführend ist. Vor zehn Jahren war das noch so, dass es den Öffentlich-Rechtlichen gab und sonst nicht viel. Das hat sich massiv verändert, wie sich auch die Marktanteile sehr verschoben haben…

ATV liegt vor ORF1 …

… das auch. Es war zuvor von der DNA die Rede und wie wir auf kürzesten Weg Ideen entwickeln und zu Entscheidungen kommen. Vielleicht hatte sogar jemand im ORF auch die Überlegung, für einen Jahresrückblick nach Ibiza zu gehen. Ob es dafür aber schon das entsprechende Formular gibt, kann ich nicht sagen. Auch wenn wir uns bei ATV bei vielen Dingen bescheiden müssen, aber die Möglichkeiten, Ideen umzusetzen, sind vielfältig, das ist für kreative Menschen schon auch Luxus. Das ist nicht nur Kraftaufwand wie bei der Ibiza-Edition, das gibt auch Kraft und Motivation.

Was macht Meinrad Knapp, wenn er Sommerpause hat – Zeit für Hobbys kann es unter dem Jahr ja kaum geben?

Ich bin sehr gern mit meiner Familie in Tirol, zumal an einem Ort, wo das Handy nur sehr sporadisch funktioniert.  Dann hole ich auch viel an privaten Kontakten nach und lese sehr viel – und einmal in dieser Zeit telefoniere ich mit unserem Politik-Analytiker Thomas Hofer, damit wir uns nicht vollends entwöhnen. Ich habe beispielsweise aber nicht das Bedürfnis, mich am Bungee-Seil von Brücken zu werfen, um zu spüren, dass ich am Leben bin. Ich spüre das Leben anders auch. Außerdem haben sich die ATV-Seher angesichts ihrer Treue verdient, mich einmal im Jahr mehrere Wochen nicht zu sehen.

Danke für das Gespräch

 

 

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