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Kabarettistin Monika Gruber

© Servus TV/Manuel Seeger

TV-Tagebuch
11/12/2021

Impfdiskussion auf ServusTV: Die 1-G-Regel der Monika Gruber

Im Corona-Talk im "Hangar 7" prallte wieder einmal viel Meinung auf Wissenschaft. Neu und grenzwertig war, dass es bei einer Diskussionssendung eine Art Produktpräsentation gab.

von Peter Temel

*Disclaimer: Das TV-Tagebuch ist eine streng subjektive Zusammenfassung des TV-Abends.*
 

Wenn die Zahlen steigen und die Politik zu Maßnahmen förmlich gezwungen ist, dann ist wieder Zeit für das Lieblingswort von ServusTV: Panikmodus.

Der Privatsender aus dem Bundesland mit der zweithöchsten Inzidenz und der zweitniedrigsten Impfrate fragte am Donnerstag in seinem „Hangar 7“-Talk: „Zurück im Panikmodus - Zurück in den Lockdown?“

Dazu lud man die bayerische Kabarettistin Monika Gruber ein, die - wie bereits vorab angekündigt - darlegte, warum sie sich nun früher als geplant von der Bühne zurückziehen möchte. Gruber: „Ich habe beschlossen, dass ich den Zeitpunkt nicht verpassen werde, wo es richtig für mich ist, abzutreten. Ich habe keine Lust, zu meiner eigenen Karikatur zu verkommen. Diese ganzen Maßnahmen haben es mir noch leichter gemacht. Jetzt haben wir 2-G, das heißt, ich muss einen Teil des Publikums ausschließen. Das möchte ich nicht.“

"Die Leute vom Alltag ablenken"

Und weiter: „Die Aufgabe von Kultur und von Kulturschaffenden ist es nicht, die Spaltung der Gesellschaft zu unterstützen. Dass es die Politik macht, ist schlimm. Wir können das doch nicht unterstützen! Wir sollen doch die Leute vom Alltag ablenken und unterhalten, und nicht sagen: Du darfst rein, und du nicht.“

Jetzt ist es Gruber natürlich unbenommen, zu befürchten, zur „eigenen Karikatur zu verkommen“, aber ihr Corona-Argument verdient nähere Betrachtung.

Die Ironie dabei ist, dass Gruber in ihrer kurzen Rest-Bühnenkarriere nämlich die 2-G-Regeln umsetzen muss. Würde sie der Kabarettszene noch länger erhalten bleiben, stehen die Chancen gut, dass diese Regeln irgendwann wieder außer Kraft gesetzt werden. Bei entsprechendem Impffortschritt, aber dazu kommen wir noch.

Grubersche 1-G-Regel

Sie sei übrigens für eine 1-G-Regel bei Kulturveranstaltungen. Die Grubersche 1-G-Regel: Getestet, aber egal, ob geimpft oder ungeimpft. Ihr Argument: „Wieso sollte ein gesunder, symptomloser Mensch, der negativ getestet ist, mehr Gefahr für die Gesellschaft darstellen als jemand, der zwar geimpft ist, aber sich nie wieder testen lässt und auch ansteckend sein kann?“

Sie selbst gab übrigens an, geimpft zu sein. Weil es „war die Voraussetzung, meinen Beruf ausüben zu können.“ Nach einer Herzensentscheidung klingt das nicht.

Bitte nicht nachmachen

„Ich hatte überhaupt keine Angst vor Corona, zu keinem Zeitpunkt“, fuhr Gruber fort. Sie gab an, dass sie und ihr Umfeld sich nicht an die Maßnahmen gehalten hätte und bis zu acht Haushalte sich zum Kartenspielen getroffen hatten. Sie habe „verzweifelt versucht“, sich Corona zu holen, aber es habe nicht funktioniert, sagte die Kabarettistin. Ob es  an ihrer überstandene schweren Gripperkrankung gelegen sei, oder an der "Schluckimpfung", nein, Spaß beiseite, sie wisse es nicht.

Jetzt müsste man natürlich einblenden: Bitte nicht zuhause nachmachen, don’t try this at home!

Impfung der Weg aus Pandemie

In der Debatte fiel diese Aufgabe dem deutschen Medizinjournalisten Werner Bartens zu: Er betonte immer wieder: "Die Impfung ist der einzige Weg aus der Pandemie. Nur weil es bei nicht einmal einem Prozent aller Geimpften zu Durchbrüchen kommt, darf man ihren Sinn nicht infrage stellen.“

Politikwissenschaftlerin Kristina Schröder warnte vor neuerlichen Schließungen: "Wenn wir wieder Schulen schließen müssen, ist das eine echte Katastrophe. Gerade Kinder sind psychisch extrem vulnerabel, auch sie müssen wir schützen.“

"Da kann man schon wütend werden"

Bartens erklärte: „All diesen Mist hätten wir hinter uns, wenn wir nur konsequent geimpft hätten.“ Er verglich Länder mit hohen Impfquoten mit Österreich und Deutschland, wo diese noch zu gering sei. „Das finde ich ärgerlich und da kann man schon wütend werden.“

Wütend kann man auch werden, wenn man bedenkt, dass fast parallel dazu in der "ZiB2" ein Intensivmediziner schildert, wie schlimm die Situation aktuell ist.

Er könne sich als ultima ratio eine Impfpflicht vorstellen, meint Bartens - die Politik hätte das nicht von Beginn an ausschließen dürfen. Aber selbst, wenn man diese jetzt einführen würde, hätten die neu Geimpften erst kurz vor Weihnachten den vollen Impfschutz.

Sprenger: Risikogruppen zuerst impfen

Martin Sprenger war ebenso zu Gast. Das ist jener Public Health Experte, der nach dem ersten Lockdown bei der Regierung Kurz-Kogler in Ungnade fiel, und der einmal nach einem "ZiB2"-Auftritt sagte: „Vergessen Sie dieses Interview!“

Im „Hangar 7“ trat er recht überzeugend auf. Er plädierte für eine „möglichst effektive Impfstrategie“, das bedeute „eben nicht, Kinder und Jugendliche zu impfen.“ In der Frage der Impfung der 12- bis 17-Jährigen habe man sich in der österreichischen Diskussion viel zu sehr „emotional zerrieben“, „anstatt sich um jene Gruppen zu kümmern, die wirklich gefährdet sind.“ Und das seien zurzeit zu achtzig Prozent stark Übergewichtige und Diabetiker.

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Laut Sprenger wäre es prioritär gewesen, Risikogruppen möglichst schnell den dritten Stich zukommen zu lassen. Man hätte schon im Sommer gewusst, dass die Impfwirkung nachlässt. Daher kritisierte er die Impfkampagne der Regierung, die zu spät auf eine Drei-Stich-Immunisierung gesetzt habe. Sprenger: “Warum haben wir den Risikogruppen nicht automatisch für den Herbst einen dritten Impftermin gegeben? Dann wären wir heute in einer ganz anderen Situation.“

Bartens bestätigte das grundsätzlich, machte sich aber dennoch für ein anderes Impfziel stark, nämlich zu einer möglichst breiten Immunisierung, um das Infektionsgeschehen insgesamt geringer zu halten.

Schröder sagte: “Ich finde es ethisch problematisch, wenn die Politik versucht, mit Horrorszenarien Stimmung zu machen.“

Bartens gab zu Bedenken, dass sich auch in der Klimapolitik wenig tun würde, wenn man den Leuten nicht drastische Szenarien vor Augen führe. Diese Horrorszenarien seien im Fall von Corona eben nicht eingetreten, weil man entsprechende Maßnahmen gesetzt habe.

"Harvard macht auch Mist"

Er kritisierte auch einen eingespielten Beitrag, der eine Harvard-Studie zitiert, als „tendenziös“. Die Studie besagt, dass eine hohe Durchimpfungsrate nicht zwangsläufig zu niedrigen Infektionszahlen führe. „Harvard klingt immer super, die machen zum Teil auch Mist!“ sagt Bartens. Die Studie werde in der Fachwelt zerrissen, es würden zu unterschiedliche Länder miteinander verglichen.

Für die Kritik an der Wirkung der Impfungen brachte der wortgewaltige Bartens folgenden Vergleich. „Die meisten Unfälle passieren im Winter, also mit Winterreifen. Dennoch würde niemand bestreiten, dass Winterreifen hilfreich und nützlich sind.“

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Bildungsferne Gruppen aufsuchen

Schröder skizzierte drei Gruppen an Impfskeptikern: Neben den klassischen Impfgegnern, die persönliche Empirie der Wissenschaft vorziehen, gebe es zwei Gruppen, die man noch erreichen könne: Leute in bildungsfernen Schichten oder Stadtteilen, Schröder nannte zum Teil auch migrantischen Hintergrund. „Hier müsste man wirklich vor Ort hingehen, von Tür zu Tür gehen. Das ist extrem mühsam und personalintensiv, aber das würde wirklich was bringen.“

Und eine nennenswerte Gruppe, die durchaus auch im gebildeten Sektor vertreten sei, ließe sich „einfach aus Trotz nicht impfen“, sie halte das „für hochgradig unvernünftig“ und für „kindisches Verhalten“. Aufgrund eines hohen Drucks in der Gesellschaft würden diese sagen: „Das ist mein Körper und ich lasse mich erst impfen, wenn dieser Druck wegfällt.“

"Es geht doch nicht um Meinung ..."

Den harten Kern an unbelehrbaren Impfgegnern gibt Bartens mit vier bis fünf Prozent an, die anderen könnte man mit entsprechenden Angeboten vielleicht zur Impfung bewegen. Wobei man diesen die Frage stellen könnte: „Wo hast du gelebt die letzten zwei Jahre …?“

„Das sind einfach Leute, die eine andere Meinung haben“, warf Gruber ein.

„Es geht doch nicht um Meinung“, erwiderte Bartens. Und brachte wieder einen Vergleich: „Ich bin kein Statiker und deshalb sage ich nicht zu einem Brückenbauingenieur: 'Du hast die Brücke falsch gebaut.“'

Gruber fand den Vergleich nicht zutreffend.

Bartens setzte nach: „Wenn eine Brücke einstürzt, sind alle tot. Wenn wir alle Corona haben, sind einige von uns tot.“

Es sei wie in der Klimawandel-Diskussion: Wenn sich 98 Prozent der Wissenschaftler einig seien, und dann sitzt in einer Talkshow jemand, der die zwei Prozent vertritt, dann heißt es auch: Es gibt diese und jene.“

"Das ist einfach bescheuert"

Gruber meinte, man müsse mit Empathie auf die Leute zugehen, die zunehmende Spaltung der Gesellschaft mache ihr Angst. Jetzt fehle nur noch, „dass jemand daherkäme und fordert, die Ungeimpften sollen sich auf der Straße kenntlich machen, die tragen ein grünes Band …“

Bartens schnaufte durch.

„Ja, sie schnaufen jetzt durch“, sagte Gruber.

Bartens: „Sie spielen jetzt an auf die Kennzeichnung im Dritten Reich, das ist einfach bescheuert, das ist dumm.“

Das sei "überhaupt nicht dumm", erklärt Gruber. Sie kenne Beispiele aus Themenparks und Schulen, wo Ungeimpfte ein Banderl bekommen hätten.

Bartens gab ihr Recht, dass man nicht spalten dürfe, aber es werde zu oft auf die Tränendrüse gedrückt. Wenn man beklage, dass man die Alten nicht besuchen dürfte, dann sage er: „Dann lasst euch doch impfen.“

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"Mit Urin gurgeln ..."

Gruber brachte auch persönliche Empirie ins Spiel. Sie kenne zwei Personen, die nach einer Impfung einen Schlaganfall erlitten hätten. Viele hätten einfach „Angst vor der Impfung“.

Bartens betonte erneut die Rationalität. Die mRNA-Impfstoffe wären „nach wenigen Wochen wieder draußen aus dem Körper“ und durch die unglaubliche hohe Zahl an Impfungen in kurzer Zeit seien die Nebenwirkungen sehr gut dokumentiert und entsprechend selten. Von Leuten zu sprechen, „die man kennt“, helfe nicht weiter. „Ich kenne Leute, die mit Urin gurgeln, und glauben, dass das hilft.“

Ein Spray statt einer "Windel vorm Maul"?

Es wurde zwar nicht mit Urin gegurgelt, aber die Sendung rutschte dennoch zwischendurch in den Bereich von Teleshopping-Events.

Moderator Michael Fleischhacker hatte bereits zu Beginn angekündigt, dass die Teilnehmer einen Nasenspray testen könnten. Diesen hatte die Biologin Eva Prieschl-Grassauer mitgebracht, der Spray wurde mehrmals im Hintergrund mit deutlich erkennbarem Markennamen eingeblendet. Prieschl-Grassauer hatte zur Diskussion zuvor selbst wenig beigetragen, nun sagte sie: "Wir brauchen Therapeutika zusätzlich zu den Impfstoffen.“ Die Unternehmerin verkauft freilich Therapeutika.

Ob der Spray die Masken ersetzen könnte, wollte Fleischhacker wissen. Das wollte Prieschl-Grassauer zwar nicht direkt bestätigen, sprach aber von einer bis zu neunzigprozentigen Reduzierung der Viruslast durch diese „innere Maske“.

Kabarettistin Gruber schien begeistert: „Unbedingt! Diese Windel vorm Maul kann ich nicht mehr sehen.“

Gemeint war die Maske.

Immerhin interessierte sich Gruber dafür, wie man den Rachenbereich schützen könne.

Dafür gebe es noch entsprechende Pastillen zu kaufen, die Prieschl-Grassauer natürlich im Angebot hat.

Als Gruber sich dann den Spray zum Testen geben ließ, wurde es Bartens zu viel. Er sagte: „ich finde es schwer erträglich, hier in einer Werbesendung zu sitzen für ein Produkt, dessen Wirksamkeit letztlich nicht gut klinisch getestet ist.“ Er halte das alles nicht für seriös.

"Werbung sieht anders aus"

Fleischhacker sagte: „Wir haben das Produkt nicht einmal genannt. Ich glaub', Werbung sieht anders aus.“

Bartens: „Aber Sie bilden es doch ständig ab, oder sehen nur wir das im Studio?“

Die von Prieschl-Grassauer erwähnten Produkte seien jedenfalls an viel zu wenig Personen erprobt worden.

Eine Person kam währenddessen live dazu. Kabarettistin Gruber sprühte sich den Spray tatsächlich in die Nase.

Prieschl-Grassauer meinte, die Zahl an Probanden werde von Statistikern und der Ethikkommission bestimmt. Und: „Ob das Produkt jetzt der Weisheit letzter Schluss ist, darüber kann man unterschiedlicher Meinung sein. Natürlich werde ich eine andere Meinung haben als Sie, das ist Ihnen unbenommen …“

Bartens wiederholte sich: „Es geht doch nicht um Meinung …“

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