KURIER-Spitze: Verleger Ludwig Polsterer, Chefredakteur Hans Dichand und sein Nachfolger Hugo Portisch

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KURIER-Serie
05/01/2021

Hugo Portisch und der heiße Zeitungskrieg

Teil 4: 1958 wird Hugo Portisch Chefredakteur des KURIER und löst Hans Dichand an der Spitze der Redaktion ab – dies inmitten turbulenter Zeiten für Österreichs Medienlandschaft.

2010 hat Hugo Portisch dem Verleger Hannes Steiner in 30 Stunden sein Leben erzählt mit dem Auftrag, sein geistiges Erbe einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Steiner hält gemeinsam mit dem Unternehmer Michael Kraus die Rechte an diesen „Toskana Tapes“. Wir bringen die packendsten Auszüge in zwölf Teilen.

von Martin Haidinger

Im März 1958 eskaliert ein schwelender Konflikt, der die Presselandschaft in Österreich gewaltig durcheinanderwirbelt. Die rivalisierenden Zeitungsherausgeber Fritz Molden (Die Presse) und Ludwig Polsterer (KURIER) befetzen sich stellvertretend für die hintergründig geldgebenden Parteien SPÖ und ÖVP. Auf der Vorderbühne: die Journalisten Gerd Bacher (Chefredakteur des Bild-Telegraf) und Hans Dichand (KURIER-Chefredakteur). Im kurzen, aber heftig geführten „Wiener Zeitungskrieg“ geht es um die Vorherrschaft am Boulevard. Die ÖVP hält über Teilinhaber Alfred Maleta einen guten Anteil am KURIER und will möglicherweise durch Strohmänner auch das Konkurrenzblatt Bild-Telegraf erwerben, das in einem Abhängigkeitsverhältnis zum damals mit der SPÖ verbundenen Fritz Molden steht. (Er lässt den Bild-Telegraf in seinem Pressehaus drucken und das verschuldete Blatt ist ihm ab einem gewissen Schuldenstand praktisch verpfändet. Laut Vertrag darf Molden dann eine „ähnliche Zeitung“ herausbringen.) Wenn der Bild-Telegraf aber rechtzeitig von den ÖVP-Strohmännern gekauft würde, hätte die Volkspartei die beiden meistgelesenen Boulevardblätter in der Hand. Vielleicht wollte die ÖVP den Bild-Telegraf als KURIER-Konkurrenz aber auch schlicht abwürgen – bis heute ist das nicht geklärt.

Fakt ist, dass Molden die Schulden fällig stellt, um am 13. März eine über Nacht umbenannte Zeitung namens Bildtelegramm herauszugeben, und zwar mit der bisherigen Redaktion um Chefredakteur Bacher.

Nun klopft der ausgebootete Herausgeber des Bild-Telegraf Hans Behrmann beim Konkurrenten Ludwig Polsterer an und bittet um Hilfe, ja um Asyl! Hans Dichand weilt gerade auf Urlaub, ohne Telefon und Urlaubsadresse. Die Geschäfte führt Stellvertreter Hugo Portisch.

Der Polsterer fragt: Sind wir als KURIER-Redaktion in der Lage, den „Bild-Telegraf“ herauszugeben? Ein schöneres Angebot kann man gar nicht bekommen: die Konkurrenz in unsere Hand zu legen. Natürlich machen wir das! Habe das mit der Redaktion besprochen: Wir müssen aber den KURIER weitermachen. Na, dann machen wir beide! Ich habe selten eine Redaktion so munter gesehen und mit so viel Vergnügen, die Konkurrenzzeitung nachmachen zu dürfen und herauszubringen. Für uns war es eine Hetz! Ich habe mir ein Feldbett aufstellen lassen und bin überhaupt nicht mehr nach Hause gegangen. In der Nacht haben wir den KURIER gemacht, der als Mittagsausgabe erschienen ist, dann anschließend den „Bild-Telegraf“ als die nächste Morgenzeitung.

Hans Behrmann lässt das Bildtelegramm von Molden und Bacher aus Copyrightgründen mehrfach gerichtlich beschlagnahmen.

Dann ist das Ganze als „Zeitung ohne Titel“ erschienen. Auch die hat der Richter wegen zu großer Ähnlichkeit beschlagnahmen lassen, weil sie natürlich im grafischen Bild von der ersten bis zur letzten Zeile logischerweise nach wie vor den „Bild-Telegraf“ gemacht haben.

Jedenfalls erscheinen Bild-Telegraf und Bildtelegramm ein paar Tage lang parallel und polemisieren in Leitartikeln gegeneinander.

Da kommt Hans Dichand aus dem Urlaub zurück und bietet Ludwig Polsterer an, auch künftig gemeinsam mit Portisch sowohl KURIER als auch Bild-Telegraf nebeneinander zu führen, möchte aber an beiden Blättern wirtschaftlich beteiligt werden. Polsterer lehnt ab. Dichand kündigt und gründet wenig später mit der erhaltenen Abfertigung die Kronenzeitung. Sein Nachfolger als KURIER-Chefredakteur wird Hugo Portisch, der auch bald den Sprung ins Radio und Fernsehen, in die „Runde der Chefredakteure“ schaffen wird.

Die Koalitionspartner ÖVP und SPÖ einigen sich, den „Zeitungskrieg“ zu beenden, sowohl Bild-Telegraf als auch Bildtelegramm werden eingestellt, und Molden gibt ab sofort eine neue Boulevardzeitung namens Express heraus. Eine gefährliche Konkurrenz für Portischs KURIER!

Sie haben nämlich unter dem cleveren Chefredakteur Gerd Bacher den „Express“ als Morgen- und Abendzeitung herausgebracht, sodass wir als KURIER, als Mittagszeitung, eingeklammert waren. Was tun gegen einen zweimal täglich erscheinenden „Express“? Da kann man nur mit einem dreifachen KURIER antworten, einem Morgen-, Mittag- und Abend-KURIER. Es hieß dann: zweimal täglich „Express“, dreimal täglich KURIER.

Wieder einmal lockt Hans Dichand – diesmal zur Krone.

Er hat in der Redaktion des KURIER so ziemlich alle Leute angerufen und gefragt, ob sie bei der „Kronenzeitung“ mitmachen würden. Einige haben Ja gesagt. Viele waren es nicht, aber doch einige wirkliche Säulen der KURIER-Redaktion: z. B. Bibi Dragon, Ernst Trost und der Kulturkritiker Hans Weigel. Sie bekamen von uns eine hohe Abfertigung, mit der sie sich Anteile der „Kronenzeitung“ gekauft haben, die ihnen der Dichand später wieder abgekauft hat. So haben wir eigentlich mit dieser Aktion beim Start der „Kronenzeitung“ geholfen. Das war das Ende des Zeitungskriegs, nachdem sehr viel Munition verschossen worden ist.

Und das mit vielen Akteuren, die das heimische Mediengeschehen noch 50 Jahre lang wesentlich prägen werden: Fritz Molden, Hans Dichand, Gerd Bacher – und Hugo Portisch.

 

Martin Haidinger hat als Ö1-Wissenschaftsredakteur  das Material bereits in drei Radiosendungen („Salzburger Nachtstudio“) aufbereitet.

Soeben erschienen: Hugo Portisch: So sah ich … Mein Leben. Aufgezeichnet von Hannes Steiner, bearbeitet und in einen historischen Kontext gestellt von Martin Haidinger. Story one, 80 S.

Nächste Woche, Teil 5:
Mittendrin im Kalten Krieg. Wie Portisch nur knapp Verhaftungen in Ägypten und Kuba entgeht.

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