"Die Getriebenen" über Angela Merkel und die Flüchtlingskrise 2015

© ARD/rbb/carte blanche International/Volker Roloff

TV-Kritik
04/15/2020

"Die Getriebenen": Diese Merkel flucht auch

Der Fernsehfilm (Mittwoch, 20.15 Uhr/ARD) erzählt die Flüchtlingskrise vom Sommer 2015 nach.

von Nina Oberbucher

Der Wunsch, sich mit Krisen zu beschäftigen, wird bei vielen wohl gerade eher mäßig ausgeprägt sein. Man könnte der ARD bei der Ausstrahlung ihres neuen Spielfilms "Die Getriebenen" (heute, Mittwoch, 20.15) über die Flüchtlingskrise von 2015 schlechtes Timing unterstellen. Andererseits ist ein Einblick in politische Entscheidungsfindung und Kommunikation wohl selten passender als jetzt.

Der Spielfilm erzählt von den Ereignissen im Sommer von vor fünf Jahren, als sich mehrere tausend Menschen auf den Weg nach Deutschland machten und Bundeskanzlerin Angela Merkel die Grenzen offen hielt. "Die Getriebenen" beruht auf dem gleichnamigen Sachbuch von Robin Alexander und ist ein "bis ins Detail faktenbasierter Fernsehfilm", erfährt man aus dem Presseheft, aber "keine Dokumentation". Im Zentrum steht Merkel.

Der Film beginnt auf einem Flur, mit einer Traube von Menschen, zielstrebigen Schritten und einem schnellen Briefing für die Kanzlerin. Es sollen noch viele solcher Szenen folgen. Man ist unterwegs, telefoniert, verhandelt. Immer mit dabei: Berater, Dolmetscher, Sicherheitspersonal. So temporeich wie für die Politiker geht es auch in "Die Getriebenen" zu – der Name ist Programm.

Zwischen die Spielfilmszenen sind immer wieder originale Aufnahmen und Nachrichtenbeiträge geschnitten: Von der wirtschaftlichen Lage Griechenlands über jenen Moment, als Merkel im Fernsehen ein Flüchtlingsmädchen eher ungeschickt tröstete bis zu ihrem berühmt gewordenen Satz "Wir schaffen das".

Wer die politischen Details von 2015 nicht mehr genau am Schirm hat, wird jedoch ein wenig verloren zurückgelassen. Die damaligen Missstände im BAMF werden zum Beispiel als Allgemeinwissen vorausgesetzt, was die Zuseher aus Deutschland wohl präsenter haben dürften, weswegen sie BAMF auch nicht googeln müssen (es ist das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge). 

Doch die Fakten kann man auch andernorts nachlesen. Viel spannender sind die Einblicke in die Besprechungszimmer, Dienstwägen und Eigenheime der Politiker, wo die wichtigen Entscheidungen Europas getroffen werden. Ob das alles wirklich so ausgesehen hat, wird man wohl nie erfahren, aber die Vorstellung, dass Merkel Bier trinkt und "Scheiße" sagt, hat etwas. 

Imogen Kogge spielt die Kanzlerin großartig, auch die anderen Politiker wie Bayerns CSU-Mann Horst Seehofer (Josef Bierbichler) oder Markus Söder (Matthias Kupfer) sind überzeugend dargestellt. Die Ähnlichkeit der Schauspieler mit den Originalen ist oft verblüffend.

Österreichs Ex-Kanzler Werner Faymann ist vielleicht weniger gut getroffen, dafür klingt Darsteller Orlando Süss wirklich sehr ähnlich wie der damalige Außenminister Sebastian Kurz, als er in einer Verhandlung um eine "schwammigere" Formulierung im Vertrag bittet. Und Ungarns Premier Viktor Orbán darf böse dreinblickend mit einem Fanschal um den Hals ins Fußballstadion fahren, während er die EU mit seiner Flüchtlingspolitik erpresst. 

Eindrücklich wird gezeigt, was sich in höheren Sphären abspielt, wie Intrigen gesponnen oder Telefonanrufe ignoriert werden, um den politischen Kontrahenten zum Handeln zu zwingen. Und der Film demonstriert auch, wie komplex politische Entscheidungen sind (man hatte es geahnt, vorstellen kann man es sich aber nicht wirklich).

Merkel wirkt dabei immer sehr überlegt und rational (wie man sie auch kennt) und selbst ein Streit mit Ehemann Joachim fällt äußerst harmlos aus. Man würde sich doch wünschen, sie auch einmal in Rage zu sehen oder auch bei ihr ein klein wenig Machtrausch oder Taktik zu entdecken. In "Die Getriebenen" sind diese Eigenschaften nur bei den anderen zu finden. 

"Die Getriebenen", Mittwoch, 20.15 Uhr, ARD sowie in der Mediathek

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