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Interview
07/29/2021

Verstörende Schalko-Serie: Wenn alle Wünsche ins Chaos führen

David Schalkos "Ich und die Anderen" ist ein verschrobenes Gedankenexperiment. Erstmals arbeitete er mit Sky – und er plant eine zweite Staffel.

von Peter Temel

David Schalkos neue Serie ist alles andere als leichte Kost. „Ich und die Anderen“ ist eine wilde, teilweise artifiziell wirkende Mischung aus Mystery, Science-Fiction und surrealer Komödie. Eine Mischung, die beim Bezahlsender Sky eine Heimat fand und ab 29. Juli auf Sky Atlantic und Sky X verfügbar ist.

Erzählt werden die sechs Episoden rasant. Der App-Entwickler Tristan (Tom Schilling) merkt eines Morgens, dass ihn auf der Straße alle komisch ansehen.

Ein Taxifahrer bietet ihm seine Dienste an und kann ihm die verschrobensten Wünsche erfüllen. Zunächst muss Tristan aber feststellen, dass alle alles über seine Gedanken wissen: Nicht nur seine schwangere Freundin Julia (Katharina Schüttler), auch seine Ex-Freundin Franziska (Mavie Hörbiger) oder der undurchsichtige Chef der Tech-Company „42!“, für die er arbeitet (Lars Eidinger).

Für verstörende Momente sorgt zum Beispiel Tristans schräge Künstlerfamilie (Martin Wuttke, Sophie Rois, Sarah Viktoria Frick). Auf einer Vernissage wird eine Videoinstallation gezeigt, in der ein ganzes Bienenvolk aus einer Vagina kriecht.

KURIER: In diese Serie wird man hineingeworfen wie in eine Versuchsanordnung und das Prinzip, das dahinter steckt, wird von Tristan nicht sehr lange hinterfragt. 

David Schalko: Tristan merkt schnell, dass er sich in einer Art Simulation befindet. Ab Folge 2 versucht er, das für sich zu nutzen. Er sagt sich: „Okay, ich will jetzt, dass sich alle die Wahrheit sagen. Ich will von allen geliebt werden.“ Eigentlich positive Dinge, von denen man hofft, dass sie mehr Glück ins Leben bringen,  was halt in dem Fall dann nicht immer so ist. 

Ich musste bei den surrealen Szenen ein bisschen an Lynch oder Buñuel denken. Bei Letzterem wird ja konservative Spießigkeit entlarvt. Was für eine Gesellschaft wollten Sie zeichnen?

Während Buñuel immer die Bourgeoisie im Blick hat, spielt „Ich und die Anderen“ in einer Silicon-Valley-artigen Welt, also in einer globalisierten Kultur. Diese Start-Up-Büros, diese ganze Bürowelt, alles hat so ein bisschen die Idee des Überall. Natürlich wird auch eine neue Form der Biederkeit gezeigt und ein neues Biedermeier.

Und natürlich auch ein Restbestand der 68er Generation …

Seine Eltern sind natürlich Alt-68er-Überbleibsel. Diese ganz ödipale Geschichte nimmt auf etwas Bezug, das in der zweiten Staffel vorkommt. Auch so klischierte Figuren wie der Psychotherapeut (Michael Maertens, Anm.) haben eine Funktion in dieser Versuchsanordnung, um diese Dinge durchzuspielen und selber wiederum fast wie eine Simulation von etwas wirken.

Und der Protagonist?

Tristan ist ja eine Art Mann ohne Eigenschaften. Man hat das Gefühl, dass sich der erst durchs Erzählen aufbaut und dass er eine Art künstliche Intelligenz darstellt, er wirkt fast selbst wie eine Simulation.

Warum haben Sie sich für Wien als Drehort entschieden? Und wie haben Sie hier die Orte gefunden, die überall spielen könnten?

Wir wollten eigentlich in Frankfurt drehen oder wo anders in Deutschland, wo es ähnlich aussieht. Weil wir das Gefühl hatten, dass wir Wien schon so abfotografiert hatten mit „M - Geschichte eines Mörders“. Es war dann gar nicht so leicht, Ecken zu finden, wo diese globalisierte Kultur spielt, in Wien zu finden und darzustellen, ohne dass man gleich merkt, dass man sich in Wien befindet.

Es kommen auch aufwendige Massenszenen vor, das dürfte in Corona-Zeiten nicht so einfach gewesen sein. Wie hat sich das angefühlt?

Das war insofern interessant, oder fast berührend, weil die Leute es ja selber nicht mehr gewohnt waren, mit so vielen Menschen an einem Ort zu sein. Deswegen haben wir fast selbst zu feiern begonnen, um diese Chance zu nutzen, das eigentlich ein Club kurz offen hat. (Lacht) Es waren natürlich alle zwei Mal getestet und es war auch kein Corona-Fall dabei. Aber man hat eine Art Sehnsucht gespürt und eine Erleichterung, dass es zumindest für ein paar Stunden wieder so was gibt. 

Es kommt eine Szene mit einer recht aggressiven Rollstuhlfahrerin vor. Oder zwei Kleinwüchsige, die man nur mehr ganz selten in Filmen sieht. Heutzutage fällt das stärker auf. Ist es Ihnen wichtig, keine Schranken zu haben, was Political Correctness betrifft?

Ich glaube, Schranken sind in der Kunst sowieso etwas nicht Angebrachtes. Aber es muss natürlich etwas erzählen. Bei den Kleinwüchsigen geht es um Zwergenweitwurf. Das steht in einem Kontext in der Geschichte. Es ist nicht einfach ein Effekt, der erzielt werden soll, weil das politisch inkorrekt ist. Es geht ja um die Werbung für einen Drink, der alle dazu bringt, vor Glück fast zu platzen. Und sogar die Zwerge sind glücklich dabei, wenn sie durch die Gegend geworfen werden. Es hat ja sozusagen einen Sinn.

Also ist es kein Zitat zu Scorseses „The Wolf of Wall Street“?

Nein, überhaupt nicht.

Aber die Serie strotzt natürlich vor popkulturellen Zitaten. Sie beginnt gleich mit einem Song von REM. 

Es ist überhaupt sehr viel 90er-Jahre-Musik drin und auch die Kostüme sind sehr 90er-Jahre-lastig. Das hängt auch damit zusammen, dass die 90er Jahre zu einer Sehnsuchtszeit geworden sind, wo noch alles gut war. Was in unserer Generation vielleicht die 60er Jahre waren, sind für die neue Generation die Neunziger. Wo sehr viel hineinprojiziert wird, das sich dann mit dieser neuen Welt mischt. Popkulturelle Zitate sind natürlich sehr viele drin, überhaupt sehr viele Zitate.

Wollten Sie mit dem Mix an Zitaten auch eine gewisse Zeitlosigkeit erreichen?

Ja, und das Diskursive. Wir rennen ja alle mit einem Wissen von Film, Popkultur, Philosophie herum. Und wenn die Dinge so anzitiert werden, holt man dieses Wissen herein, ohne dass man etwas groß erklären muss, weil es für alle sofort da steht.

Zum Beispiel das Motto „Protect Me From What I Want“ …

Ja, das ist ein berühmtes Zitat der Künstlerin Jenny Holzer. Im Prinzip zeigt es das, worum sich die Serie dreht. Man muss diesen Protagonisten ja fast vor seinen Wünschen bewahren, weil jeder Wunsch auf irgendeine Art und Weise im Abgrund endet. Und das spielt auch mit dem Gedanken, dass in dem Moment, in dem man sich nichts mehr wünschen muss, das Glück zu Hause ist. 

Das wunschlose Glück als Idealvorstellung?

Jedenfalls nicht das wunschlose Unglück … (lacht)

Sie scheinen ebenfalls Gefallen an abgeschlossenen Dingen zu haben. Selbst bei der Erfolgsserie „Braunschlag“ gab es keine zweite Staffel.

Ich finde es angenehm, nicht in die Willkür zu kommen, endlos zu erzählen und es an irgendeinem Punkt wurscht ist, was man erzählt. Aber diese Serie ist auf zwei Staffeln angelegt. Ich habe alles fertig konstruiert und skizziert, weil in diesem Fall sehr wichtige Dinge in der Serie aufeinander Bezug nehmen. Im Kopf muss es ja fertig sein, damit man überhaupt anfangen kann zu schreiben.

Also eine zweite Staffel ist angedacht, aber noch nicht fix … 

Genau, das entscheidet Sky. Es hängt wahrscheinlich davon ab, wie erfolgreich es sein wird.

Es werden teilweise bürgerkriegsähnliche Zustände gezeigt. Ich stelle es mir interessant vor, das in Corona-Zeiten so zu drehen. Aber auch Einsprengsel wie „Worte sind wie ein Virus“ oder „Hauptsache, der Zustelldienst funktioniert“ kommen vor: Ist das erst im Eindruck der Pandemie entstanden?

Das war alles schon da, wir haben kein einziges Wort geändert. Aber das Bild des Virus war schon vorher sehr stark. Das hat sehr viel mit der Idee eines Virus zu tun, das sich durch Sprache verbreitet, und nicht, das Corona auf irgendeine Art zitiert wird. Das Virus ist, etwa als Computervirus oder et cetera, schon sehr lange eine sehr gebräuchliche Metapher.

War Tom Schilling für Sie von Anfang an ein Wunschkandidat?

Tom habe ich beim Schreiben immer im Kopf gehabt und ich war sehr froh, als er dann zugesagt hat, weil ich ihn erst gefragt habe, als ich schon drei Episoden geschrieben hatte. Hätte er nicht zugesagt, hätte ich gar nicht so genau gewusst, wer das spielen soll. Es ist keine leicht zu besetzende Rolle. Wie gesagt, er spielt einen Mann ohne Eigenschaften, der recht passiv ist und reagiert. Das interessant zu gestalten, dass man mitgehen will, ist nicht leicht.

Ibiza-Projekt mit Böhmermann

Es gibt diese Szene, wo Tristan fast gottgleich verehrt wird. Man denkt da an Popstars, aber vielleicht auch an Politiker, die scherzhaft als Messias bezeichnet worden sind, am Höhepunkt ihrer Macht quasi. Wie vergänglich ist diese Macht?

Wir haben als Gesellschaft den Drang, ständig diesen Messias zu suchen. Diese Persönlichkeiten entzaubern sich dann meistens selbst, nach einem Jahr spätestens. Und ob jetzt alle Sebastian Kurz lieben, weiß ich nicht. Ich kenne ein paar Leute, die ihn nicht so lieben und deswegen bin ich mir gar nicht so sicher, ob er der Messias ist.

Zum Thema Fallhöhe bei Politikern: Wie ist der Stand bei Ihrem Ibiza-Projekt mit Jan Böhmermann? 

Wir arbeiten daran und sind gerade in der Finanzierungsphase. Wir sind mitten in Gesprächen mit Sendern. Es gibt ein fertiges Buch und jetzt muss man mal schauen, wie man zusammenkommt. Wir hoffen, dass wir ab Herbst oder ab dem Frühjahr drehen können. Das wäre der Plan.

Wurde schon gecastet?

Ein bisschen wurde gecastet. Aber ich will jetzt noch nicht sagen, wer HC Strache spielt, wenn Sie darauf hinaus wollen. (lacht)

Das heißt, es wird keine reine Parabel, sondern wird mit den echten Figuren erzählt?

So ist der Plan. Es sollen alle so heißen, wie sie heißen, Aber natürlich werden die Geschehnisse, die eh schon jeder kennt, nicht 1:1 nacherzählt, das wäre auch langweilig. Dem muss man eine andere Metaebene geben, vielleicht auch eine sehr überraschende. Es wird kein dokumentarischer Spielfilm. 

Derzeit wird viel diskutiert darüber, was eigentlich aus dem Ibiza-Skandal geworden ist. Die einen sagen, der dazugehörige U-Ausschuss hat viel zu Tage gefördert. Andere sagen: Es bleibt wenig übrig. Wie sehen Sie diese Diskussion? 

Dass HC Strache jetzt keine besonders große politische Bedeutung mehr hat, darum geht es gar nicht. Das Ibiza-Video war der Anfang von etwas, das sichtbar gemacht wurde und war sicher die Spitze eines Eisbergs. Was weniger ein System, als eine politische Kultur aufzeigt, die es eh schon länger gibt, aber wo wir jetzt quasi im Wohnzimmer dessen gesessen sind und nicht nur den peinlichen Duktus dessen kennen, sondern nun auch offen liegt, was da gemacht wird. Es war halt so, dass die FPÖ es sich vorgenommen hat und die andere Partei es gemacht hat. Das ist halt jetzt auch ein bisschen ungeschickt, aber im Prinzip zeigen die Chats zwischen Blümel, Schmid und Kurz et cetera auch kein anderes Bild als das, was wir da sehen. Es gibt für mich ein großes Ibiza-Video. Die Chats und das Video gehören für mich zusammen, das ist alles der gleiche Film.

Um den Kreis zu „Ich und die Anderen“ zu schließen: Man könnte die Offenlegung des Videos und der Chats auch mit Tristan vergleichen, bei dem plötzlich auch alle wissen, wie er denkt. Denken Sie da auch an die handelnden echten Personen, wie die sich dabei fühlen?

Es ist natürlich eine große Abwägung, ob das okay ist, solche Chats zu veröffentlichen. Ich glaube, es hat sehr viel mit der Frage zu tun: Was ist privat und was ist im Interesse einer Republik? Früher sagte man: Jedes Schriftl ist ein Giftl. Und es ist ja bei den Chats nicht anders. Die haben halt nicht damit gerechnet, dass man ihnen die Handys wegnimmt, weil es wie eine körperliche Amputation ist. Aber im Prinzip ist es ja nichts anderes, als wenn jemand im Mistkübel stirlt und Zettel findet, wo irgendwas draufsteht. Es ist so, dass es uns per se nichts angeht, ob der Herr Schmid jetzt irgendwelche Dick Pics verschickt. Aber wenn es darum geht, auf welche Art und Weise er so einen wichtigen Job bekommt und sich selbst die Ausschreibung dazu designt, dann ist das sehr wohl im Interesse der Republik. Und dann ist auch okay, diese Chats zu veröffentlichen, weil es im allgemeinen Interesse ist.

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