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07/23/2021

Serienstar Maximilian Mundt: "Mit der Einsamkeit kommt die Verrücktheit"

Der Schauspieler und ROMY-Preisträger über die neue Staffel von „How To Sell Drugs Online (Fast)“, über Einsamkeit und die Angst vor Blamage.

von Nina Oberbucher

Eigentlich will Moritz (Maximilian Mundt) nur seine Freundin Lisa (Lena Klenke) beeindrucken – und startet wenig später von seinem Kinderzimmer aus den weltweit größten Drogenversandhandel im Internet. Wie es damit weitergeht, ist ab 27. Juli in der dritten Staffel der erfolgreichen deutschen Netflix-Serie „How To Sell Drugs Online (Fast)“ zu sehen.

Im Interview erzählt der 25-jährige Schauspieler aus Hamburg, warum er bei den Dreharbeiten ein Handdouble brauchte, wieso er beim Dreh einsam war und welche Bedeutung die Aktion #ActOut für ihn hat.

KURIER: Sie haben drei Staffeln „How To Sell Drugs Online (Fast)“ gedreht, in der ein Schüler übers Internet zum Drogenbaron aufsteigt. Mittlerweile kennen Sie sich wahrscheinlich genug mit dem Thema aus, um selbst reich damit zu werden?

Maximilian Mundt: (lacht) Das stimmt, das könnte ich höchstwahrscheinlich. Es stellt sich auch bei uns in der Serie raus, dass das gar nicht so schwierig ist. Aber ich glaube, wir zeigen auch genügend Gründe, warum man das nicht machen sollte, weil man sich eine ganze Menge Ärger einbrockt und mit noch schlimmeren Leuten zu tun hat als in der Filmbranche (lacht).

Sind die tatsächlich so schlimm?

Nein (lacht).

Die Handlung ist inspiriert von einem wahren Fall – sind Sie vor dem Dreh schon in Berührung mit dieser Geschichte gekommen?

Überhaupt nicht. Es war alles sehr neu für mich und deshalb auch besonders spannend, die Drehbücher zu lesen und mich ganz allgemein mit dem Darkweb zu beschäftigen. Ich hatte keine Ahnung, was es da gibt und war da tatsächlich ein bisschen naiv.

Was haben Sie gelernt?

Alles Mögliche. Uns sollte auch das Coden beigebracht werden und wie man richtig mit der Tastatur umgeht, wenn man ein Computernerd ist. Aber das hätte zu lange gedauert und war dann tatsächlich zu selten zu sehen, als dass sich der Aufwand gelohnt hätte. Wir hatten dann Handdoubles, weil man jahrelange Übung braucht, um dieses Tempo zu erreichen.

Es war die erste nonfiktionale Serie der bildundtonfabrik – der Produktionsfirma, die u. a. für Jan Böhmermanns Neo Magazin Royale verantwortlich war. Da wurde viel ausprobiert – aber das war vermutlich auch chaotisch?

Ja, es war wahnsinnig chaotisch (lacht). Es hat sich angefühlt wie ein Studentendreh – selbst bis zur dritten Staffel. Sie sind wahnsinnig spontan und lassen sich während dem Dreh noch Sachen einfallen, die dann am nächsten Tag plötzlich im Drehbuch stehen. Dann denkt man so: Ach (schnauft), na gut, dann lerne ich jetzt noch mal eine Seite Text, den ihr gerade neu geschrieben habt. Es macht aber auch total Spaß, weil man dadurch so wach ist, jeden Tag wieder überrascht werden kann und nicht in so eine Routine verfällt.

Sie haben eigentlich für die Rolle von Moritz’ Freund Lenny vorgesprochen, wurden dann aber als Moritz besetzt. Sie haben in Interviews erzählt, dass Sie dann große Selbstzweifel hatten.

Ja, absolut. Es war meine erste große Produktion und mir wurde plötzlich bewusst, dass das in 194 Ländern gesehen werden kann, mein Gesicht für diese Serie stehen wird und man mich immer damit in Verbindung setzen wird. Und wenn ich 60 bin, kann man das wahrscheinlich immer noch auf Netflix sehen. Da habe ich mich in Szenarien reingesteigert, was alles passieren könnte, ob ich mich damit blamieren werde oder ob ich überhaupt so viel Aufmerksamkeit will. Dann ist es aber einfach passiert und voll schön geworden.

Ab welchem Punkt konnten Sie es genießen?

Erst als es draußen war. Ich konnte den Dreh zwar genießen, weil das tolle Leute waren, aber trotzdem dachte ich jeden Abend auf dem Hotel wieder: “Oh Mist, ich weiß nicht, ob das gut ist, ob ich das gut mache oder ob das hier was wird”. Ich konnte erst entspannen, als ich einen persönlichen Link bekommen habe, circa einen Monat vor dem Release, und mir das zu Hause anschauen konnte. Dann ist ganz viel Anspannung von mir abgefallen, weil ich merkte: Ach, das ist ja irgendwie witzig. Ist eigentlich ganz gut geworden.

Nun startet die dritte Staffel. Moritz wird da ja noch verrückter …

Mit der Einsamkeit kommt die Verrücktheit. Nach der zweiten Staffel hat er alle Menschen verloren, zumindest auf sozialer Ebene. Moritz ist alleine und wahnsinnig unter Stress. Es war auch bei den Dreharbeiten bei den ersten Folgen sehr einsam, weil ich fast alle Szenen alleine hatte oder nur Szenen hatte, in denen mich die anderen hasserfüllt anschauen. Da musste ich mich viel ablenken und herumalbern am Set, um wieder gute Energie in mich reinzubringen.

Man kann sich ziemlich ärgern über Moritz, vor allem ab der zweiten Staffel trifft er ein paar äußerst schlechte Entscheidungen. Können Sie sich gut in ihn hineinversetzen oder nervt er Sie auch manchmal?

Er ist ein wahnsinnig nerviger Typ, in der zweiten Staffel schon. Da geht er einem schon sehr auf den Sack, weil er so cholerisch und anstrengend ist. Aber einmal so richtig gemein zu sein und ein Arschloch zu sein, das macht schon Spaß, weil ich das im Alltag sehr wenig bin und dann ist es cool, seine böse Seite vor der Kamera rauszulassen.

Sie haben für die Rolle des Moritz Zimmermann im Vorjahr die Nachwuchs-ROMY bekommen und die allen Frauen in Ihrem Leben gewidmet. Warum?

Weil ich hauptsächlich mit Frauen aufgewachsen bin, von denen ich viel gelernt habe. Dadurch, dass die Frau immer noch nicht in der Gleichberechtigung angekommen ist, etwa bei der Bezahlung, geht es oft darum, sich zu behaupten oder Außenseiter in der Gesellschaft zu sein. Ich hatte in der Schule dieses Außenseiterding und habe von Frauen in meinem Leben gelernt, damit umzugehen und sich trotzdem das zu nehmen, was man will oder braucht. Und die ROMY ist ja auch eine Frau und eine wahnsinnig schöne Statue, da fand ich das ein schönes Zeichen.

Und haben Sie die Statuette auch einer Frau übergeben?

Nein, sie steht bei mir im Zimmer. Das würde zu weit gehen (lacht).

Sie haben heuer bei #ActOut mitgemacht, einer Aktion, bei der sich 185 Schauspieler*innen als lesbisch, schwul, bisexuell, queer, nicht-binär und trans geoutet haben und mehr Anerkennung in der Branche gefordert haben. Muss man das zuerst mit der Agentur absprechen?

Tatsächlich habe ich das mit niemandem abgesprochen, weil ich wusste, dass es zu Diskussionen und Zweifeln kommen würde und man es dann doch nicht machen würde. Ich fand das einfach eine tolle Aktion. Man hat immer das Gefühl, in der Filmbranche sind alle super offen und die Künstler wahnsinnig frei. Trotzdem wird ständig davon ausgegangen, dass jeder Mensch heterosexuell ist. Ich glaube, das Wichtige ist Sichtbarkeit – auch für Leute, die nicht in der Medienbranche sind, für Jugendliche und junge Menschen, um zu zeigen: Nein, es sind nicht alle hetero. Du bist nicht alleine damit. Auch Prominente sind schwul oder lesbisch oder bi. Aber allein die Tatsache, dass wir darüber überhaupt sprechen, zeigt, dass es noch lange nicht selbstverständlich ist.

Welche Rückmeldungen haben Sie bekommen?

Fast nur positive. Ich habe viele Nachrichten von jungen Menschen bekommen, die sich bedankt haben. Manche sagen dann auch Sachen wie: „Warum muss man sich noch outen und es ist doch für jeden okay, dass du schwul bist oder bi oder lesbisch.“ Es ist aber nicht so. Sonst gäbe es nicht den Struggle damit und sonst gäbe es nicht immer noch eine verdammt hohe Selbstmordrate bei Jugendlichen, die schwul, trans, lesbisch sind. Deshalb fand ich das einen wichtigen Schritt, wollte aber auch einfach nur dabei sein und das gar nicht so zu meiner Geschichte machen oder groß promoten.

Was sollte sich ändern?

Ich würde mir wünschen, dass sensibel mit dem Thema umgegangen wird, dass nicht von einer Heteronormativität ausgegangen wird und der Onkel den Neffen nicht immer fragt „Und wie läuft’s mit Mädels?“ oder „Hast du schon einen weggesteckt?“. Bei Schauspielern ist die Angst immer noch da, durch ein Outing gebrandmarkt zu werden und dann nur noch Rollen zu bekommen, bei denen schwul das einzige Charaktermerkmal ist. 185 Teilnehmer sind wahnsinnig viele, wobei ich glaube, dass die doppelte oder dreifachen Menge an Menschen dabei hätte sein können. Aber das kommt noch alles. Das war der erste Schritt.

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