Für seine Rateshow „Fakt oder Fake“ ist der  Kabarettist in der Kategorie „Show und Unterhaltung“ für die ROMY-Publikumspreise nominiert. Das Voting läuft noch bis 5. April  

© ORF/ORF/Thomas Jantzen

Interview
04/01/2021

Töten Zwiebeln Corona ab? "Nur kurz das Großhirn dazwischenschalten"

Clemens Maria Schreiner will mit seiner Show "Fakt oder Fake" ein breites Publikum mit kritischem Denken vertraut machen. Dafür ist er für die ROMY nominiert.

von Peter Temel

Selten treffen Unterhaltungsshows so den Nerv der Zeit wie „Fakt oder Fake“. Nach 50 Minuten der Rateshow ist man nicht nur gut unterhalten, sondern im besten Fall auch ein bisschen besser informiert. Darüber, wie man im Internet zwischen echter Sensation, sympathischer Schummelei und vorsätzlicher Falschnachricht unterscheiden kann.

„Wenn wir ab und zu erreichen, dass der Finger kurz am Teilen-Button verharrt und das Großhirn dazwischengeschaltet wird, dann kann das nicht schlecht sein“, sagt Clemens Maria Schreiner, der die ORF-Show seit ihrem Start im Dezember 2019 moderiert. Wechselnde Komikerkollegen sitzen ihm gegenüber und müssen entscheiden, ob ein beliebtes Netzvideo oder eine populäre Volksweisheit als „Fakt“ oder als „Fake“ einzustufen ist.

Vor den Fernsehgeräten würden durchaus heiße Diskussionen entbrennen, weiß Schreiner aus Rückmeldungen, es werde generationsübergreifend mitgetippt. „Es gibt viele, die dann beschämt feststellen, dass ihre Zwölfjährigen eine deutlich bessere Medienkompetenz zu haben scheinen als sie selber, weil sie beim Tippspiel am heimischen Sofa gleich unbezwingbar sind wie beim Memory“, sagt der 31-Jährige.

Diese breit gestreute Zielgruppe beschert der Freitagabendsendung beachtliche Einschaltquoten. Bisher wurden zwei Staffeln produziert (nächste Sendung am 14. Mai um 21.20 Uhr in ORF 1), eine dritte ist gerade in Arbeit.

Teflonpfannen und Männergrippe

Welche Fragestellungen am meisten emotionalisieren? „Zum Beispiel, ob man zerkratzte Teflonpfannen wiederverwenden darf“, sagt Schreiner. Mit Abstand am meisten Rückmeldungen habe aber die Klärung der Frage gebracht, ob es die „Männergrippe“ tatsächlich gibt, „darunter waren viele Herren, die sich in ihrem wochenlangen Leiden bestätigt fühlten.“

Die Corona-Pandemie habe die Art der vom Publikum eingesendeten Beispiele aber deutlich verändert, erzählt Schreiner. Zum Teil sind Whatsapp-Kettenbriefe dabei, von der Sorte „ZWIEBEL tötet alle BAKTERIEN auch den CORONA“.

„Das ist zum Teil ein Barometer für die Beschaffenheit der Volksseele“, sagt Schreiner. „Darunter sind Sachen, wo wir mit der Klärung der Plausibilität schnell fertig sind, aber wenn es vielen nicht so geht, dann hat es seine Berechtigung, das von unseren Fachleuten erklären zu lassen.“ Dazu gehört Andre Wolf vom Faktenchecker-Portal Mimikama, das auch Kooperationspartner der Show ist. „Denen fehlt mittlerweile schon fast die Manpower, um alle Verschwörungstheorien bearbeiten zu können“, meint Schreiner.

Er hält „Fake News“ für gefährlich, versteht aber auch deren Anziehungskraft. „Wir sehen gerade live und in Farbe, wo das hinführt. Nämlich dass ganz viele Leute auf der Suche nach dem Destillat aus der Informationslawine nicht bei der Wissenschaft landen, das Konstrukt, mit dem wir die Menschheit bisher am weitesten vorwärts gebracht haben, sondern bei irgendwelchen Erklärungsmethoden, die vielleicht schmissiger sind, besser ins eigene Weltbild passen und das Gefühl von exklusivem Geheimwissen mit sich bringen.“

Lagerbildung

Gefährlich werde es, so Schreiner, „wenn wir uns dann auf nichts mehr einigen können. Wenn die gemeinsame Faktenbasis fehlt, kann man sich irgendwann nur mehr gegenseitig anschreien. Wir werden hart daran arbeiten müssen, um aus dieser extremen Lagerbildung wieder herauszukommen.“

Aber was ist mit den Fake-Videos, die nur "just for fun" gemacht werden? Schreiner: "Das Problem ist hier, dass die Leute in die Gegenrichtung abdriften und sagen: Ich glaub jetzt eigentlich überhaupt nichts mehr, weil eh alles gefaked ist. Auch die scheinbar harmlosen Fakes helfen mit, den Boden aufzubereiten für Sachen, die gefährlicher und brisanter sind. Es wird halt immer schwieriger und die Verantwortung bleibt bei den Konsumeninnen und Konsumenten."

Daher hält er die Einrichtung eines eigenen Schulfachs Quellenkritik als Kernkompetenz für „überfällig“. Dass der ORF als öffentlich-rechtliches Medium in den sozialen Medien nicht intensiver mit Information dagegenhalten dürfe, sei „absurd“. Fakt ist: Die „Fakt oder Fake“-Folgen müssen nach sieben Tagen aus dem Netz verschwinden. Fans, die sie anschließend auf Youtube stellen, begeben sich rechtlich in eine absolute Grauzone.

Aprilscherze

Vor der Corona-Pandemie begab sich der in Wien lebende Grazer auch auf der Kabarettbühne in die Zwischenwelt der Internet-Fakes. Für sein achtes Solo-Programm „Schwarz auf weiß“ bekam er im Vorjahr den Österreichischen Kabarettpreis. Wie viele seiner Kollegen kann er mit „verordnetem Humor wenig anfangen“, trotzdem findet er Aprilscherze – die harmlosere Art von Fakes – „machbar“.

Derzeit feilt Schreiner aber lieber an seinem nächsten Bühnenprogramm „Krisenfest“, mit dem er dann auch das Ende der Coronakrise feiern will – als „bekennender Hardcore-Optimist“.

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