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ORF-Bewerber Breitenecker: "Parteien haben nichts mitzureden"

Sieht "sehr gute Chance" am 11. Juni ORF-Chef zu werden. Fokus auf ORF On. "Bundeskanzler hat kein Vorschlagsrecht".
Ein Mann im Anzug präsentiert Dokumente vor Mikrofonen von ORF und anderen Sendern.

Markus Breitenecker im Anzug ist immer noch ein ungewohntes Bild. Als ProSiebenSat.1Puls4-Chef war er Jahrzehnte mit Hoodie und Werbeaufschrift für seine Sender und die Plattform Joyn unterwegs. 

Für seine ORF-Bewerbung hat er nicht nur sein Äußeres geändert – und das soll aus seiner Sicht so bleiben: „Ich gehe davon aus, dass ich sehr gute Chance habe und eine Mehrheit im Stiftungsrat bekomme“, sagte Breitenecker am Freitag bei einer Pressekonferenz.  Möglich machen soll das sein 144 Seiten dickes Bewerbungskonzept (plus Anhang) mit dem Titel ein „Ein souveräner ORF. Vom Marktführer zum Marktmotor“.  Ziel dessen ist ein kooperativer Medienstandort, den es brauche, damit Österreich nicht von der elektronischen Landkarte verschwindet.

„Man könnte sagen, dass ich an diesem Konzept mein gesamtes Leben geachtet habe.“ Konkret entschieden zur Bewerbung habe er sich aber, als er die Ausschreibungskriterien gelesen habe. Die würden „doch sehr gut zu meinen Lebenslauf und zu meinem Track Record (Erfolgsbilanz, Anm.) passen“, meinte er. 

Markus Breitenecker will einen ORF mit klarem Fokus auf den Public-Value-Auftrag, einer wirtschaftlich soliden Basis, einer guten Unternehmenskultur und einer technologischen Vorreiterrolle. Der ORF, dessen Führung er anstrebt, ist dabei ein "zentraler Hebel", um die mediale Souveränität Österreichs in Zeiten von Big-Tech-Giganten und deren Streaming- und Social-Media-Plattformen zu behaupten.

Will nicht Sendern streichen und am Programm sparen

Ein zentraler Aspekt von Souveränität sei Qualitätsjournalismus im Sinne des Gemeinwohls. Es brauche "unabhängige, starke Redaktionen, die unparteiisch, ausgewogen und angstfrei arbeiten können", stellte der 57-jährige Wiener klar. Um souverän arbeiten zu können, brauche es aber eine wirtschaftlich solide Basis. "Je näher beim Zuschauer, desto weniger sparen", sieht er große Kürzungen im Programmbudget skeptisch. 

Er stellt auch klar: Sender und wesentliche Programmsäulen sollen erhalten bleiben. Synergien sieht er in dahinterstehenden Prozessen. ORF III selbst stellt er nicht in Frage, über die Integration ins Mutterhaus würde auch er diskutieren. 

Sparpaket "extrem hart"

Dass drohende zusätzliche Sparpaket in Höhe von 85 Mio. Euro pro Jahr für den ORF - die Regierung wälzt entsprechende Pläne - bezeichnet er als "extrem hart". Es zu stemmen, sei aber "nicht unmöglich".

Breitenecker ortet noch Potenzial auf der Einnahmenseite - nicht mit Blick auf die Gebühren, die den Großteil der Einnahmen ausmachen, sondern im kommerziellen Bereich. Auf internationaler Ebene sei "noch einiges möglich, um die Einnahmen zu erhöhen", sagte Breitenecker mit Blick auf die BBC, die 30 Prozent durch kommerzielle internationale Tätigkeiten generiere. 

Apropos international: Der Medienmanager will, sollte er gewählt werden, in Kooperation mit weiteren Mitgliedern der European Broadcasting Union (EBU) eine europäische Streamingplattform etablieren. Arbeitstitel: "Eurovision Play".

Fokus auf ORF ON

In Österreich will er den Fokus auf die bestehende Streamingplattform ORF ON legen. Sie müsse "zentrale Plattform und Dachmarke" werden - als Teil einer "echten Transformation vom Broadcaster zur Public-Service-Streamingplattform mit intensiver Bürgerbeteiligung und -dialog". "Ich weiß, das steht in vielen Sonntagsreden und Konzepten, aber ich habe in den vergangenen Jahren nachweisen können, dass man Transformation tatsächlich umsetzen kann", sagte Breitenecker mit Blick auf die Plattform Joyn aus dem Hause ProSiebenSat.1Puls4.

Der ORF ist wie viele andere Sender auch auf Joyn vertreten. Diese Grundidee eines gemeinsamen Players findet er nach wie vor gut. Er verstehe aber auch die Kritik an Joyn. "Man will nicht abhängig sein von der alleinigen Entscheidung eines Privaten", sagte er. Würde der ORF eine gemeinsame Plattform führen, würde nicht nach kommerzieller Logik, sondern nach Public-Value-Logik operiert werden - "langfristig, verlässlich, diskriminierungsfrei", sprach sich Breitenecker für einen nationalen Player unter ORF-Führung aus. Auch auf der "blauen Seite" ORF.at - "ein schwieriges und umkämpftes Gebiet" - könnten sich Möglichkeiten bieten, den Interessen und Geschäftsmodellen der Privatmedien zu helfen.

ORF als "Ermöglicher und Stabilisator"

Kooperation, auf die er pocht, solle dabei nicht als Schwächung des ORF verstanden werden. "Kooperation bedeutet, einen souveränen ORF zu haben, der so agiert, dass Private auch etwas davon haben". Der ORF müsse ein "Ermöglicher und Stabilisator" für einen starken österreichischen Medienstandort sein. Kooperationen sollen auch im Technik-, im Forschungs- und Entwicklungs- und im Vermarktungsbereich umgesetzt werden. "Journalistischen Einheitsbrei" will er aber nicht, sondern das "Prinzip des Binnenpluralismus" und redaktionelle Vielfalt aufrechterhalten.

Nach den Turbulenzen rund um den Rücktritt von Roland Weißmann von der ORF-Spitze will Breitenecker eine bessere Unternehmenskultur im ORF etablieren. Er will eine "psychologische Sicherheitszone" für Mitarbeiter, in der Arbeiten ohne Angst vor Interventionen, Belästigungen oder Machtmissbrauch möglich sei.

Mehrere Varianten für Direktionsstruktur

Zur Direktionsstruktur hielt er sich bedeckt. "Es gibt keine beste Lösung", sondern nur "mehrere Varianten", die er mit den ORF-Stiftungsräten diskutieren wolle. Er wolle im Sinne Bachers "die besten Leute" zum ORF holen.

Auf politische Befindlichkeiten will Breitenecker keine Rücksicht nehmen, wiewohl auch er Gespräche mit vielen Stakeholdern einräumt. „Der Bundeskanzler hat kein Vorschlagsrecht“ und "Parteien haben nichts mitzureden. Das müssen wir hoffentlich mittlerweile gelernt haben, dass unabhängige Stiftungsräte entscheiden. der Politik oder von Parteien nicht nur nicht förderlich sind, sondern nach dem neuen ,Europäischen Media Freedom Act‘ schlicht rechtswidrig wären.“ Breitenecker verweist damit auf das stark gestiegene Risiko von Klagen unterlegener Bewerberinnen und Bewerber.

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