Martin Wuttke (Bildmitte im Nachthemd) als „Eingebildeter Kranker“: „Der hysterische Akt, sich dauernd zu untersuchen, gehört zu einem modernen Männerbild dazu“

© Thomas Aurin/Berliner Volksbühne

Interview
11/28/2013

"Den Tod in ein Spiel verwickeln"

Der Schauspieler Martin Wuttke gastiert mit dem "eingebildeten Kranken" in St. Pölten.

von Barbara Mader

Lachen über den Tod: die Quintessenz von Molières letztem Stück, „Der eingebildete Kranke“. Freitag und Samstag gastiert die Komödie von und mit Martin Wuttke im Landestheater St. Pölten. Wuttke, dessen Inszenierung Teil der Molière-Trilogie der Volksbühne Berlin ist, sprach mit dem KURIER über das Problem von Klassikern und über das Sterben auf der Bühne.

KURIER: In einer Zeit, in der sich jeder zweite Lactose-intolerant fühlt, scheint der „Eingebildete Kranke“ recht aktuell.

Martin Wuttke: Ja, aber was mich viel mehr interessiert, ist der hysterische Mann. Dieser Abend ist ein Teil einer Trilogie, die sich mit dem „Geizigen“, dem „Eingebildeten Kranken“ und mit „Don Juan“ beschäftigt. Drei hysterische Männerfiguren. Der hysterische Akt, sich dauernd zu untersuchen, gehört zu einem modernen Männerbild dazu.

Sie hatten vor einem Jahr einen Schwächeanfall, mussten Auftritte absagen. Haben Sie sich damals gewünscht, Sie wären „eingebildet krank“?
Tatsächlich, da steckt so ein Aberwitz drin! Wir haben damals viel parallel gemacht. Vormittags den „Eingebildeten Kranken“ probiert, abends den „Geizigen“ gespielt. Da ist man irgendwann erschöpft.

Körperliche Grenzen ausloten gehört zum Alltag von Schauspielern. Ist ein Stück wie der „Eingebildete Kranke“, das sich über Krankheit und Tod lustig macht, eine Möglichkeit, um mit Ängsten vor Grenzüberschreitung umzugehen?
Ja, doch ich habe ja nicht nur mit Molière gearbeitet, sondern darüber Texte von Antonin Artaud gelegt, der sein Leben lang krank war und sich darüber Gedanken gemacht hat. Seine Texte fügen Molière eine Plastizität hinzu. Sein „Theater der Grausamkeit“ setzt an einem radikal anderen Punkt an.

Ist es das, was Sie meinen, wenn Sie mehr Radikalität im Theater fordern?
Ja, es gibt eben nicht nur den Text. Es ist ein Problem, dass im Theater Körper hinter der Literatur verschwinden. Man sieht dann nicht mehr, was auf der Bühne passiert, sondern nur mehr die Ideen hinter den Figuren.

Ein Problem, das vor allem Klassiker haben. Sie haben einmal gesagt, die starke Präsenz der Klassiker auf unseren Bühnen sei eine Kapitulation. Was meinen Sie konkret?
Im Fall von Molière wird viel unterschlagen. Er ist deshalb Klassiker geworden, weil man einen großen Teil seiner Arbeitspraxis ignoriert. Er schrieb, spielte, musste seine Truppe erhalten. Das war nicht bloß Text. In der Kombination mit unterschiedlichen Gesten wie jenen von Artaud entsteht Neues.

Die einzige Möglichkeit, heute Klassiker zu spielen, ist, ihnen etwas hinzuzufügen?
Ich sehe keinen Sinn darin, immer die gleichen Figuren auszupinseln. Ich nenne das Klassikersport. Das versteh ich nicht, auch das Interesse daran nicht.

Molière starb nach der vierten Vorstellung des „Eingebildeten Kranken“ im Kostüm.
Das hab ich schon überlebt.

Ist es ein Traum oder ein Albtraum für einen Schauspieler, auf der Bühne zu sterben?
Das berührt einen entscheidenden Punkt vom Theater. Es gehört ja zum Repertoire: Leute spielen, dass sie sterben. Fände das wirklich statt, könnten die Zuschauer gar nicht erkennen, dass das der Tod ist. Weil sie immer davon ausgehen, dass es gespielt ist. Wenn man sich vorstellt, da spielt jemand einen Sterbenden, und dann stirbt er wirklich: Was macht das mit unserem Realitätsbegriff? Für den Schauspieler ist das allerdings wurscht, der ist ja tot.

Wenn Sie im Hitler-Kostüm stürben: Wär’s auch wurscht?
Für mich, ja. Das würde nur für die Zuschauer etwas bedeuten, das mich aber nichts mehr angeht.

Wenn Sie es sich aussuchen könnten: In welcher Rolle würden Sie gerne sterben?
Das ist auch wurscht. Die Rolle ist egal. Aber spielend sterben, das ist interessant, darüber nachzudenken. Den Tod in ein Spiel verwickeln: So zu sterben, kann ich mir gut vorstellen.

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