Marika Green: Sie stand Modell für Helmut Newton (der Film "The Bad And The Beautiful" über ihn läuft derzeit in den Kinos).

© Helmut Newton für Vogue

Interview
07/27/2020

Marika Green: Mehr als nur Model und Muse

Sie stand für Star-Fotograf Helmut Newton Modell, arbeitete mit Angelina Jolie und ist verheiratet in Wien.

von Gabriele Flossmann

Es gab und gibt sie. Mehr als gemeinhin wahrgenommen. Die inspirierenden Freundinnen von Künstlern, genannt „Musen“. Einer, der eine ganze Reihe solcher Musen hatte – oder dem sie zumindest nachgesagt wurden – war der legendäre Star-Fotograf Helmut Newton. Dieses Jahr wäre er 100 Jahre alt geworden.

Eine Doku, die nun in den Kinos zu sehen ist, beschreibt seine turbulente Lebensgeschichte: „The Bad and The Beautiful“ wirft einen Blick auf das nicht unumstrittene Werk Helmut Newtons, in dessen Zentrum stets der weibliche Körper stand. Öfter nackt als bekleidet.

In diesem Film kommen ausschließlich Frauen zu Wort. Darunter Charlotte Rampling, Isabella Rossellini, Marianne Faithfull, Grace Jones, Nadja Auermann, Claudia Schiffer, Hanna Schygulla und natürlich seine Ehefrau June. Eine wichtige Stimme kommt in dieser Doku nicht zu Wort. Eine Muse, die schon vor seiner Kamera posierte, als Newton noch nicht DER Newton war: Marika Green. Sie war blond und langmähnig und sehr jung.

Sie wollte aber mehr als „nur“ Model und Muse sein. Dass sie so selbstbewusst eine eigene Film-Karriere anstrebte, liegt wohl daran, dass die Schauspielerin mit schwedisch-französischen Wurzeln selbst aus einer Künstler-Familie stammt. Ihr Vater war ein prominenter Fotograf, von dem viele der – bis heute berühmten – Bilder von Salvador Dalí und Pablo Picasso stammen. Ihre Nichte Eva Green machte als Gegenspielerin von Daniel Craig in „James Bond: Casino Royale“ (2006) international Furore. Deren Tante inspirierte nach ihrem Model-Dasein für Helmut Newton unter anderem Robert Bresson: In „Pickpocket“ (1959) spielte Marika Green die Hauptrolle.

Seit nun schon einigen Jahrzehnten lebt und wirkt die nach wie vor sehr attraktive Frau von Österreich aus. Als Ehefrau des Oscar-nominierten Kameramanns von Michael Haneke, Christian Berger, hat sie ihren Lebensmittelpunkt nach Wien verlegt. Für ihn stand sie in „Hanna Monster Liebling“ (1989) als Partnerin von Peter Turrini vor der Kamera. Berger führte bei diesem Film auch Regie.

Ihren bisher letzten Film unter dem Titel „By the Sea“ (2015) drehte Marika Green unter der Regie von Angelina Jolie – damals noch gemeinsam mit Brad Pitt. Es war die letzte Zusammenarbeit des prominenten Hollywood-Paares. Das derzeitige Projekt von Marika Green ist eine Filmretrospektive und eine Fotoausstellung kommenden Oktober in Innsbruck. Gemeinsam mit ihrem Mann Christian Berger und ihrer Nichte Eva Green.

Der KURIER hat Marika Green zum Interview in ihrem Wiener Wohnsitz getroffen.

KURIER: Im Film zum 100. Geburtstag von Helmut Newton kommen viele seiner prominenten Fotomodelle zu Wort. Es gibt aber auch kritische Stimmen, die in ihm einen Sexisten und Ausbeuter von Frauen sehen. Wie haben Sie ihn erlebt?

Marika Green: Ich habe nur angenehme Erinnerungen. Das liegt vielleicht daran, dass ich mit ihm gearbeitet habe, bevor er mit seinen inszenierten Fotos berühmt wurde. Mit gestylten Bildern von nackten Frauen mit hochhackigen Schuhen. Er war nur in Fachkreisen als Modefotograf bekannt, der viel für die Vogue gearbeitet hat. Ich habe 1964/65 viel mit ihm gearbeitet.

Waren Sie die Muse seiner frühen Jahre?

Ich würde das lieber umgekehrt sehen und Helmut Newton als meinen Mentor bezeichnen. Denn er hat mir gezeigt, wie man sich am besten in Szene setzen kann. Meine Tanz- und Ballettausbildung hat dabei geholfen. Mit seinen Fotos für die Vogue hat meine Karriere als Fotomodell begonnen.

Gab es auch negative Erfahrungen mit ihm?

Nein – außer, dass er mir immer sehr „deutsch“ vorkam. Die Tenor-Stimme, mit der er seine Anweisungen gab, war immer laut, aber nie beleidigend, und es kam auch nie zu Übergriffen gegen mich als Frau. Das wäre auch gar nicht möglich gewesen, weil seine Frau June immer da war und ihn nie aus den Augen ließ (lacht). Sie steckt auch hinter seinen Inszenierungen schöner, nackter Frauenkörper, für die er berühmt wurde.

Sie haben sich nie nackt fotografieren lassen. Warum?

Ich hatte in dieser Zeit schon mit Robert Bresson gearbeitet und einige Filme fürs französische Fernsehen gedreht. Aber meine Karriere in Frankreich war von Anfang an ziemlich holprig. Ich war zwar mit Truffaut, Louis Malle, Resnais und der ganzen Avantgarde-Szene befreundet, aber ich war ihnen zu groß und zu blond. In ihren Augen eignete ich mich offenbar nicht für die weibliche Opferrolle, die in der Nouvelle Vague so modern war. Da sollte man eher dunkelhaarig und klein sein – mit großen, weitaufgerissenen Augen. Vor mir hatten sie eher Angst. Als starke Wikingerin war man da nicht so gefragt (lacht).

Wie haben Sie Christian Berger kennengelernt, mit dem Sie schließlich hier in Wien gelandet sind?

Ende der 1970er-Jahre habe ich in Paris Klaus Maria Brandauer kennengelernt. Er fragte mich, ob ich nicht nach Österreich kommen und in einem Film seiner Frau Karin Brandauer spielen wolle. In ihrer Schnitzler-Verfilmung „Der Weg ins Freie“. Wir haben im Salzkammergut gedreht – und hinter der Kamera stand Christian Berger. Seither ist er der Mann meines Lebens.

Ihre bisher letzte Rolle haben Sie unter der Regie von Angelina Jolie gespielt. In „By the Sea“ mit Brad Pitt. Jolie hatte sich Christian Berger als Kameramann gewünscht. Wie war Ihr Kontakt zu Angelina Jolie?

Angelina spielt in „By the Sea“ eine ehemalige Balletttänzerin. Und sie fragte Christian, ob er jemanden in Europa wüsste, der oder die ihr die richtigen Bewegungen beibringen könnte. Er hat mich vorgeschlagen und ich habe mit ihr trainiert. Angelina hat mich gefragt, ob ich eine kleine Nebenrolle spielen wollte. Das habe ich gemacht. Wie war die Zusammenarbeit?

Wenn man Angelina etwas vorschlägt, hört sie ganz still zu. Dann macht sie weiter, und man merkt, dass sie die Vorschläge in ihr Spiel einfließen lässt. Ich habe mit ihr auch einen Walzer getanzt, den Brad nicht mit ihr proben wollte. Er denkt, dass er nicht proben muss, weil er eh alles kann – was auch irgendwie stimmt. Von einer Krise zwischen Angelina und Brad haben wir nichts gemerkt.