Sibyl (Virginie Efira, re.) ist die Therapeutin einer Schauspielerin (Adèle Exarchopoulos), die sie bei den Dreharbeiten dabei haben möchte

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Filmstarts der Woche
07/23/2020

Filmkritik zu "Sibyl": Drama und Drama-Queen

Eine Psychotherapeutin schleicht sich in das Leben einer Patientin ein, Helmut Newton im Porträt und Wiedersehen eines altes Liebespaars

von Alexandra Seibel

Eine Regisseurin geht freiwillig über Bord. Sie hat es satt, dabei zuzusehen, wie schlecht sich ihre beiden Hauptdarsteller küssen. Der Dreh findet auf einem Schiff statt, und die Zeit ist knapp.

Beim dritten misslungenen Kuss reißt sich die genervte Regisseurin – übrigens „Toni Erdmanns“ Sandra Hüller – die Kopfhörer herunter und wirft sich wutentbrannt ins Meer. An ihrer Stelle übernimmt Sibyl, die Therapeutin der Hauptdarstellerin, die Regie – und siehe da, der Kuss wird so innig, dass er zu einer Sexszene ausartet.

Irgendwo zwischen Psychodrama, Soap Opera, schwarzer Komödie und Softsex bewegt sich „Sibyl“, eine Hochglanz-Tragikomödie mit Hang zur B-Movie-Übertreibung von Regisseurin Justine Triet; mit ihrem Film endete im letzten Jahr der Wettbewerb in Cannes.

Verschmierter Lippenstift und zerflossene Wimperntusche sind das Mindeste, was eine gute Heulszene braucht. Wutausbrüche enden mit zerstörten Hotelzimmern. Sex gibt’s vor loderndem Kaminfeuer, Trennungen lautstark in öffentlichen Lokalen.

Und wenn Sibyl auf einer Party so richtig betrunken ist, stürzt sie mindestens dreimal zu Boden und reißt dabei noch ein paar Tischtücher mit gefüllten Gläsern mit sich.

Regisseurin Triet liebt das Exzessive, das Vordergründige und das Hysterische. Darin findet sie Gefühl und Komik.

Grenzgang

Bereits in „Victoria – Männer & andere Missgeschicke“ dirigierte Triet ihre Hauptdarstellerin Virginie Efira als gestresste Anwältin an den Rand des Nervenzusammenbruchs. Auch als „Sibyl“ lässt sie Efira die emotionalen Höhenunterschiede einer Ex-Alkoholikerin durchlaufen und drängt sie – besonders während der Trunkenheitsszenen – hart an die Grenzen ihrer Schauspielkunst.

Sibyl ist eine Pariser Psychotherapeutin mit großer Patientenanzahl. Einst hat sie einen Bestseller geschrieben und möchte nun einen weiteren Roman schreiben. Die verheiratete Mutter zweier Kinder kündigt ihren Klienten und wirft sich hinter den Computer. Allerdings will die Inspirationsquelle nicht sprudeln, daher beginnt Sibyl,

die Psychodramen einer ihrer verbliebenen Patientinnen

– Margot – heimlich mit ihrem iPhone mitzuschneiden.

Margot ist Schauspielerin, versehentlich von ihrem Kollegen schwanger geworden und eine echte Drama-Queen. Gespielt wird sie von der schönen Adèle Exarchopoulos, bekannt als unglücklich Liebende in „Blau ist eine warme Farbe“, wo sie ebenfalls einen Großteil des Films in Tränen zubrachte.

Effektvoll füllt sie ihre großen braunen Augen mit Wasser und verführt Sibyl dazu, ihre eigene, unglückliche Liebesgeschichte aus der Vergangenheit mit der ihrer Patientin zu verschmelzen.

Justine Triet hat eindeutig Sinn für Humor, zumal dann, wenn sie Filmdreharbeiten persifliert und das Verhältnis von Schauspielern zu ihren Regisseuren oder Regisseurinnen als Farce-Vorlage benutzt. Ihre Lust am Pulp, aufgekocht im süffigen Melodram, macht „Sibyl“ zum exaltierten Schaustück zwischen feministischer Grundlagenforschung und Gruppentherapie. Sibyl bringt ihre Rollen als Ehefrau, Geliebte, Mutter, Schwester, Therapeutin und Autorin nicht mehr unter einen Hut. Kein Wunder, dass ihr Leben – und streckenweise auch Triets Film – immer wieder komplett aus dem Ruder laufen.

INFO: F 2019. 100 Min. Von Justine Triet. Mit Virginie Efira, Adèle Exarchopoulos, Gaspar Ulliel

Filmkritik zu "Helmut Newton – The Bad and The Beautiful": Brathuhn in High Heels

Es gab nur zwei Begriffe, die Helmut Newton „ekelig“ fand: „Kunst“ und „guter Geschmack“.

Zumindest  guter Geschmack wurde ihm selten vorgeworfen: Seine fetischisierten,  blonden Frauen-Models, die nackt in hochhackigen Schuhen stecken, auf allen vieren den Hintern in die Höhe recken oder   in  den geöffneten Schlund eines Krokodils hineinkriechen, sorgten regelmäßig für Empörung und Sexismus-Vorwürfe.

„Ich liebe Frauen“, sagt der provokante Starfotograf bei einer Talkshow grinsend in die Runde. „Das kann schon sein“, grinst die Starphilosophin Susan Sontag, die ihm  Frauenhass attestiert,  zurück: „Die Sklavenhalter liebten auch ihre Sklaven.“

Solche kontroversiellen Momente hätte man sich mehr gewünscht in Gero von Boehms ansonsten hingebungsvollem Porträt des umstrittenen Modefotografen, vor dessen Linse sich zwischen Grace Jones, Charlotte Rampling und Marianne Faithfull unzählige Frauen ausgezogen haben.

In seiner kurzweilig montierten, mit flotter Musik unterlegten Liebeserklärung an Helmut Newton lässt Boehm  wenig Kritik an dem teilweise  heftig umstrittenen Werk Newtons aufkommen.

Stattdessen interviewt er vornehmlich berühmte Frauen, deren Karrieren eng mit der Newtons verbunden waren. Vogue-Chefin Anne Wintour preist  Newtons starke ästhetische Handschrift, Claudia Schiffer schwärmt von seinem Humor, und Isabella Rossellini stellt lakonisch fest: „Er fotografierte Frauen so wie die Riefenstahl Männer.“

Sie alle rekapitulieren mit Zuneigung  und Respekt  ihre Zusammenarbeit mit einem Mann, der auch immer wieder selbst in die Kamera des Filmemachers spricht und dabei einen durchwegs sympathischen und witzigen Eindruck hinterlässt: „Ich bin professioneller Voyeur“, gesteht ein gut gelaunter Newton, der offensichtlich auch eine Vorliebe für Brathühner hatte und selbst diese mit Stöckelschuhen fotografierte.
 

Berliner Kindheit

Newtons Erinnerungen an das Weimarer Berlin bis zur Machtergreifung Hitlers, seine privilegierte Kindheit im Samtanzug und seine Flucht vor den Nazis bilden einen informativen Hintergrund, um die ästhetischen Strategien seiner Aufnahmen nochmals zu erhellen. Hanna Schygulla will in seinen Fotos gar so etwas wie eine  „Dienstmädchenerotik“ ausmachen und führt diese Vorliebe auf Newtons großbürgerlichen Berliner Background zurück.

Dem versierten Dokumentaristen Boehm gelingt es hervorragend, das kreative Umfeld von Newtons Fotografien auszuleuchten und  dessen oftmals als „pervers“ empfundenen Settings in einen narrativen Zusammenhang zu stellen. Seine Interviewpartnerinnen setzen sich aus smarten und reflektierten Weggefährtinnen zusammen, denen man gerne zuhört und  die gar nicht genug darüber schwärmen  können, wie kraftvoll sie Newton  in seinen – obwohl als obszön gebrandmarkten – (Nackt-)Bildern inszeniert hatte.

Kritik von außen fällt also weitgehend flach, dafür ergeben sich innere Widersprüche des Newtonschen Werkes: „Er zeigte meine Seele“, erinnert sich eine gerührte Marianne Faithfull, während Helmut Newton selbst zu diesem Thema nur sagen kann: „Seele verstehe ich nicht.“

INFO: D 2020. 93 Min. Von Gero von Boehm. Mit Helmut Newton, Isabella Rossellini

Filmkritik zu "Die schönsten Jahre eines Lebens": Liebespaar im Altersheim

Mehr als fünfzig Jahre ist es her, seit Claude Lelouch „Ein Mann und eine Frau“ drehte und mit diesem Film und seiner Titelmelodie 1966 berühmt wurde. Anouk Aimée und Jean-Louis Trintignant spielten ein charismatisches Paar namens Anne und Jean-Louis, das sich heftig ineinander verliebt. Ob daraus eine Langzeitbeziehung wurde, blieb am Ende der Fantasie des Publikums überlassen.

In „Die schönsten Jahre eines Lebens“ lässt Lelouch seine gealterten Stars wieder aufeinandertreffen. Jean-Louis ist im Pflegeheim und kämpft mit Gedächtnisverlust, Anne  kommt ihn auf Wunsch seines Sohnes besuchen. Die beiden haben sich vor langer Zeit getrennt, nun lassen sie die Vergangenheit wieder aufleben. Lelouch spickt die Begegnung von Trintignant – mittlerweile fast 90 – und Aimée mit Rückblenden aus seinem Film: Ein großes, charmantes Nostalgiebad.

INFO: F 2019. 90 Min. Von Claude Lelouch. Mit Jean-Louis Trintignant, Anouk Aimée

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