Valerie Pachner und August Diehl als Fani und Franz Jägerstätter in Terrence Malicks „A Hidden Life“

© Festival de Cannes

Kultur
05/21/2019

Malicks "A Hidden Life“ in Cannes: Fußballgott und Christ

Terrence Malick kehrt mit einer österreichischen Geschichte zurück, Diego Maradona bleibt fern.

von Alexandra Seibel

Terrence Malick ist wieder einmal nicht nach Cannes gekommen. Der US-Regisseur, berühmt für seine notorische Öffentlichkeitsscheu, hat nicht einmal 2011, als er mit „Tree of Life“ die Goldene Palme gewann, seinen Preis persönlich abgeholt.

Auch heuer mussten also seine beiden Hauptdarsteller August Diehl und Valerie Pachner alleine ihre Pressekonferenz bestreiten und erzählen, wie es sich denn anfühle, mit einem so bedeutenden Regisseur wie „Terry“ zusammenzuarbeiten.

Das Resultat ist in jedem Fall überwältigend und mit Abstand das Beste, das der mittlerweile 75-jährige Regisseur seit „The Tree of Life“ geliefert hat.

„A Hidden Life“ erzählt die tragische Geschichte des österreichischen Wehrdienstverweigerers Franz Jägerstätter, der sich aus religiösen Gründen weigerte, einen Eid auf das Hitler-Regime zu leisten und 1943 in Berlin hingerichtet wurde. Axel Corti hat diese Ereignisse bereits 1971 für das Fernsehen unter dem Titel „Der Fall Jägerstätter“ verfilmt.

Jahrelang kursierte Malicks neuestes Filmprojekt unter dem Arbeitstitel „Radegund“, jenem Ort in Oberösterreich, aus dem Franz Jägerstätter stammt. Das meist deutschsprachige Schauspiel-Ensemble besteht neben August Diehl aus der österreichischen Darstellerin Valerie Pachner – zuletzt gesehen in Marie Kreutzers „Der Boden unter den Füßen“: Sie spielt Jägerstätters liebende und leidende Ehefrau Fani. Weitere signifikante Auftritte bieten Karl Markovics als faschistischer Bürgermeister, Tobias Moretti als widerständiger Priester und der mittlerweile verstorbene Bruno Ganz als hoher NS-Richter.

Alles, was einem in den letzten Terrence-Malick-Filmen auf die Nerven gehen konnte – seine fahrigen Kamerabewegungen, das Geflüster auf der Tonspur, erhabene Ansichten von Wald und Wiesen – fügt sich in „A Hidden Life“ zu einem rauschhaften Ganzen zusammen.

Zu kirchlichen Chorgesängen schweift die Kamera über idyllische Landschaften, erzählt von einem harmonischen Dorfleben und der innigen Beziehung zwischen Franz und Fani Jägerstätter. Der Einbruch des Nationalsozialismus und das aufkeimende Unbehagen mit dem neuen Regime lässt die Dorfstrukturen zusammenbrechen. Jägerstätter wird immer mehr isoliert, befragt sein Gewissen, verweigert schließlich eine alles entscheidende Unterschrift und landet im Gefängnis.

Malick erzählt horrende Ereignisse weniger als Ablauf bestimmter Vorkommen, sondern als affektiven, körperlichen Zustand. Die Schwere der Entscheidung wirft die Menschen zu Boden, drückt sie nieder, zermürbt ihre Gesichter. Im Duett mit einer umherschweifenden Kamera, die Hilfe suchend den Himmel absucht, komponiert Malick ein herzzerreißendes Kunstwerk aus Bildern, Tönen und Emotionen mit fulminanter Sogwirkung.

„Menschen, die Nein sagen, sind heute selten geworden“, sagt August Diehl in Cannes über die Aktualität von Franz Jägerstätter: „Nein-Sagen ist vielleicht das Stärkste, das es gibt.“

Noch einer, der nicht nach Cannes kam, obwohl er es versprochen hat, ist Diego Maradona. Anlass hätte es genug gegeben: Der britische Regisseur Asif Kapadia widmete dem ehemaligen argentinischen Fußball-Star der 1980er-Jahre, Diego Maradona, eine über zwei Stunden lange Doku. Kapadia selbst ist ein Meister charismatischer Dokus: Sein Porträt über Formel-1-Fahrer Ayrton Senna („Senna“) machte ihn schlagartig bekannt, sein Film über Amy Winehouse („Amy“) gewann ihm einen Oscar.

Attraktives Material

Im Vergleich zu den starken Vorgängern erweist sich „Diego Maradona“ jedoch als deutlich schwächer. Wie schon zuvor verwendet Kapadia Found Footage (Gefundenes Filmmaterial) und zeigt tolle Archivbilder und Home-Movies über das Leben von Maradona, die bislang noch kein Auge gesehen hat. Es beginnt mit einer Autofahrt durch Neapel zu stampfendem Euro-Disco-Sound im Juli 1984, kurz nachdem Diego Maradona Spieler von SSC Neapel geworden ist.

Bei der Pressekonferenz wird Maradona gefragt, ob er weiß, dass es Verbindungen zwischen dem Club und der Mafia gibt. Daraufhin lässt der Vereinspräsident den Journalisten hinauswerfen. Doch Maradonas Fall in Italien ist tief: Er wird vom Fußballgott zum Anti-Christ.

Das attraktive Material konzentriert sich auf Maradonas Zeit in Neapel, Kapadia kombiniert Ausschnitte von Spielen und euphorischen Fan-Massen mit privaten Bildern von Familientreffen und (Drogen-)Partys. Frenetisch häuft er Bilder auf Bilder, um sich anzunähern, kann aber die Oberfläche nicht durchdringen. Ihm bleibt Diego Maradona genauso fern wie Cannes.