© Kurier/Gilbert Novy

Interview
01/18/2022

Lilli Hollein: MAK-Show - mit Verzicht auf den Telefonjoker

Die MAK-Direktorin holt sich keinen Rat bei ihrem Bruder, will das Gebäude sichtbarer machen und fordert Ersatz für die Lemurenköpfe

von Thomas Trenkler

Lilli Hollein, Mitbegründerin der Vienna Design Week, folgte mit 1. September auf Christoph Thun-Hohenstein. Sie ist damit die erste Direktorin in der fast 160-jährigen Geschichte des Museums für angewandte Kunst – und hat bereits ein Zeichen der Veränderung gesetzt: Sie verzichtet auf das monströse Direktionsbüro im ersten Stock, um den Saal für interdisziplinäre Projekte zu nutzen. Bis 6. März ist diesem eine abstrakte Reverenz an die Loos-Bar, eine durchaus imposante Soundinstallation, eingeschrieben.

Das Büro von Lilli Hollein befindet sich einen Stock höher. Dominant ist ein cooler Schreibtisch aus den 70er-Jahren von Robert Maria Stieg. An der Wand in Richtung Westen hängt ein Triptychon der Uhr des Westbahnhofs von Anna Jermolaewa: Auf zwei Fotos stehen die Zeiger waagrecht und bieten vielen Tauben Platz; kurz vor fünf allerdings kann sich auf der Spitze gerade einmal ein Vogel niederlassen. Im rechten Winkel dazu ließ Lilli Hollein eine ziemlich schwere Collage von Andreas Fogarasi montieren: Sie besteht aus Marmor- und Steinplatten des ehemaligen Südbahnhofs.

KURIER: Sie wollten näher bei Ihrem Team sein?

Lilli Hollein: Ich verstehe, wenn man mitten in den Sammlungssälen residieren will. Aber ich finde das nicht mehr zeitgemäß. Ich habe daher den wirklich tollen Raum für das Publikum geöffnet: Er bietet mir die Möglichkeit, die Gegenwart mitten im Gebäude zu zeigen, nicht nur in der Galerie im Untergeschoß. Ich finde es richtig, dort zu sitzen, wo die Menschen sind, mit denen ich zusammenarbeite. Ich glaube daran, dass ein Gespräch in der Kaffeeküche wichtig für die Atmosphäre ist – und auch eine Effizienz hat. Wie Sie sehen: Auch dieses Büro ist groß genug für Besprechungen.

Das Sofa von Franz West hinter mir könnte auch im Belvedere, im Mumok oder im Möbelmuseum stehen. Wie grenzt sich das MAK von den anderen Museen ab?

Das West-Sofa ist ein gutes Beispiel angewandter Kunst, daher gibt es auch mehrere in unserer Säulenhalle. Das MAK ist das interdisziplinärste aller Bundesmuseen: Aufgrund unserer Sammlungen sind hier angewandte Kunst und Gegenwartskunst, Design, Architektur und Grafik versammelt. Als wesentlicher Faktor wird die digitale Kunst hinzukommen. Denn als Museum für angewandte Kunst interessiert uns auch der virtuelle Raum. Ein Beispiel: Was lange Zeit als Rendering dazu gedient hat, Architekturideen zu illustrieren, wird immer mehr zu einer eigenen künstlerischen Äußerung.

Aber gibt es eine Abgrenzung? Ab 9. März zeigen Sie in der MAK-Galerie die Fotoausstellung „Chernobyl Safari“ von Anna Jermolaewa. Die würde ich eher im Kunst Haus Wien vermuten, das sich auf Foto und Umwelt-Themen spezialisiert hat.

Ich schätze Anna Jermolaewa, wie Sie hier an der Wand sehen. Und die Galerie war lange Zeit ausschließlich dem Thema Klimawandel gewidmet. Ich sehe diese Ausstellung daher – wie schon die Installation „There will be! People! On the Sun! Soon!“ der Designerin Johanna Pichlbauer, die bis 13. Februar läuft – als eine Überleitung hin zu weiteren Schwerpunkten, ohne das wichtige Klimathema dabei auszulassen.

 

Frauen werden generell eine wichtigere Rolle spielen?

Ja, die Galerie wird 2022 maßgeblich mit weiblichen und non-binären Positionen, darunter Birke Gorm und La Turbo Avedon, bespielt. Aber das wird keine dogmatische Schiene! Ich finde grundsätzlich, dass man Frauen mehr als in der Vergangenheit eine Bühne bieten soll. Daher freue ich mich, dass die Designerin und Malerin Friedl Dicker-Brandeis heuer mit mehreren Ausstellungen, etwa im Lentos, gewürdigt wird.

Als Gastkuratorin konnten Sie Brigitte Felderer gewinnen, die einst beim „steirischen herbst“ eine spektakuläre Retrospektive über den Modeschöpfer Rudi Gernreich realisiert hat?

Genau. „Das Fest“ ist aber, wie ich hoffe, ein Thema, zu dem alle Kustodinnen und Kustoden etwas beitragen können. Denn hier im Haus ist unglaublich viel Material dazu vorhanden. Das Fest hat einen großen Impact für Gestaltung: In dieser ephemeren Form konnte vieles ausprobiert werden.

Wie man am „Life Ball“ sah.

Mode und Kostüm sind aber nur ein Baustein. Das Spektrum reicht vom Tafelaufsatz aus dem Stift Zwettl von 1768 über die Beiträge der Wiener Werkstätte um 1900 bis zu den Kling-Klang-Festen in den 60er-Jahren und zur Club-Kultur. Und das Thema Mode werden wir kontinuierlich im Geymüllerschlössel behandeln.

Aber nach Pötzleinsdorf verirrt sich doch kaum jemand.

Das zu ändern: Daran arbeiten wir. Auch durch die „Fast Fashion“ wurde Mode in einer gewissen Weise demokratisiert: Viel mehr Menschen als früher interessieren sich für sie. Und dieses Biedermeier-Environment ist ein beeindruckender Ort!

 

 

Auf der gegenüberliegenden Seite von Wien liegt der Geschützturm Arenbergpark. Unter Christoph Thun-Hohenstein war er nur Depot.

Als solches ist der Flakturm für uns wichtig. Und als Mahnmal. Auch deshalb, weil jener im Esterhazypark durch die Ummantelung unkenntlich gemacht wurde. Er war – gerade zusammen mit der Intervention von Lawrence Weiner – als Mahnmal international beispielgebend. Dass man das aufgegeben hat, finde ich wirklich bedauerlich und schlicht falsch. Der Flakturm im Arenbergpark steht zwar nicht erhöht gleich neben einer zentralen Einkaufsstraße, aber es gibt zumindest ein Zusammenspiel mit den eleganten Bürgerhäusern. Ihn zugänglich zu machen, ist aufgrund behördlicher Auflagen schlicht nicht möglich. Beziehungsweise: Wir haben nicht die Mittel, die für die Adaptionen notwendig wären. Meine Ziele sind im Moment andere.

Welche denn?

Priorität haben Projekte hier im Haus und rund um dieses. Ich möchte zum Beispiel den Garten öffnen. Was mir wichtig ist: Dass man das MAK nicht nur vom Ring aus betrachtet, sondern auch von der Hinterseite. Denn die meisten Menschen, die von der U-Bahnstation Wien Mitte in Richtung Innenstadt fluten, finden keinen Hinweis auf das Museum.

Zumal die vier weißen Lemurenköpfe von Franz West demontiert wurden …

Wir sind mit KÖR, Kunst im öffentlichen Raum, im Gespräch über einen Gestaltungswettbewerb. Die Stubenbrücke soll einstimmen auf dieses Kunstareal, das durch das MAK und die Angewandte gebildet wird. Und zu unserer Nachbarschaft gehört auch der Karl-Lueger-Platz mit dem Denkmal. Wir möchten uns in die Diskussion einbringen, wie mit ihm verfahren werden soll. Ich persönlich fand den Vorschlag, die Statue zu kippen, gut. Es braucht sicher eine Kontextualisierung.

Über Besucherzahlen brauchen wir in Zeiten der Pandemie nicht reden. Aber was sind Ihre Ziele für die Zukunft? Das MAK war im letzten Jahrzehnt eines der am schlechtesten frequentierten Bundesmuseen.

Eine konkrete Besucherzahl ist die falsche Zielsetzung. Aber sicher ist es mein Bestreben, Ausstellungen zu machen, die ihr Publikum finden. Und das Publikum kann ruhig ein breiteres werden.

Ihr Bruder ist seit Jahrzehnten ein Fachmann für Museen. Da Ihnen noch die Erfahrungen fehlen: Haben Sie ihn schon um Hilfe gebeten?

Wir haben ein sehr gutes geschwisterliches Verhältnis – und tauschen uns regelmäßig über unsere Privatleben aus. Das möchte ich nicht überstrapazieren, indem ich meinen Bruder als Telefonjoker einsetze.

Hans Hollein: Der Wiener Architekt (1934 bis 2014) war ein  Vorreiter der Postmoderne. Er entwarf u. a. das Haas-Haus, das Museum für Moderne Kunst  in Frankfurt, das Landesmuseum St. Pölten. Mit der Modezeichnerin Helene Hollein hat er zwei Kinder

Max Hollein: Der Sohn, 1969 geboren, war Direktor der Schirn Kunsthalle und des Städels  in Frankfurt.  2016 übernahm er das Fine Arts Museums of San Francisco, zwei Jahre später das Metropolitan Museum of Art in New York

Lilli Hollein: Die Tochter, 1972 geboren, studierte an der Angewandten Industriedesign. Sie arbeitete als Journalistin, Kuratorin, Projektmanagerin und ist Mitbegründerin der „Vienna Design Week“, die sie 2013–2021 leitete

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