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Wirtschaft Immobiz
09/18/2021

Vienna Design Week: Auf Grätzeltour durch die Brigittenau

„All eyes on Brigitte, now“: Auf Grätzeltour durch den 20. Bezirk mit Festival-Direktor Gabriel Roland.

von Nicole Zametter

Der begrünte Gaußplatz im 20. Bezirk in Wien strahlt in der Morgensonne, aus der Bäckerei Prindl duftet es nach Kipferl und Kaffee. Willkommene Stärkung zum Grätzelspaziergang mit Vienna Design Week-Direktor Gabriel Roland. Zum 15-jährigen Jubiläum gab es einen Generationenwechsel an der Spitze des renommierten Design Festivals: Gründungsmitglied Lilli Hollein – seit Anfang des Monats Generaldirektorin des MAK – übergab an Roland, der bereits in den Jahren davor ihre rechte Hand war. Gleich zu Beginn unserer Tour kündigt der Neo-Direktor lachend an: „Ich bin ein ambitionierter Spaziergänger, falls es zu viel wird, müssen Sie mich stoppen.“

Die Verkehrstafeln am Kreisverkehr weisen uns den Weg: Über die Klosterneuburgerstraße tauchen wir ein in die Brigittenau. „Wir haben den Fokusbezirk heuer so stark eingebunden, wie noch nie zuvor im Festival. Die Brigittenau lief bisher eher unter dem Radar. Dabei passiert hier gerade sehr viel, es gibt eine wachsende Off-Szene und mit dem Stadtentwicklungsgebiet Nordwestbahnviertel entsteht eine besondere Dynamik im Bezirk“, erklärt Roland, während wir bereits an der ersten Station der Tour haltmachen: „Das Le Nomade ist ein besonderer Shop für Berberteppiche und ist auch Teil des Festivalprogramms.“ Weiter geht es zum Hannovermarkt. Ein bisschen zu früh sind wir für ein Mittagessen „beim besten Shawarma-Griller der Stadt.“ Aber die Tatsache, wie authentisch hier noch Marktarbeit aussieht, dass hier keine Show für Touristen abgezogen wird, sondern die Lebensmittel im Mittelpunkt stehen, ist dem Festival-Direktor wichtig. „Bei der Vienna Design Week beschäftigt sich das Format Urban Food & Design wieder mit Lebensmitteln. Alternative Nahrungsquellen oder innovative Gastronomiekonzepte sind Teil des Ganzen.“

Der junge Festival-Direktor weiß über die vielen Facetten des zwanzigsten Bezirks bestens Bescheid. Beim Magistrat angekommen, macht er uns auf die einen spannenden, historischen Punkt aufmerksam: Links, das noch imperiale Gebäude, das heute das Bezirksamt beheimatet, auf der rechten Seite geht das Gebäude in einen Sozialbau über. Fünfundzwanzig Jahre trennen die beiden Gebäudehälften, die secessionistischen Elemente seiner ersten Arbeit hat sich Architekt Karl Badstieber dann beim Wohnhaus gespart. Anleihen am Ursprungsentwurf sind unverkennbar.

Auf unserem weiteren Weg berichtet der studierte Textildesigner über viele Künstlerprojekte in der Umgebung, verweist auf Besonderheiten in den Gassen und legt Wert darauf, keinen Weg zwei Mal zu gehen. „Lieber am Rückweg auf der anderen Straßenseite gehen – dann sieht man mehr.“ Wie etwa eine Häuserfassade, die mit aufwendigen Fisch-Motiven dekoriert ist und deshalb unsere Aufmerksamkeit auf sich zieht. Die ganze Stadt ist Design. Mit Blick auf die neugotische St. Brigitta Kirche besuchen wir als nächstes das offene Klubhaus „Design in Gesellschaft“. In einem pittoresken Innenhof hinter der lauten Engerthstraße haben sich elf junge Designer unterschiedlicher Disziplinen zusammengetan und leisten Großes. Während hier Renovierungsarbeiten und Ausstellungsvorbereitungen in vollem Gange sind, werden wir sehr erfreut und vor allem stolz von den Mitgliedern durch ihre Räumlichkeiten geführt. Jeder legt hier Hand an, damit zu Festivalbeginn für die Besucher alles fertig und herzeigbar ist.

Apropos Besucher: „Wir wollen uns als Festival für alle verstehen. Kunst und Design soll allen zugänglich sein und jeden ansprechen. Auch die Menschen hier vor Ort“, sagt Roland beim weiteren Marsch durch die immer geschäftiger werdenden Straßen. Wie es gelingt, auch weniger kunstaffine Menschen für das Festival zu begeistern, ist freilich nicht leicht zu beantworten. Aber:  „Da die ganze Stadt im Grunde zur Bühne auserkoren wird, begegnet man uns beinahe zwangsläufig irgendwo. Und manchmal kommen wir auch  auf Umwegen – etwa über die Kinder  – zu Leuten. Das ist ja das Schöne am Festival: Wir vermitteln Auseinandersetzung mit dem Prozess, wollen zeigen, dass Design nicht bloß ein abstrakter, unleistbarer Gegenstand ist, sondern überall versteckt ist.“ Partizipative Programmpunkte dazu: Neben Projekten in Schulen wird es auch zwei Beisl-Touren sowie Diskussionen und Talks geben. 

Damit sind wir am Ziel unserer Tour angelangt: In der Festivalzentrale am Sachsenplatz. Hinter einer unscheinbaren Fassade versteckt sich ein  Innenhof, der vor allem durch den imposanten Kirschlorbeer besticht, der sich seinen Weg ans Licht durch die engen Mauern bahnt. Passiert man den wie ein Tor wirkenden Baum, offenbaren sich imposante Hallen. Bei unserem Besuch ist das  Aufbauteam gerade damit beschäftigt, die Pläne zu besprechen.  

In wenigen Tagen wird hier der Mittelpunkt der Design Week sein. Optisch ist das diesjährige Festival am neuen Standort ausgerichtet und  erinnert an den Hannovermarkt. Die Farben Blau, Grün, und Pink werden das Gelände prägen. Viele Tausende Besucher werden von hier aus österreichisches und internationales Design erleben und kennen lernen, zu geführten Touren aufbrechen oder sich zum Gedankenaustausch  verabreden. 


Auf über 50 Plätzen in Wien wird in zehn Festivaltagen ein vielschichtiges Programm geboten. Davon konnten wir uns bei diesem Grätzelspaziergang überzeugen. 14.500 Schritte haben wir durch die Brigittenau gemacht – und längst nicht alles gesehen. Wir kommen zum Festival wieder.

Von 24. September bis 3. Oktober findet die Vienna Design Week an 50 Plätzen in ganz Wien statt. Unter anderem im MAK,  dem Nordwestbahnhof Museum,  dem Möbelmuseum Wien oder bei Nomade Moderne am Naschmarkt. Die Festivalzentrale am Sachsenplatz 4  bietet  zahlreiche Ausstellungen von  Urban Food bis Alltagsdesign und ein Café. Inklusion wird nicht nur propagiert, sondern  gelebt: Öffentliche Opening Party ist im  Club Praterstraße am 23.9. ab 18:00. Das Festival findet bei freiem Eintritt statt.  Im Mittelpunkt der Messe steht das vielfältige Schaffen, das die Qualitäten der heimischen Designszene ausmacht: Produkt-, Möbel-, und Industriedesign, Architektur, Grafik- und Social Design, sowie experimentelle und digitale Ansätze. Das Festival arbeitet gezielt daran, lokale Potenziale international zu  vernetzen. Anmeldungen zu geführten Touren (etwa  Beisl- oder Skate-Tour), sowie alle Programmpunkte und Infos zu den Ausstellern gibt es über: www.viennadesignweek.at

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