Kunstmesse TEFAF: Die unendliche Strahlkraft der Meister

Die Suche nach frischer Ware befeuert Händler bei Entdeckungen. Manche spekulieren auch auf den Midas-Effekt von Leonardo & Co.
Galerie Ary Jan

Liegt Alte Kunst wieder im Trend? An den schummrig ausgeleuchteten Messeständen und in den blumengeschmückten Gängen, die das Kongresszentrum im niederländischen Maastricht dieser Tage wieder in einen gediegenen Salon verwandelt haben, ist ihre Strahlkraft nie verebbt. Doch gibt es Indizien dafür, dass die TEFAF („The European Fine Art Fair“) heuer mit mehr Rückenwind segelt.

Rechtzeitig zur Vernissage am Donnerstag hatte die Kunstmarkt-Analystin Clare McAndrew ihren jährlichen Lagebericht veröffentlicht, den sie einst im Auftrag der Maastrichter Messe und seit zehn Jahren für die Art Basel und die Bank UBS verfasst.

Dem weltweiten Kunstmarkt wird da für 2025 ein Umsatzplus von vier Prozent (auf gesamt 59,6 Milliarden US-$) attestiert, dem Sektor „Alte Meister“ gar ein überdurchschnittliches Plus von 30 Prozent. Allerdings sei dieser Zuwachs auf wenige Top-Lose bei Auktionen zurückzuführen, etwa eine Venedig-Ansicht von Canaletto, die im Juli 2025 den Rekordpreis von 37,2 Millionen Euro erzielte.

Blick in die zweite Reihe

In den Gängen der TEFAF, der nach wie vor weltweit wichtigsten Messe für Alte Kunst und Antiquitäten, wird deutlich, dass der Markt abseits der Top-Auktionen wesentlich differenzierter funktioniert. 

Dass die Händler hier die Elite ihrer Branche repräsentieren, ändert nichts an der Tatsache, dass Werke berühmter, kanonisierter Künstler am Markt enorm rar sind. „Eine neue Sammlergeneration interessiert sich daher verstärkt für die Zeitgenossen der großen Namen“, sagt Sophie van Rappard von der Traditionsgalerie Wildenstein im Gespräch.

Statt Canaletto gibt es also am Stand des Händlers Richard Green zwei sich ergänzende Venedig-Ansichten des Malers Giovanni Battista Cimaroli (Gesamtpreis 1,1 Millionen Euro). Eine von vier Versionen der „Bauernhochzeit“, gemalt von Pieter Bruegel dem Jüngeren, ist um 3,5 Millionen Euro zu haben.

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Der Markt erschöpft sich aber nicht in der Suche nach Stars aus der zweiten Reihe: Bei der überfälligen Wiederentdeckung historischer Künstlerinnen sind Händler ebenfalls eine wichtige Triebkraft. Die Londoner Galerie Colnaghi etwa bietet ein wunderbar schmuckvolles „Porträt der Isabella Ruini Angelelli mit Hofdame“, von der Bologneser Malerin Lavinia Fontana 1592 angefertigt, für drei Millionen Euro an. Die Galerie Fondantico di Tiziana Sassoli, ebenfalls aus Bologna, hat eine „Büßende Maria Magdalena“ des Barockstars Artemisia Gentileschi für 3,2 Millionen Euro im Angebot.

Eine Spur Leonardo

Die Galerie Agnews (London) spekuliert daneben offensiv mit der Nähe zur ganz großen Meisterschaft: Eine Version des segnenden Christus („Salvator Mundi“), die als Werk eines Malers aus dem Umkreis Leonardo da Vincis gilt und als solche u. a. schon im Louvre ausgestellt war, steht in Maastricht zum Verkauf, zum Preis schweigt man sich aus. Sehr wohl aber kommuniziert die Galerie den Verdacht, Leonardo selbst könnte an dem Bild Hand angelegt haben – ja, das Werk könnte gar „Prototyp“ für jenes Christusbild gewesen sein, das 2017 um 450 Millionen US-$ versteigert wurde.

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Die Unsicherheit in Zuschreibungsfragen ist für viele Sammler aber einer der Gründe, warum sie Altmeistergemälde „schwierig zu kaufen“ finden, wie eine Vernissage-Besucherin in Hörweite des KURIER-Redakteurs beklagt.

Auch wenn viele TEFAF-Transaktionen in spezialisierten Kreisen stattfinden – abseits des Klischees vom „Kaufhaus der Superreichen“ ziehen zahlreiche Ankaufskomitees internationaler Museen über die Messe – so hat man doch das Angebot moderner und zeitgenössischer Kunst zunehmend ausgebaut. Und so manche jüngeren Ikonen gewinnen durch die Nähe zu ihren Vorfahren an Strahlkraft.

Ikonen der Moderne

Die Pariser Galerie Mennour etwa platziert Skulpturen von Franz West in Nachbarschaft zu Alberto Giacomettis Figuren. Die Händler Wienerroither und Kohlbacher (W & K) – heuer die einzigen TEFAF-Aussteller aus Österreich – haben West ebenso prominent Platz eingeräumt. Und der Star der W&K-Koje ist nicht Gustav Klimt (die Präsentation eines Porträts im Vorjahr zog wie berichtet einen bis heute ungelösten Disput zu Ausfuhrfragen nach sich), sondern der kürzlich verstorbene Arnulf Rainer.

Ein Frühwerk („Brücke“) zeigt hier, wie Rainer 1951 voll auf Höhe der abstrakten Kunst seiner Zeit war (650.000 €), ein Kreuzbild (280.000 €) exemplifiziert Rainers viel diskutierte Form-Erfindung.

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Ebenso prominent zeigt die Pariser Galerie Lelong Rainers Kreuze auf der TEFAF: Die zwei Werke aus den 1980ern stammen laut Galerie von Rainers Familie und sind vergleichbar mit jenen, die derzeit zum Leidwesen ebendieser Hinterbliebenen im Wiener Stephansdom schweben; mit 850.000 Euro zielt der Preis durchaus auf das Level anderer internationaler Größen.

Also vielleicht doch lieber ein kleines Kruzifix aus Bronze? Ein solches hat der britische Antikenhändler Stuart Lochhead im Angebot, es soll „nach einem Modell von Michelangelo“ gegossen worden sein. Wie die Verbindung zum Renaissance-Genie genau ausgesehen hat, bleibt am Messestand etwas rätselhaft. Doch über die Kraft der großen Meister, auf andere Kunst abzustrahlen, hat man an diesem Punkt ja schon einiges gelernt.

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