Diese Ausstellung zeigt: Die Kunst war dem Kommerz nie fremd
Engerln kosteten extra.
Wer um 1500 in die Werkstatt des Florentiner Malers Sebastiano Mainardi eintrat, konnte sich sein Andachtsbild an die individuelle Geldbörse anpassen lassen. Und wer etwas auf sich hielt, wählte neben Madonna, Kind und Johannes dem Täufer eben noch zusätzliche Figuren aus.
In der wunderbaren Ausstellung „Noble Begierden – Eine Geschichte des europäischen Kunstmarkts“, mit der das Gartenpalais Liechtenstein heuer wieder Publikum bei freiem Eintritt in seine barocken Gemäuer lädt, hängen zwei von Mainardis Rundbildern übereinander: Eines kommt mit den genannten drei Heiligenfiguren aus, das zweite zeigt noch zwei Engel. In einer Version im Museo di Capodimonte in Neapel sind es ihrer gar drei, plus dekorative Blumen.
Es ist eine jener vielen Detailerzählungen, die in der Ausstellung verdeutlichen, dass der Kunst kommerzielle Überlegungen und effizienzsteigernde Maßnahmen nie fremd waren.
Malen nach (Be-)zahlen
Im Gegenteil: Oft dominierten Händler, Auktionatoren und Sammler nicht nur, was in Künstlerateliers produziert wurde – sie bestimmten auch, was davon reproduziert sowie dokumentiert und publiziert wurde. Marktakteure hätten die Kunstgeschichte mitgeschrieben, sagt Stephan Koja, Direktor der Fürstlichen Sammlungen Liechtenstein – dennoch sei es in der Forschung lange tabu gewesen, sich mit ihnen zu befassen.
Mit der Schau „Noble Begierden“ haben sich Koja, Chefkuratorin Yvonne Wagner sowie der am Belvedere tätige Forscher Christian Huemer vorgenommen, dieses Territorium nicht nur wissenschaftlich zu durchmessen (es erscheint ein umfassender Aufsatzband), sondern es auch zu vermitteln.
Das gelingt durch eine Fokussierung auf einzelne Städte und Zeitabschnitte, in denen neue Maßstäbe im Kunsthandel gesetzt wurden.
Es hilft, dass die Fürsten von Liechtenstein seit Jahrhunderten aktive Teilnehmer am Kunstmarkt waren und noch immer sind: Die Sammlungen bilden zum Teil auch die Nachfrage in adeligen Zirkeln seit der Barockzeit ab. Das internationale Prestige der Institution ermöglichte es aber auch, dass bemerkenswerte Leihgaben in die Schau fanden – darunter vier Gemälde von Claude Monet, das Porträt des Antikenhändlers Jacopo Strada von Tizian aus dem KHM oder ein Bildnis des Höflings Baldassare Castiglione, das Peter Paul Rubens 1630 als Kopie eines Porträts von Raffael malte.
Rekordauktionen
Eben jenes Original war 1639 das „Star-Los“ einer Auktion, zu der – den heutigen Top-Auktionen in New York und London nicht unähnlich – Kunstagenten aus ganz Europa nach Amsterdam anreisten. Der Preis von 3.500 Gulden – etwa der Gegenwert von drei Häusern – beeindruckte den jungen Rembrandt, der sich den Preis neben eine Skizze (in der Schau leider nur als Faksimile) notierte – und von da an begann, seine Selbstporträts nach dem Vorbild des Rekord-Bildnisses zu gestalten.
Zu den Selbstvermarktungsstrategien der Künstler kamen bald Akteure, die Kunst abseits von Auftragsverhältnissen in Sammlungen platzierten und den Markt ankurbelten. In sorgsam dosierten Arrangements von Kunstwerken und Archivalien zoomt die Schau hier etwa auf Jean-Baptiste Pierre Lebrun (1748–1813), der in seinem Palais repräsentative Schauräume für Kunst anlegte und mit Katalogen, Werkverzeichnissen und Künstlerbiografien verkaufsfördernde Medien (und nebenbei Quellenmaterial für Kunsthistoriker) in die Welt brachte.
Kunst und Showbusiness
Der aus Wien stammende Charles (Karl) Sedelmayer reüssierte im 19. Jahrhundert in Paris und machte den Maler Miháli Munkácsy zum Star: Dessen Spezialität waren spektakuläre Historienbilder (auch das Deckengemälde im Aufgang des KHM stammt von ihm), viele davon wurden auf Tour geschickt und waren gegen Eintritt zu besichtigen.
Dass die Grenzen des Kunstmarkts zum Showbusiness stets ebenso durchlässig waren wie jene zur Tourismusindustrie, zeigt ein Kapitel über die „Grand Tour“, bei der betuchte Reisende in Rom oder Venedig mit Souvenir-Bildern versorgt wurden.
Dass sich der Gang durch die Schau selbst nicht wie eine Ochsentour anfühlt, ist angesichts des breit gespannten Bogens bemerkenswert. Doch die Exponate sind von so hoher Qualität, dass auch jene Besucherinnen und Besucher, die nicht allen historischen Details folgen wollen, hohe Schauwerte vorfinden – bis hin zu Gustav Klimts Gemälde „Nuda Veritas“, das quasi zum Drüberstreuen am Ausgang postiert ist. Die Vision kommerzbefreiter Reinheit kauft man dem Werk an dieser Stelle aber nicht mehr ab.
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