Kunstverstand in Christenhand: Arnulf Rainers Kreuze im Stephansdom
„Arnulf Rainer hat sich durch seinen Anwalt gegen die Durchführung dieser Ausstellung ausgesprochen“, steht am Ende eines Wandtexts beim Nordeingang des Stephansdoms. Intransparenz kann man Dompfarrer Toni Faber, dem Domkapitel und dem Sammler Werner Trenker also nicht vorwerfen, auch wenn der Zusatz „es war uns wurscht“ noch mehr Klarheit schaffen würde.
Die Präsentation von 77 Arbeiten des im Dezember 2025 verstorbenen Künstlers Arnulf Rainer unter dem Titel „Das Kreuz – das Zeichen das bleibt“ (bis 7. 6.) erscheint in direkter Betrachtung als großes Missverständnis: Das Bewusstsein dafür, was der jeweilige Kontext mit Kunst macht – und was Sakralkunst von zeitgenössischer Kunst trennt – scheint hier völlig zu fehlen.
Dompfarrer Faber beharrte am Dienstag bei einer Presseführung, die der Eröffnung durch Bundeskanzler Christian Stocker (ÖVP) am Abend vorausging, darauf, die Schau sei „keine Vereinnahmung, sondern eine Einladung zum Dialog“. Die im Vorfeld ausgetauschten Argumente wurden nochmals wiederholt: Ja, Rainer wollte nie „Kirchenmaler“ sein. Doch er habe seit seinen Anfängen immer wieder Kontakt mit der Kirche gehabt, auch Kunst für Sakralräume geschaffen, habe sich mit christlicher Theologie und Mystik befasst, ja sogar zweimal die Ehrendoktorwürde einer theologischen Fakultät erlangt.
Alles richtig – doch das Bezugssystem Rainers war und blieb jenes der Kunst, einer autonomen Sphäre, deren Gesetzmäßigkeiten die Avantgarden des 20. Jahrhunderts ausformuliert hatten. Punkt, Linie, Fläche haben hier Bedeutung jenseits ihrer Eigenschaft als „Zeichen“. Das Verständnis dafür, hierzulande stets schwach entwickelt, hat es zusätzlich schwer, seit puristische Avantgardegalerien aus der Mode gekommen sind: Man hängt Kunst lieber als „Zwischennutzung“ in Leerstände – oder eben in Kirchenräume.
Differenzierung täte not
Sammler Werner Trenker, der Rainers sämtliche Kaltnadel-Radierungen in Kreuzform sein eigen nennt, weiß zweifellos um des Künstlers Ringen mit der Form Bescheid, er würdigt die Behandlung und mehrfache Überarbeitung der Druckplatten, die Farbgebung und die Entwicklung der Varianten.
Leider hat das Publikum im Dom nicht wirklich die Gelegenheit, sich mit dieser Dimension der Werke zu befassen: Im Hauptschiff hängen sechs Großformate der Papierarbeiten (und vier Malereien auf Holz) in mehreren Metern Höhe und flankieren das Lettnerkreuz.
Auf einer Wand in der Nordturmhalle sind die Kreuze um die als „Zahnwehherrgott“ bekannte gotische Christusfigur gruppiert und ebenfalls in die Höhe entrückt. Nur in der Barbarakapelle bietet sich die Gelegenheit, Blätter aus der Nähe zu betrachten – doch auch hier definiert ein Kruzifix den Raum. Eine Abfolge oder Rainers stilistische Entwicklung lässt sich nirgends ablesen – die Blätter sind eher nach Farbe oder Format gruppiert, die Zuordnung in einem Beiheft ist mühsam: Weil die Zustimmung von Rainers Nachlass fehlt, sind dort nämlich keine Bilder reproduziert.
Dass eine Präsentation im Stephansdom die größtmögliche Nobilitierung für Kunstwerke sei, wie Dombaumeister Wolfgang Zehetner meint, lässt sich daher nicht bestätigen: Für eine solche müsste man Kunst in ihrer Eigengesetzlichkeit nämlich erst einmal ernst nehmen. In diesem „Dialog“ aber redet die Kirche an der Kunst vorbei.
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