© Kurier/Juerg Christandl

Interview
12/27/2020

Künftige Volksopern-Chefin: "Ich möchte das Publikum verführen"

Lotte de Beer, die designierte Direktorin der Wiener Volksoper, wird im Herbst 2022 mit der Uraufführung einer Operette starten

von Thomas Trenkler

Lotte de Beer strahlt. Die Niederländerin wurde von Kulturstaatssekretärin Andrea Mayer im Oktober zur Direktorin der Volksoper ab dem Sommer 2022 ernannt. Und sie stieß im Haus wider Erwarten nicht auf Gegenwind. „Man hört ja immer wieder, dass designierte Intendanten nicht ins Haus dürfen“, erzählt sie. „Aber Robert Meyer hat mich so herzlich und charmant empfangen. Er überließ mir gleich ein Büro – und bot mir alle Unterstützung an. Es ist wirklich luxuriös. Ich kann es mir nicht besser wünschen.“

KURIER: Herbert von Karajan wollte einst nicht an der Volksoper dirigieren, denn es sei ein „Vorstadttheater“. Wie sehen Sie das?

Lotte de Beer: Er hat auch antisemitische Äußerungen über die Volksoper gemacht, die man nur auf das Schärfste verurteilen kann. Was die Lage betrifft, bin ich eigentlich froh. Die Volksoper ist eben dort, wo die Menschen leben. Ich finde es viel wichtiger, dass wir hier Theater machen – und nicht im ersten Bezirk und nicht nur für jene, die um die ganze Welt fliegen und sich ohnedies überall Kunst anschauen können.

Die Volksoper kannten Sie aber nicht wirklich, als Sie sich für die Nachfolge von Robert Meyer bewarben?

Das stimmt nicht ganz. Ich habe mehrfach in Wien gearbeitet, am Theater an der Wien und in der Kammeroper. Und so sah ich hier zum Beispiel die „Traviata“. Ich kannte auch die Geschichte des Hauses, wusste über die Zeit von Nikolaus Bachler Bescheid. Und ich sprach mit meinen österreichischen Bekannten. Daher dachte ich mir: Das könnte ein Haus für mich sein. Nein, nicht für mich! Ein Haus, wo ich etwas bewirken kann.

Sie haben bei Bachler an der Bayerischen Staatsoper inszeniert. Hat er sie animiert?

Nein, das nicht. Aber ich wusste, dass neben Bachler auch die Dirigenten Kirill Petrenko und Thomas Hengelbrock eine alte Beziehung zur Volksoper haben. Das fand ich interessant.

Sie haben allerdings noch nie ein Haus geleitet.

Ja, ich war immer freie Regisseurin. Aber schon damals, 2009, als ich die Hochschule der Künste in Amsterdam abschloss, dachte ich mir: Irgendwann will ich die Verantwortung für ein Haus übernehmen. Natürlich hat man manchmal glamouröse Bedingungen: Man inszeniert an der Opéra de Paris und gleich danach beim Festival in Aix-en-Provence. Aber man ist immer nur Gast. Man kann zwar die Infrastruktur nutzen, vieles aber wird einfach bestimmt. Und man hat nie die Möglichkeit, etwas aufzubauen. Aber ich arbeite gerne mit einer künstlerischen Familie zusammen. Ich mache alles mit Liebe. Und für Liebe braucht man viel Zeit.

Ist das auch der Grund, warum Sie eine eigene Compagnie gegründet haben?

Ja, die Operafront. Denn es ist immer so: Der Intendant bietet einen Titel und einen Dirigenten und eine Besetzung an, er weiß bereits, wie man Werbung für das Stück machen kann und wer das Zielpublikum ist. Alles ist vorgegeben. Ich wollte daher einmal im Jahr etwas mit Menschen aus meiner Generation realisieren. Und mit ihnen überlegen, wie wir die jungen Leute erreichen, neue Publikumsgruppen gewinnen können. Wir waren vier, fünf verrückte Menschen mit wenig Geld und viel Begeisterung. Und wir haben alles selber gemacht: den Boden gewischt, die Förderansuchen formuliert und das Bühnenbild gebastelt. Das hat unheimlich viel gebracht. Denn ich konnte experimentieren.

Viele Direktoren bringen ihre Mannschaft mit. Werden Sie das auch machen?

Nein. Ich möchte die Operafront an die nächste Generation weitergeben – und habe bereits eine tolle, junge Regisseurin gefunden. Sie wird wahrscheinlich die Operngruppe übernehmen. Ich bringe nach Wien nur die Erfahrungen mit.

Sie übersiedeln nach Wien?

Absolut. Ich werde Wienerin werden! Sie müssen wissen: Mein Mann, Steven Sloane, ist Dirigent und jetzt Chef des Jerusalem Symphony Orchestra. Er ist dauernd unterwegs, er arbeitet auch in Bochum und in Malmö. Und ich war überall. Als Familie haben wir uns irgendwo an Kreuzungspunkten getroffen. Meine Tochter fragte mich schon: „Was ist zu Hause?“ Ach Gott! Daher freue ich mich so darauf, dass wir in Wien ein Zuhause haben werden. Wir schauen uns schon jetzt um, wo wir wohnen möchten. Ich habe mich auch über Schulen für Eliza informiert. Sie wird dann fünf Jahre alt sein und kann in Wien die Volksschule machen. Das ist perfekt, denn mein Vertrag läuft ja fünf Jahre.

An eine Vertragsverlängerung denken Sie nicht?

Bleiben wir bescheiden!

Mit Ihrem Mann haben Sie ja bereits Projekte realisiert.

So haben wir uns auch kennengelernt. Wir machten beim Holland Festival eine neue Oper über Marilyn Monroe. Eigentlich sollen sich ja Regisseur und Dirigent zusammenstreiten. Aber wir haben uns sofort verstanden. Daraus ist etwas sehr Schönes geworden. Nicht während der Produktion, aber danach.

Und so könnte es sein, dass Sie gemeinsam an der Volksoper arbeiten?

Es wäre schlechter Stil gewesen, wenn ich ihn zum Musikdirektor gemacht hätte. Lotte de Beer und ihr Ehemann: Das geht gar nicht! Ich habe Omer Meir Wellber bestellt. Einer der spannendsten Dirigenten unserer Zeit! Aber wenn es künstlerisch Sinn macht, werde ich nicht grundsätzlich Nein sagen.

Haben Sie schon konkrete Ideen für die erste Saison?

Wenn ich jetzt keine hätte, wären wir verloren. Dann hätten wir 2022 keine Premieren. Wir werden jedenfalls die Uraufführung einer Operette haben. Mit Ballett! Mit Chor! Und mit einem ganz aktuellen Thema!

Und wer ist der Komponist?

Den Namen werde ich jetzt nicht herschenken. Das bleibt eine Überraschung!

Welche Fragen beschäftigen Sie derzeit am meisten?

Welche Stücke passen zu uns? Wie kann man das Repertoire weiterentwickeln? Und die Operette wieder zum Blühen bringen?

 

Ihre Abschlussinszenierung war ja eine Operette von Jacques Offenbach. Wie kamen Sie denn darauf?

Ich war auf einer Schauspiel- und Regieschule. Eigentlich sollte man dort Heiner Müller oder Werner Schwab inszenieren. Aber Operette? In Holland hat sie kein Renommee. Ich habe mich trotzdem für „Häuptling Abendwind“ entschieden. Denn es gab einen großen Wettbewerb, für den alle Abschlussarbeiten in Holland und Belgien nominiert waren. Ich dachte mir: Mit einer Operette kann ich sowieso nicht gewinnen, also kann ich einfach Spaß an der Inszenierung haben – ohne Druck.

Wie ging der Wettbewerb aus? Sie haben gewonnen?

Ja. Aber ein Mitglied der Jury sagte: „Ich lasse niemals ein solches Stück gewinnen!“ Sie drohte, die Jury zu verlassen. Das war ein richtiger Skandal.

Was fasziniert Sie an der Operette?

Sie war sehr populär. Und sie hat gesellschaftliche Probleme behandelt, zum Beispiel die Grenze zwischen männlich und weiblich. Es wurde mit allen Konventionen gespielt – auch auf zynische Weise. Die Wiener Operette hat das zwar unter viel Zucker versteckt, aber es gibt trotzdem diese Abgründigkeit. Man muss nur tiefer graben. Und genau das interessiert mich.

An der Volksoper wird auch das Musical gepflegt. Was schwebt Ihnen da vor?

Ich würde nie „Cats“ oder „The Phantom of the Opera“ programmieren. Diese Musicals kann man bei den Vereinigen Bühnen Wien viel aufwendiger machen als im Repertoire-Betrieb. Wir werden also Musicals bringen, die man in den kommerzielleren Häusern nicht bringt. Zum Beispiel von George Gershwin. Und mit einem großen Orchester.

In der Staatsoper singt man in der Originalsprache, an der Volksoper auf Deutsch.

Ich sehe das nicht so dogmatisch. Auf Netflix sieht man Serien aus allen möglichen Ländern – mit Untertiteln. Man hört daher mehr von den Originalklängen. Ich glaube, dass unsere Ohren mittlerweile daran gewöhnt sind. Aber ich bekenne mich zum Basisprinzip der Volksoper: Man will kommunizieren – auf einer Ebene, die verständlich ist. Wir werden uns daher für jede Produktion überlegen, wie man das am besten macht. In einer meiner Inszenierungen hatte ich einen polnischen Tenor, eine niederländische Sopranistin und einen koreanischen Bariton. Es gab keine Sprache, die wir alle gut konnten. Ich ließ daher alle in ihrer Muttersprache sprechen. Das war eine totale Sprachverwirrung. Es ging auch im Stück um Verwirrung. Und ich hatte zwei Schauspielerinnen, die als Dolmetscher fungierten. So habe ich auch das Niederländische integriert. Ich will nicht sagen, dass das jetzt die Lösung für die Volksoper ist. Aber ich will mit dem Thema kreativ umgehen.

Besteht nicht die Gefahr, dass Sie das treue, oft recht alte Publikum vor den Kopf stoßen und vertreiben?

Man muss es schätzen und umarmen. Ich möchte das Publikum verführen – ich glaube, das ist meine größte Aufgabe. Aber man muss auch dringend neue Besucher gewinnen. Denn wenn immer nur die gleichen Leute aus der gleichen Generation kommen, ist man als Theater nicht mehr relevant. Und man muss Brücken bauen zwischen den Generationen. Shakespeare hat das toll gemacht: Es gab komplizierte Gedankengänge, spannende Geschichten und grobe Witze, damit für alle etwas dabei war. Ich bin kein Shakespeare. Daher müssen wir uns an ihm messen. Oder an Mozart, der das auch konnte.

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