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Kultur
04/04/2019

Konzertkritik Soap&Skin: Die Magie der Erschütterung

Anja Plaschg, die kreative Kraft hinter Soap&Skin, startete im Wiener Konzerthaus ihre heurige Tournee.

von Brigitte Schokarth

Der letzte Ton von „Vater“ ist verhallt, im Wiener Konzerthaus ist es totenstill. Erst nach Sekunden bricht das Publikum von Soap&Skin in frenetischen Jubel aus. So wuchtig war das eben Gehörte, so spürbar die Trauer und Verzweiflung, die in dem Song über den Tod des Vaters steckt, so radikal die Energie, die da von der Bühne kam, dass alle erstmal erschüttert schweigen.

Selbst Anja Plaschg, die kreative Kraft hinter Soap&Skin, scheint davon überwältigt zu sein. Sie geht zu ihrer Schwester Evelyn, die in ihrer Band spielt, und es wirkt als würde die den Star des Abends trösten müssen.

Das ist aber nur einer der vielen magischen Momente in dem großartigen Konzert zum jüngsten Album „From Gas To Solid/You Are My Friend“. Seit 2012 hatte die Musikerin, die heute 29 Jahre alt wird, kein Album veröffentlicht, stattdessen Musik für Filme und Theaterprojekte geschrieben, Rollen als Schauspielerin angenommen und ein Kind bekommen. „From Gas To Solid/You Are My Friend“ gilt als ihr leichtestes und zartestes Album, weil es zwischen seelischer Not und düsterer Schwermut auch etwas Lebensmut vermittelt.

Davon ist im Konzerthaus erstmal wenig zu spüren. Und das liegt nicht daran, dass Plaschg mit dem Song „This Day“ startet, der mit dem Satz „we’re heading for the guns“ endet. Es ist vornehmlich die Musik, die in ihrer Dramatik augenblicklich bannt, so, dass man fast aufs Atmen vergisst.

Das hat viele musikalische Gründe. Die beginnen bei den Kompositionen von Soap&Skin, die selten dem üblichen Strophen/Refrain-Schema folgen, sondern unerwartete Wendungen, sowohl im Tempo als auch in der Instrumentierung und der Dynamik liefern. Dazu gibt es Texte, die wunderbare Poesie mit brutal realistischen Bildern paaren, und so beides noch viel eindrücklicher machen.

Und es gibt die achtköpfige Band – hervorragende Musiker, die vorwiegend Streich- und Blasinstrumente spielen, aber zwischendurch auch Vibrafon, Schlagzeug, Percussion, Drums, Keyboards und Bass. Viele der elektronischen Teile der Soap&Skin-Studio-Arrangement spielt das Ensemble mit raffinierten Tricks nach, weshalb vor allem anfangs wenig von der Konserve kommen muss. Und dann ist da noch die Stimme von Anja Plaschg: Sie kann hoch und tief singen, zart und hysterisch – aber niemals nicht intensiv. Dazu spielt sie Klavier, E-Gitarre und bei „Falling“ einmal sogar die Orgel im Konzerthaus.

Aber so nachhaltig beeindruckend, macht all das erst das Ausnahmetalent von Palschg als Performerin. Dass sie es immer wieder versteht, all diese Töne und Noten, die sie schon so oft gesungen und gespielt hat, derart mit Emotion zu fluten, dass es die Zuhörer bis zur Sprachlosigkeit überwältigt. Und das gilt auch noch, als Plaschg all das Drama und die Intensität der vergangenen 80 Minuten mit einem spielerischen Cover von Velvet Undergrounds „Pale Blue Eyes“ und ihrer Version von „Wonderful World“ auflöst.

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