Kultur
25.10.2018

Neues Album von Soap&Skin: Momente voller Leichtigkeit

Dem neuen Album von Soap&Skin mangelt es weder an Drama noch an Hoffnung. Alles wird gut. Irgendwann.

Ein Gespräch mit Anja Plaschg alias Soap&Skin kann für beide Seiten fordernd sein. Die üblichen wie obligatorischen 20 Minuten, die einem als Journalist vom Management oftmals gewährt werden, um Informationen einzuholen, Fragen zu stellen, würden bei Anja Plaschg niemals ausreichen. Denn ein Gespräch mit der von Wien aus agierenden Musikerin besteht zum Großteil aus Schweigen. Aus gutem Schweigen – und aus schlechtem Schweigen. Sätze verlassen im Zeitlupentempo den Mund, schlagen Haken, verlaufen sich und enden oftmals im Nirwana.

Dann, wenn sie sich wieder einmal in ihren Gedanken verlaufen hat, lächelt sie einen an und sagt: „War das verständlich?“

Das Reden über die Musik ist eben nicht ihre Stärke. Aber das ist auch egal. Denn sie hat andere, die sie seit mehr als zehn Jahren unter dem Pseudonym Soap&Skin ausspielt: Die 1990 im steirischen Gnas geborene Musikerin und Produzentin gießt ihre Gedanken, ihre Gefühle in zerbrechlich schöne Songs und lässt damit Instrumente für sie sprechen – und weinen.

Neu ordnen

Mit „From Gas To Solid / You Are My Friend“ legt sie nun ihren dritten Longplayer vor. Sechs Jahre sind seit ihrem letzten Album „Narrow“ vergangen. In dieser Zeit hat sich einiges bei ihr angesammelt – textlich und musikalisch. „Daher habe ich auch wieder ein neues Album gesehen.“ Dafür musste sie sich aber erst einmal neu ordnen. Denn so weitermachen wie bisher, das wollte sie nicht. Loslassen, Selbstliebe, anderen und sich selbst verzeihen, das waren dabei die großen Themen.

Auf „From Gas To Solid ...“ werden sie in ein wärmendes Soundkostüm gesteckt. Soap&Skin setzt dabei auf ihre gerne in Moll gehaltenen Klaviermelodien, die mit gefühlsverstärkenden Streichern beladen werden und für Gänsehautmomente sorgen. Die dazu gelieferten elektronischen Beats verhalten sich unauffällig, schieben sich behutsam, etwas behäbig und oft schnaufend nach vorne. Im Hintergrund spielt sich dann noch allerhand ab: Es surrt, piept und knarrt gespenstisch, chorale Gesänge verhallen und das Glockenspiel tanzt im Kerzenlicht. Besonders schön wird es, wenn die Bläser zum Einsatz kommen, das Flügelhorn windschief geblasen wird („Foot Chamber“).

Tonspuren

Den Schaffensprozess der neuen Songs beschreibt die 28-Jährige im KURIER-Gespräch als intensiv und fordernd. „Es ist ziemlich ungewöhnlich und schrullig, wie ich arbeite“, sagt Plaschg. „Die Streicher, die ich nun auf dem Album verwende, sind bereits zehn Jahre alt. Ich habe sie jetzt einfach neu arrangiert“. Auf ihrer Festplatte schlummern unzählige dieser Tonspuren, auf die sie nach Bedarf zugreift, daran herumschnipselt, sie neu zusammensetzt.

Die Wurzeln des Songs „Surrounded“ reichen sogar zwölf Jahre zurück. Live habe sie den Song immer wieder gespielt und auch immer wieder verändert, aber dass sie „Surrounded“ endlich abschließen konnte, bezeichnet Plaschg „als persönlichen Triumph“.

Hell

Der neue, nun eingeschlagene Weg scheint ihr und ihrer Musik gutzutun. Songs wie das beinahe poppige „ Italy“ oder auch der subtil politische OpenerThis Day“ klingen ungewohnt luftig arrangiert. Das sind Momente, in denen man sich aufgehoben und umsorgt fühlt. Die neuen Songs auf „From Gas To Solid ... “ sind allesamt in ihrer Wiener Wohnung entstanden, wo sich Anja Plaschg ein Studio eingerichtet hat. Alleine im Studio zu produzieren, sei für sie kein Problem. Bei den Texten geht ihr die Arbeit aber nicht immer einfach von der Hand. „Ich habe am Computer ein Dokument, in das ich immer wieder reinschreibe.

Zuletzt habe sich da aber „wieder einiges angesammelt“, sagt sie. Die Zeit  für ein neues Album war also reif.
Auf „From Gas To Solid / You Are My Friend“ stehen  unterschiedliche Gefühlslagen im Spannungsverhältnis zueinander. Es klingt fast so, als wäre es   bipolar –  Momente voller Leichtigkeit,  wechseln sich  mit trüben und schweren Momenten ab. War es gestern noch regnerisch, so scheint heute wieder die Sonne.
Apropos Sonne: Anja Plaschg hat sich bei diesem Album für das  Licht und gegen  den  Schatten entschieden.  Deshalb strahlt   das neue, dritte Album  auch so besonders hell im  bisherigen Œuvre. Aber es ist keineswegs so, dass in den zwölf neuen Songs stets die Sonne aufgeht. Vielmehr sind es  nur, aber immerhin (!),  vereinzelte Sonnenstrahlen, die sich  durch die dichte graue Wolkendecke kämpfen. „Do we heal?“, fragt sich Soap&Skin etwa im von Bläsern und Synthesizer-Arpeggio-Sounds getragenen Song „Heal“ ungläubig. Die Antwort auf diese Frage gibt   ihre Tochter am Ende des Songs: „I have no fear!“, sagt die Fünfjährige mit  kindlicher Stimme und wischt damit alle Zweifel vom Tisch.

 

Das neue Album  kann man als Kampfansage gegen die Depressionen und Ängste verstehen, die Anja Plaschg immer wieder heimsuchen. Die Welt kann aber auch anders, nämlich einfach und  wunderschön sein. Davon wusste schon Louis Armstrong ein Lied zu singen: „Wonderful World“. Mit einer langsam vorgetragenen, karg arrangierten Neudeutung  dieses Klassikers setzt Soap&Skin dann auch einen schaurig-schönen Schlussstrich unter einer Platte, die  – für ihre Verhältnisse – ungewöhnlich poppig und lebensfroh ausfällt.   
Ein Befreiungsschlag.  

Zum Album, zur Person: Mit 16 wurde die unter dem Pseudonym Soap&Skin musizierende Anja Plaschg nach einigen Auftritten und mit drei, vier fertigen Songs im Repertoire bereits als „Wunderkind“ gefeiert. Die gebürtige Steirerin sang  mit traurigem Blick über Tod im Kinderzimmer und andere düstere Dinge, die dann auch auf ihrem Debütalbum „Lovetune for Vacuum“ (2009) Einzug fanden. Mit diesem Werk  heimste sie internationale Lobeshymnen ein und begeisterte mit einem Pop-Entwurf, der ihr Vergleiche mit der Sängerin Nico einbrachte, die in den 60er- und 70er-Jahren mit The Velvet Underground an der Seite von Lou Reed und John Cale ihren Weltschmerz besang. 

Soap&Skins Debüt wurde 2009 auch mit dem österreichischen Musikpreis (Amadeus) bedacht und  ihr Song „Mr. Gaunt PT 1000“ untermalte  den Werbespot einer großen Automarke. 2012 folgte mit „Narrow“ das zweite Meisterwerk. Danach produzierte sie Musik fürs Theater und steuerte Musik zur Netflix-Serie „Dark“ bei. Mit dem Theater sei sie aber durch: „Das will ich nicht mehr machen.“  Neben diesen Auftragsarbeiten trat sie auch als  Schauspielerin in Erscheinung  (u.a in Ruth Beckermanns „Die Geträumten“).
Heute, Freitag, veröffentlicht Soap&Skin ihr neues und wunderschönes  Album: „From Gas To Solid / You Are My Friend“ überrascht mit  lichten wie schattigen Momenten. Melancholischer Optimismus mit  Stimme, Klavier, Bläser, Streichern und Knusperelektronik. Klangtupfer für seelische  Wunden – ein Gips für gebrochene Herzen.