Kultur
02.03.2018

Kino-Ausstellung: "Stufenplan der Ausschließung"

Brisante Ausstellung rund um den restaurierten Stummfilmklassiker "Die Stadt ohne Juden".

Was wäre die Stadt ohne ... Juden? Muslime? Flüchtlinge? Ausländer?

Dieser brennenden Frage geht eine brisante Ausstellung zum Republiksjubiläum im Metro Kinokulturhaus (bis 30. 12.) nach, die Donnerstagabend eröffnet wurde. Anlass dafür bietet die Restaurierung von Hans Karl Breslauers Stummfilmklassiker "Die Stadt ohne Juden" von 1924. Nachdem vor einigen Jahren auf einem Pariser Flohmarkt verschollene Teile des Films aufgefunden worden waren, sorgte das Filmarchiv Austria mithilfe einer Crowdfunding-Initiative für eine Filmrestaurierung. Am 21. März feiert "Die Stadt ohne Juden" seine Weltpremiere in seiner neuen, um fast dreißig Minuten verlängerten Fassung. Darüber hinaus wird der Film im Rahmen der klug konzipierten Ausstellung "Die Stadt ohne" präsentiert und auf seine Aussagekraft für unsere Politgegenwart überprüft.

Satire auf Judenhass

Der berühmte Wiener Publizist und Schriftsteller Hugo Bettauer hatte 1922 mit seiner Satire "Die Stadt ohne Juden" den grassierenden Antisemitismus aufs Korn genommen und damit einen Bestseller gelandet: Wien vergammelt ohne seine jüdische Bevölkerung zum kulturlosen Provinznest, und am Ende wird die Ausweisung der Juden rückgängig gemacht.

Als Breslauers "Die Stadt ohne Juden" – in dem übrigens Hans Moser einen seiner ersten Filmauftritte als delirierender Antisemit hinlegte – in den Kinos gezeigt wurde, sorgten die Nationalsozialisten für Störaktionen.

Kurze Zeit später wurde Bettauer von dem Zahntechniker und glühenden Nazi Otto Rothstock angeschossen und starb Tage später, begleitet von beispiellosen antisemitischen Hassattacken. (Rothstock, der nur sehr milde bestraft wurde, fand noch 1977 die Gelegenheit, sich in einem ORF-Interview reuelos mit seiner Tat zu brüsten und von der "Auslöschung" Bettauers zu sprechen.)

War es im Jahr 1924 möglich, den Film "Die Stadt ohne Juden" durch die Satire-Brille zu sehen, legt sich für die heutigen Betrachter natürlich der Filter des Holocaust dazwischen. Um diesen doppelten Blick – dem historischen und dem Post-Shoah-Blick – gerecht zu werden, bietet die Ausstellung "Die Stadt ohne ... Juden, Muslime, Flüchtlinge, Ausländer" eine zweifache Sichtweise: Sie rekonstruiert den Kontext des Films und bettet ihn gleichzeitig in unsere Gegenwart ein.

Von der Decke abgehängte Leinwände zeigen Szenenausschnitte aus "Die Stadt ohne Juden", in denen die Vertreibung der jüdischen Bevölkerung in mehreren Stufen vorbereitet wird. Die Sequenzen lassen sich sowohl historisch wie auch zeitgenössisch lesen: Ein hetzerischer Auftritt des antisemitischen Bürgermeistes im Film korrespondiert mit sehr heutigen Schlagzeilen der Boulevardpresse wie "Grenzen dicht für Muslime". Historische Plakate wie "Wenn Judenblut vom Messer spritzt" werden mit Auszügen aus dem antisemitischen Liederbuch der Burschenschaft Germania gekoppelt.

Diese "doppelte" Lesart legt Parallelen eines " Stufenplans der Ausschließung" nahe, die im Wien der 20er- und 30er-Jahre stattfanden – und in unserer Gegenwart in der Diffamierung von Flüchtlingen, Muslimen, und nicht zuletzt Juden ein unheimliches Polit-Echo finden.