© Pressefoto Rabenhof/Jan Frankl

Kultur
10/15/2020

Andreas Vitásek: "Die ganze Saison ist verhaut und nicht zu retten"

Der Kabarettist bringt „Der Herr Karl“ als Stand-up-Comedy auf die Bühne - und sagt: "Zur Not stehe ich allein auf der Bühne, und es wird gestreamt.“

von Werner Rosenberger

Der Herr Karl“. Jeder Kabarettist träumt davon und weiß, „dass das vom ersten Satz an zum Scheitern verurteilt ist. Aber man will es trotzdem machen. Sobald man den Text liest, hört man Qualtinger dazu. Andererseits ist ,Der Herr Karl‘ in Zeiten wie diesen aktueller denn je.“

Das sagte Andreas Vitásek im KURIER-Gespräch vor zwei Jahren. Jetzt will er es doch wissen. Und bringt die 1961 von Helmut Qualtinger und Carl Merz geschaffene Figur des rückgratlosen, bornierten Kleinbürgers und opportunistischen Mitläufers – gemütvoll bösartig und brutal – auf die Bühne im Rabenhof (Premiere: 20. Oktober).

Wobei es für den Kabarettisten, der parallel noch mit seinem Solo „Austrophobia“ auftritt und froh ist, in Corona-Zeiten kein neues Programm zu haben, ein „eigenartiges Gefühl ist, auf etwas hinzuarbeiten, und nicht weiß, ob es stattfinden kann und wird“.

Sein erster Auftritt nach sechs Monaten beim Kabarettfestival im Rathaus war „wie Radfahren: Man verlernt es nicht, aber man wackelt ein bisschen.“

Illusionen macht sich ohnedies niemand: „Die ganze Saison ist verhaut und nicht zu retten. Alles bis Ende Juni 2021 kann man vergessen, man fährt vielleicht ein Notprogramm mit dem Damoklesschwert, dass etwas jederzeit abgesagt werden kann oder wieder ein Lockdown kommt“, sagt Vitásek, lernt den Text. „Und zur Not stehe ich allein auf der Bühne, und es wird gestreamt, wenn ich Lust habe.“

So sind wir nicht?

Aber kennt nicht jeder Qualtinger als „Herr Karl“? „Ich habe das Gefühl, jeder glaubt, ihn zu kennen, hat ein Bild von ihm, kennt aber das Stück nicht genau“, sagt Vitásek und sieht es als bewährte Navigationshilfe bei der Suche nach der österreichischen Seele. Die Zeiten mögen sich ändern, doch manches bleibt.

„Ich hatte zuerst das Bild: Mitläufer, Nazi, Opportunist … Je mehr ich mich mit ihm beschäftige, umso besser verstehe ich ihn, was gefährlich ist. Aber genau diese Ambivalenz möchte ich herausbringen. Dass man nicht einfach urteilt: Ein Ungeheuer, ein Monster, das liebenswert daherkommt. Das ist, wie Hannah Arendt sagte, der Faschismus im Alltäglichen schon auch. Aber ich mache mir zur Aufgabe, den Herrn Karl zu verteidigen. Dass es an den Leuten liegt zu sagen: ,Das geht aber jetzt nicht.‘“

Den Text als Stand-up-Comedy straight zu bringen, da wäre die Modernität drin. „Natürlich auch die Verfremdung. Man braucht die Abstraktion. Deshalb hat wahrscheinlich auch das Puppenspiel vom Nikolaus Habjan so gut funktioniert – als andere Darstellungsform weg vom Qualtinger.“

Erzählt wird die Geschichte wie bekannt: 30er-Jahre, Krieg, Wiederaufbau, Frauengeschichten. Aber wie eine amerikanische Stand-up-Comedy. Weg vom Magazin im Keller, ohne die Passage mit der Chefin, was der Figur das Untertänige nimmt und mehr Souveränität gibt, aber sie etwas gefährlicher macht.

„Ich dachte immer, es geht um das Mitläufertum. Aber genau genommen ist die Hauptgeschichte sein Unglück mit den Frauen. Drei Beziehungen und alle gehen schief. Durch seine Schuld, was er aber nicht glaubt. Und am Ende bleibt er allein zurück. Und das ist auch eine Tragödie des alten weißen Mannes.“

Wie die zuletzt in Diskussion stehende Kunstfigur Lisa Eckhart mit Klischees spielt, findet Vitásek „interessant und spannend. Das ist ja genau das, was man vom Kabarett verlangt. Da muss mir ja keiner sagen, was ich denke. “

So sei auch bei „Der Herr Karl“ die Frage viel interessanter: Darf man den biedermännisch-jovialen Witwentröster, bauernschlauen Schmarotzer und genialen Durchlavierer „so spielen, dass man ihn vielleicht versteht? Das ist vielleicht die Provokation.“

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