Adolf Hitler als imaginärer Freund eines Zehnjährigen - gespielt von Taika Waititi in "JoJo Rabbit", der für sechs Oscars nominiert ist.

© Disney

Interview
02/09/2020

Taika Waititi: "Ich träumte davon, Maler zu werden"

Der Schauspieler und Regisseur des Oscar-nominierten Films "JoJo Rabbit" im Gespräch über Hitler, Berlin und Humor.

von Elisabeth Sereda

Er schreibt. Er spielt. Er führt Regie.

Taika Waititi ist eines der größten Talente der modernen Filmgeschichte. Er gilt als Fantast mit ungewöhnlichen Ideen, seine Werke sind außergewöhnlich und nur sehr schwer in ein Genre zu pressen. „JoJo Rabbit“, das inzwischen mit Preisen überhäuft wird und auch für sechs Oscars (darunter „Bester Film“) nominiert war, ist das beste Beispiel.

Der Vater des 44-jährigen Neuseeländers ist Maori, die Mutter hat russisch-jüdische Vorfahren. Nach seinem Schauspielstudium an der Universität von Wellington tourte er mit einer Comedy-Truppe durch das Land.

Waititis schräger Humor ist in seinen Werken evident.

KURIER: Hitler als der beste Fantasiefreund Ihrer Hauptfigur? Das war ja nicht in der Buchvorlage von „JoJo Rabbit“, oder?

Taika Waititi: Das Buch ist viel düsterer und trauriger als der Film. Hitler kommt im Roman nicht vor. Überhaupt fehlt der Humor. Ich habe von meiner Mutter von dem Buch gehört. Sie hat es 2010 gelesen und mir eine Kurzfassung erzählt. Sie sagte nur, da geht es um einen Buben, der in der Hitlerjugend ist und entdeckt, dass seine Mutter ein jüdisches Mädchen im Haus versteckt. Er kannte keine Juden und hatte keine Erfahrung mit Mädchen. Das war also komplett fremd für ihn, wie ein Alien. Und das fand ich interessant, weil er nun gezwungen war, diese fremde Gestalt kennenzulernen. Aber ich wollte meinen eigenen Humor hier einbringen. Unser Leben ist ein Mix aus Tragödie und Komödie. Und vielleicht auch Horror. Das ist für mich Menschsein.

Sind Sie darauf vorbereitet, dass nicht jeder Ihren Humor verstehen wird?

Irgendwann wird mich jeder verstehen, manche werden Jahre dafür brauchen. So ist das mit Witzen. Ich bin nicht dazu da, zu schockieren. Ich will nicht kontroversiell sein. Ich habe nichts dagegen, wenn das ein Nebenprodukt meiner Arbeit ist, aber ich plane es nicht. Meine Intention ist es, eine gute Geschichte zu erzählen, und dafür setze ich alle Elemente ein, die ich zur Verfügung habe. Ich mache keine Dramen. Komödien sind mir näher. Und ich halte Komödie für die beste Waffe gegen bigotte Ansichten, Diktatur und Rassismus.

Wie Charlie Chaplins „Der Diktator“?

Genau! „Der Diktator“ kam vor 80 Jahren heraus. Es gibt also eine lange Tradition, Tyrannen und Menschen, die Hass und Gewalt verbreiten, mit Komödie zu attackieren. Ich bin also in guter Gesellschaft. Und wenn mir jemand damit kommt, dass es zu früh ist, sich über Hitler lustig zu machen, sage ich nur: Es ist nicht früh genug.

Wie wichtig ist das Thema Geschichte in der Kunst?

Der Guardian hat kürzlich eine schreckliche Statistik veröffentlicht. 41 % der Amerikaner und 66 % der Millenials haben noch nie von Auschwitz gehört. Am Ende des Zweiten Weltkriegs hat es immer geheißen, wir dürfen nie vergessen, um uns nicht zu wiederholen. Und 2019 sollte ich nicht diesen Film machen müssen, um die Leute zu erinnern. Wenn mir jemand damit kommt, dass das ja lange vorbei ist, und heute ohnehin nicht mehr passieren könnte, dann sage ich nur, ja, das haben sie auch 1933 geglaubt. So eine Ansicht ist pure Arroganz und Dummheit. Wir haben die Lektion noch immer nicht gelernt.

Was ist der Hintergrund Ihres Humors?

Meine Familie, auf beiden Seiten, ist sehr witzig. Väterlicherseits stamme ich von Maoris ab, die von den Briten kolonialisiert wurden. Mütterlicherseits von russischen Juden, die vor dem Antisemitismus geflohen sind. Beide haben Stärke und Widerstand bewiesen, und daraus hat sich die Eigenschaft gebildet, über schreckliche Dinge lachen zu können. Das ist eine Überlebenskunst.

Und Sie selbst?

Ich habe drei Jahre in Deutschland gelebt, am Prenzlauer Berg in Berlin. Ich träumte davon, Maler zu werden. Die Deutschen haben einen herrlich schwarzen Humor. Er kommt aus der Kunst der Beobachtung. Und die habe ich in Berlin gelernt. Oft kommen mir Ideen, weil ich mich frage, warum hat der Typ so komische Hosen an? Mir ist auch an Hitler seine lächerliche Kleidung aufgefallen. Und der idiotische Schnurrbart.

Warum wollten Sie in Berlin leben?

Ich wollte weg von der Insel! Neuseeland mag eine große Insel sein, aber es ist trotzdem eine Insel. Und ich wollte auch kulturell etwas ganz anderes erleben. Wobei ich mir dann in Berlin eine Kommune ausgesucht habe, wo es kein Fließwasser gab, und wir in den Keller gehen mussten, um Kohlen zu holen. Aber ich habe es geliebt, weil es so anders war. Und die Nähe zu anderen Städten in Europa war auch sehr verlockend, weil ich diese tiefe Leidenschaft für Kunst habe. Ich habe als Maler begonnen. Filmemachen hat mich erst mit 29 interessiert. Ich wollte nie nach Paris, weil dort jeder hinging. Ich fuhr Interrail durch Europa und blieb in Berlin stecken, weil ich dachte, oh, diese Stadt ist so dreckig, das ist viel interessanter.

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Die meisten Millenials kennen Sie nicht als Regisseur, sondern als Schauspieler in „Avengers“ (als Korg). Was ist Ihnen lieber – schauspielen oder Regie führen?

Schauspielen ist leichter, keine Frage. Ich bin als Schauspieler nicht für den ganzen Film verantwortlich. Ich mag auch Actionfilme und TV-Serien. Deshalb bin ich jetzt auch in „The Mandalorian“. Und weil Jon Favreau hier das Sagen hat, und ich finde Jon super. Und er lässt mich manchmal Regie führen.

Was werden Sie als Nächstes tun? Wo liegt die nächste Herausforderung?

Ich arbeite an einem neuen „Thor“-Film, für den ich gerade am Drehbuch bastle. Und danach werde ich einen Film über Fußball mit Michael Fassbender auf den pazifischen Inseln machen. Ja, ich weiß, das ist keine typische Geschichte für mich. Aber ich will mich ja um Himmels Willen auch nicht wiederholen. Wiederholung macht faul. Ich habe immer die beste Arbeit gemacht, wenn ich dachte, jetzt ist meine Karriere vorbei. Wie David Bowie einmal sagte, als er über Kreativität interviewt wurde: Es ist, als ginge man ins Meer, das Wasser steigt einem bis zum Hals und man verliert den Boden unter den Füßen. Dann und nur dann kannst du die beste Kunst kreieren.

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