© Kurier/Gilbert Novy

Serie
01/27/2021

Jesuitenkirche Wien: Siegreich im Sinnesrausch

Serie "Kunst in der Kirche": Das barocke Meisterwerk zieht alle Register der Überwältigung – und erzählt zahllose Geschichten

Wie wird unsere Gesellschaft wohl ihrem Triumph Ausdruck verleihen, wenn die Pandemie einmal tatsächlich vorbei ist? Wird es eine „Corona-Säule“ geben wie die Pestsäule am Graben, die einst von Kaiser Leopold I. in Auftrag gegeben wurde?

Tatsache ist, dass das Zeitalter des Barock ein üppiges Vokabular entwickelte, um dem Sieg über Herausforderungen – Seuchen, Belagerungen und nicht zuletzt der Bedrohung des Katholizismus – Form zu verleihen. Die Jesuitenkirche ist jener Ort in Wien, an dem sich diese Siegesrhetorik in einmaliger Dichte und Komplexität erleben lässt: mit einer atemberaubend prunkvollen Architektur, meisterhafter Illusionsmalerei, herausragender kunsthandwerklicher Ausstattung und einem Bildprogramm, das auch Feinspitzen im kunsthistorischen Fachbereich der Ikonografie einiges zum Kiefeln aufgibt.

Ein Bau, zwei Kirchen

„Die erste Version der Kirche war allerdings viel schlichter“, weiß Orsolya Illés. Die Fremdenführerin ist normalerweise oft in jenem historischen Eck der Innenstadt unterwegs, das einst Zentrum der Bildung in der Kaiserstadt war. In dem neben der Kirche gelegenen Gebäude der heutigen Akademie der Wissenschaften fanden zudem viele Uraufführungen bedeutender Komponisten statt.

„Die Jesuiten waren stets für die Ausbildung zuständig“, erzählt Illés. „Als Kaiser Ferdinand I. 1550 die ersten von ihnen nach Wien holte, hat der Ordensgründer Ignatius von Loyola noch gelebt.“

Zuerst war die Kirche am Hof die Heimstatt der Brüder der „Gesellschaft Jesu“. Doch als sie die Lehrstühle der humanistischen, philosophischen und theologischen Disziplinen an der Wiener Universität übernahmen und ihr eigenes Kollegium an die Institution angliederten, erhielt der papsttreue Orden seinen definitiven Fußabdruck in Wien. Die „Universitätskirche“ entstand zwischen 1627 und 1631 als Teil eines Bildungscampus, wie man heute wohl sagen würde. Ihre volle Pracht erhielt sie erst später.

Protzen mit Pozzo

Leopold I. – derselbe, der nach der Pestepidemie 1679 auch die Dreifaltigkeitssäule am Graben gestiftet hat – holte dazu den Architekten, Maler und Jesuitenpater Andrea Pozzo nach Wien. Im Tonnengewölbe der Kirche realisierte dieser ein monumentales Bildprogramm, das den Sieg Gottes zum Inhalt hat. Herzstück ist eine Scheinkuppel, die sich von einem hellen Stein im Mittelgang der Kirche aus der exakt richtigen Perspektive erschließt.

 

Der Glaube sitzt da als allegorische Frauenfigur am Rand und blickt scheinbar in die Kuppel hinauf, in deren Laterne das Lamm Gottes hereinlugt. Evangelisten und Kirchenväter flankieren die Szenerie. In den Gewölbeabschnitten vor und hinter der Scheinkuppel sind Engelsturz und die Engelsglorie, die Verbannung des Bösen also, dargestellt; das Programm gipfelt in einer „Himmelfahrt Mariae“ über dem Hochaltar.

Es geht aufwärts

„Leopold I. wollte ein Signal setzen, dass es unter ihm einen Aufschwung, auch für die Bildung, gab“, erklärt Illés. Der Kaiser, der selbst von Jesuiten für den geistlichen Stand erzogen worden war, bevor er nach dem frühen Tod seines Bruders Ferdinand IV. die Krone übernahm, war ein Kunstfreund, komponierte selbst Musik, förderte das Theater und führte Schulreformen ein.

In der Universitätskirche zeigte sich der Bildungsanspruch auch insofern, als je eine Seitenkapelle der theologischen und philosophischen Fakultät geweiht wurden. Für die Entschlüsselung der Bildprogramme in den Kapellen – neben den Kirchenvätern sind u. a. die Legenden der Heiligen Leopold, Josef, Anna sowie des polnischen Jesuiten Stanislaus Kostka dargestellt – ist ein theologisches Wissensfundament unabdingbar. Dieses war an der Universität zu Wien gewiss vorhanden.

Laien bleibt das Staunen über die „Vermittlung des Glaubens durch Erfahrungen mit allen Sinnen“, die laut Website der Kirche auch noch heute deren Selbstverständnis kennzeichnet. Ob über die geschmückten Reliquien an den Seitenaltären oder die Finesse, mit denen die Holzintarsien auf den Bänken oder an der Kanzel ausgeführt ist: Die Kirche ist ein Schmuckkästchen und außerdem ein Kompendium der vielen Techniken, mit denen im Barock Prunk suggeriert wurde.

Denn was wie Gold glänzt, ist vergoldeter, polierter Stuck. Und an den teils geraden, teils geschraubten Säulen wurde nicht echter Marmor, sondern Stuckmarmor verwendet: Mit gefärbtem, immer wieder verdichtetem Gips ahmte man so verschiedenste Sorten Marmor nach – keine zwei Säulen in der Kirche sind gleich.

Das Entzücken über die barocke Pracht sollte über die Zeit hinweg allerdings erlahmen. Leopold I. starb kurz nach Fertigstellung der Kirche, seine Nachfolger hatten weniger enge Beziehungen zu den Jesuiten. Joseph II. schließlich hob den Orden auf, Kirche und Kollegium wanderten in die Obhut des Staates.

Erst 1852 stellte Kaiser Franz Joseph I. die „Gesellschaft Jesu“ für die ganze Monarchie wieder her. Unter ihm, erzählt Illés, kam es Ende des 19. Jahrhunderts auch zu einer umfassenden Restaurierung der Wiener Kirche. Unter anderem wurden zwei zusätzliche Türen links und rechts des Hauptportals eingebaut: Nach dem Ringtheaterbrand von 1881 wurden auch Sicherheitsfragen verstärkt mitbedacht.

Mit allen Sinnen

Spätere Vertreter des Jesuitenordens haben wiederholt die Verbindung zur zeitgenössischen Kunst gesucht. So dachte die Gruppe Steinbrener, Dempf & Huber 2015 die Illusionskunst in die Gegenwart weiter und ließ einen riesigen – in aus leichtem Kunststoff gefertigten – Felsbrocken scheinbar in der Kirche schweben

Im gegenüber der Kirche liegenden „Jesuitenfoyer“ werden stets auch die Arbeiten der Otto-Mauer-Preisträger und Preisträgerinnen (aktuell: Barbara Kapusta) ausgestellt. Der Wert sinnlicher Erfahrung will hochgehalten werden – ganz besonders dann, wenn man über die Schwierigkeiten, die heute unser Leben bestimmen, triumphieren will.

Orsolya Illés wuchs in Budapest auf und  schloss in Wien ein Studium klassischer Gitarre ab. Sie lebte danach  für drei Jahre in Portugal. Seit 18 Jahren ist sie  als Fremdenführerin  tätig und  unterrichtet parallel Gitarre. Denkmäler berühmter Musiker haben es Illés  angetan, ebenso die Epoche des Barock. Sie führt Interessierte auch zu Klöstern und Sehenswürdigkeiten in Niederösterreich.  Info & Kontakt: www.viennatours.pro

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