Kultur
04/17/2019

Interview mit Willem Dafoe: Raus aus der Wohlfühlzone

Der Extremschauspieler Willem Dafoe durchleidet die letzten Lebensjahre von Vincent van Gogh im Kino.

Wer könnte Vincent van Gogh besser spielen als Willem Dafoe? Allein die äußere Ähnlichkeit ist verblüffend: Als hätte sich in der Vorfahrenkette des US-Schauspielers irgendwo ein niederländischer Verwandter versteckt.

Willem Dafoe liebt extravagante Rollen, insofern lag es ihm nicht fern, sich als verkanntes und gequältes Malergenie ein Ohr abzuschneiden. Der amerikanische Star-Maler Julian Schnabel setzt mit „Vincent van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit“ (Kinostart: Freitag) dem psychisch gemarterten, von seiner Umwelt verkannten Künstler ein fiebriges Porträt.

KURIER: Herr Dafoe, wenn man Sie sieht und mit den Selbstbildnissen von Vincent van Gogh vergleicht, scheint die Ähnlichkeit beinahe unheimlich. Hat Ihnen nie jemand gesagt, dass Sie dazu geboren wurden, Vincent van Gogh zu spielen?

Willem Dafoe: Nein! (lacht). Aber es hat mich sehr gefreut, zumal Julian Schnabel Regie führte. Ich wusste, dass er ein besonderes Verhältnis zu van Gogh hat: Ein Maler, der einen Film über einen anderen Maler macht. Ich kenne Julian seit über 30 Jahren. Ich wusste, dass wir viel malen würden, und er mir das Malen beibringen würde. Ich liebe es, ihm dabei zuzusehen, wenn er arbeitet.

Wie viel Zeit haben Sie damit verbracht, malen zu lernen?

Ganz schön viel. Während der Dreharbeiten habe ich andauernd gemalt und auch schon in der Zeit davor. Wenn mich jetzt jemand fragt, ob das meine Hand ist, die man in den Malszenen sieht, bin ich fast beleidigt: Klar sind das meine Hände! Und ich bin es auch, der diese Schuhe gemalt hat! Ich war selbst überrascht, dass ich das zustande brachte, aber das Malen half mir, mich der Figur von Van Gogh anzunähern. Gleichzeitig wurden viele Maler engagiert, um all die Van-Gogh-Gemälde, die im Film vorkommen, abzumalen. Sie lieferten perfekte Reproduktionen. Doch Julian Schnabel warf einen Blick auf diese Bilder und meinte: „Sie sind tot.“ Und dann schaffte er es, sie mit nur wenigen Pinselstrichen zum Leben zu erwecken.

Vincent van Gogh starb im Alter von 37 Jahren. Sie selbst sind jetzt 63. War der Altersunterschied für Sie bei der Rollenvorbereitung ein Problem?

Wie? Wollen Sie damit sagen, ich sehe nicht viel jünger aus als ich bin? (lacht). Ehrlich gesagt, habe ich über das Alter nicht allzu viel nachgedacht. Allerdings war ich zugegebenermaßen überrascht, als mir klar wurde, dass Van Gogh bei seinem Tod erst 37 Jahre alt war. Ich habe dann recherchiert, wie hoch die Lebenserwartung in Südfrankreich zur Zeit von Van Gogh, also im ausgehenden 19. Jahrhundert war, und bin auf 40 gestoßen. Heute liegt sie bei 70. Insofern kann man behaupten, dass das heutige 70 das damalige 40 ist. Außerdem muss ich ehrlich zugeben, dass ich als jüngerer Mann nicht die Reife gehabt hätte, um seine inneren Kämpfe und seine Gemälde zu verstehen.

Van Gogh vergleicht sich in einer Szene einmal selbst mit Jesus, einer Rolle, die Sie ebenfalls erfolgreich gespielt haben (in „Die letzte Versuchung Christi“ von Martin Scorsese, Anm.). Haben Sie eine Affinität zu gemarterten Männern?

Aber nein, in beiden Fällen hat mich nicht das Leiden, sondern vielmehr die Freude interessiert. Van Gogh beispielsweise hat das dualistische Denken überwunden. Für ihn gehört das Leiden zur Freude dazu und hat einen eigenen Wert, ebenso die Krankheit. Dinge wie „gut“, „schlecht“ und „hart“ liegen für ihn ganz nahe beieinander. Es geht also nicht um Leiden und Qual, sondern um Sinneseindruck und Wahrnehmung: Das ist der befreiende, spirituelle Impuls. Und sowohl Jesus wie auch Vincent van Gogh hatten ihn (lacht).

Fällt es Ihnen leicht, diese intensiven Charaktere zu spielen?

Leicht würde ich nicht sagen. Aber Van Gogh beispielsweise interessierte sich für das Verhältnis der Schönheit zur Natur und zu Gott. Und das ist auch etwas, was mich interessiert. Ich glaube, in allem was wir Menschen tun, schwingt das Wissen mit, dass wir einmal sterben müssen. Insofern suchen wir in den alltäglichen Dingen ein Stück Ewigkeit. Wenn wir Kunst machen, flirten wir damit: Der Impuls, herauszufinden, woher wir kommen und wohin wir gehen ist derselbe Impuls, der uns antreibt, Kunst zu machen oder, in meinem Fall, als Schauspieler zu performen. Da geht es nicht um eine Story, die man erzählt, sondern eine Erfahrung, die man macht und mit anderen teilt. In diesen Momenten lieben wir unser Leben, anstatt nur nach Exit-Strategien zu suchen, um jenen Dingen zu entkommen, vor denen wir uns fürchten.

Inwieweit ist das Schauspiel erlernbar?

Puh, da ist jeder verschieden, und ich selbst weiß eigentlich nicht, was Schauspielen wirklich ist. Im Ernst. Performen ist in jeder Situation anders, und ich selbst arbeite gerne in höchst unterschiedlichen Situationen. Nehmen Sie beispielsweise den Film „The Florida Project“ von Sean Baker, in denen ich mit Laien zusammenspiele: Viele Leute meinten, das würde für mich eine Bürde sein, aber das Gegenteil war der Fall. Ich fand es unglaublich befreiend. Mein Ziel ist es immer, als Schauspieler unsichtbar zu bleiben – was natürlich karrieretechnisch im Filmgeschäft eine schwierige Sache ist. Da wird man leicht korrumpiert.

Inwiefern?

Insofern, als sich manche Schauspieler selbst als Marke, als „Brand“ verkaufen. Das heißt nicht, dass sie nicht tolle Filme machen können, aber mich persönlich interessiert das einfach nicht. Ich möchte flexibel bleiben. Was mich interessiert, ist zu verschwinden, mich in andere Menschen zu verwandeln, um mich selbst besser verstehen zu können.

Haben Sie deswegen einen Hang zu extremen Rollen?

Wahrscheinlich. Ich bin wahrscheinlich ein ekelhafter Typ. (lacht) Nein, keine Ahnung. Ich lass’ mich einfach gerne herausfordern und gehe an meine Grenzen. Natürlich interessiere ich mich auch für subtile Dinge, aber insgesamt liebe ich das Abenteuer. Dinge, die mich aus meiner Wohlfühlzone herausholen, ziehen mich an. Privat bin ich am liebsten faul und will von allen geliebt werden, aber nicht, wenn es um die Arbeit geht. Da will ich frei sein und die Dinge nicht erklären müssen, sondern erleben.