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Interview
10/24/2021

Intendant Nikolaus Bachler: „Die Krise war zu gering für wirkliche Veränderung“

Der neue Leiter der Osterfestspiele über den Kulturbetrieb nach Corona, Unschuldsvermutungen und den Zustand der ÖVP.

von Gert Korentschnig

Der ehemalige Burgtheaterchef, ehemalige Münchner Opernchef und nunmehrige Leiter der Salzburger Osterfestspiele spricht im KURIER-Interview über

  • den Publikumsschwund in der Kultur: "Ich glaube, dass es längere Zeit dauern wird, bis die Häuser wieder voll sind."
  • die österreichische Seele: "Die Österreicher sind ein sehr begabtes Volk. Aber auch begabt zur Infamie."
  • das richtige Schiller-Zitat für die ÖVP: Nicht "Schnellfertig ist die Jugend mit dem Wort", sondern "So hoch er stand, so tief und schmählich sei sein Sturz"
  • und die viel beschworene Unschuldsvermutung: "Jemand, der von einem anderen Kontinent hierher kommt und das dauernd hört, muss sich doch denken: Das ist ein Staat von lauter Verbrechern."

Das ganze Interview:

In fünf Tagen beginnen die Salzburger Osterfestspiele – erstmals im Herbst. Neuer Chef (gemeinsam mit Christian Thielemann) ist Nikolaus Bachler, ab 2022 übernimmt er auch die künstlerische Gesamtverantwortung. In die aktuelle Tagespolitik will er sich nicht einmischen. Aber zur politischen Großwetterlage hat er eine explizite Meinung. Und von falschen Schiller-Zitaten hält er nichts.

KURIER: Sie haben die Wiener Festwochen geleitet, die Volksoper, das Burgtheater und die Bayerische Staatsoper. Was interessiert Sie nun an den Salzburger Osterfestspielen? Nikolaus Bachler: Ja, ich habe mein halbes Leben Riesentanker navigiert, jeden Abend eine große Besetzung, alle fünf Wochen eine Premiere. Im Vergleich dazu bin ich jetzt auf einem Segelschiff, das ganz leicht und wendig ist. Der Inhalt bleibt natürlich gleich: Man will mit den wesentlichsten und interessantesten Leuten zusammenarbeiten.

Was ist konkret das Schöne an einem Festival wie den Osterfestspielen?

Erstens die Konzentration auf eine sehr intensive, kurze Zeit. Zweitens die Möglichkeit, dass man so ein Festival immer wieder neu erfinden kann, es hat nicht die Starre einer Rieseninstitution. Wir haben die neuen Osterfestspiele auch extra so konzipiert, dass mit den jährlich wechselnden Orchestern jedes Jahr Neues garantiert ist. Außerdem ist es gewissermaßen das erste Festival im Jahr, ein Aufbruch im Frühling.

In diesem Jahr gibt es ein relativ kleines Programm, nur Konzerte und noch dazu im Herbst. Warum?

Als die Osterfestspiele zum zweiten Mal wegen Corona ausfallen mussten, haben wir beschlossen: Wir überspringen den Sommer und nehmen den nächsten Punkt im Kirchenjahr, nämlich Allerheiligen. Aber wir wollen die Leute schon auch daran erinnern, dass die Osterfestspiele 2022 in ihrer ganzen Fülle wiederkommen.

2022 wird das letzte Jahr mit der Sächsischen Staatskapelle Dresden und mit Christian Thielemann. Auf dem Programm steht „Lohengrin“. Nach Ihrer Designierung schien es darüber Konflikte zu geben.

Mir war immer klar: Sobald wir zu arbeiten beginnen, wird das wunderbar funktionieren. Es ist auch nicht gesagt, dass Christian Thielemann nicht wieder kommen wird. Die neue Struktur, die jedes Jahr ein anderes künstlerisches Zentrum vorsieht, kann natürlich auch wieder einmal Thielemann beinhalten. Trotzdem glaube ich, dass eine Veränderung nötig ist. Die Osterfestspiele haben ja kaum Subventionen. Karajan hatte in etwa 4000 Fans. Daher wurde alles zweimal gespielt, und die Aufführungen waren voll mit diesen Fans. Das hat über die Jahre abgenommen. Das alte Muster muss also neu gedacht werden.

Welches Orchester spielt ab 2023?

Ich werde zu Jahresbeginn sagen, was wir 2023 vorhaben. Der „Lohengrin“ 2022 mit dem Regieteam Wieler/Viebrock/Morabito wird jedenfalls eine Kooperation mit der Wiener Staatsoper sein und nicht mit Dresden.

Die Osterfestspiele sind ein Festival mit traditionell älterem Publikum. Wie schwierig ist es nach Corona, Menschen zurück ins Konzert oder in die Oper zu bringen?

Ich habe immer gesagt: Die Schwierigkeiten kommen, wenn es wieder losgeht. Wenn man zwei Jahre lang Kunst und Kultur nicht in seinem Lebensalltag hat, tritt ein gewisser Effekt der Entwöhnung ein.

Ist neben der Entwöhnung auch die Angst dafür verantwortlich? Oder das Streaming? Oder doch eine Fantasielosigkeit der Bühnen?

Das große Problem in den Köpfen vieler Menschen sind wohl die Menschenansammlungen, ob im Fußball oder in der Kunst. Ich glaube nicht, dass es Einfallslosigkeit ist. Und das Filmen von Produktionen war schon vor Corona ein Kompromiss. Livestreaming ist aus meiner Sicht in Ordnung, das macht für einen Tag das Fenster auf. Wenn man es gratis macht, ist es ein Werbetool. Wenn man aber Geld dafür verlangt, teilt man dem Publikum mit: Ich präsentiere euch eine Vorstellung. Und das ist es nicht. Ich glaube jedenfalls, dass es längere Zeit dauern wird, bis die Häuser wieder voll sind.

Fehlen nicht in manchen Institutionen die Konsequenzen aus der Krise? Die meisten scheinen so rasch wie möglich zum Zustand davor zurück zu wollen. Ohne zu hinterfragen, ob reisende Produktionen, reisende Künstler, überall auf der Welt mehr oder weniger Dasselbe, noch zeitgemäß sind?

Die Krise war zu gering für eine wirklich massive Veränderung. Das ist zwar eine kühne These, aber es hat die ganze Zeit der Satz gegolten: Wann ist es wieder so wie davor? Mich hat immer das Wort „wieder“ gestört. Die Notwendigkeit, Dinge wirklich zu verändern, wie das zum Beispiel nach dem Zweiten Weltkrieg der Fall war, gab es nicht. Ob es noch dazu kommt, werden wir sehen. Bisher hat die Politik alles mit Geld gelöst, „koste es, was es wolle“. Es gab kaum jemanden, der sich getraut hat zu sagen: Jetzt überlegt euch doch etwas Anderes.

Aber das ist doch auch bei anderen Themen so, siehe Politik, siehe Kapitalismus. Zu Beginn der Krise gab es eine Art von Solidarität, jetzt sind die Menschen egozentrischer denn je zuvor.

Völlig richtig, Sie sehen das bei der Klimakrise. Bewusstere Menschen wissen, dass das so nicht weitergehen kann. Aber niemand traut sich zu sagen, dass es nur mit großen Einschränkungen geht. Ich trenne meinen Müll, kann aber sonst weiterleben wie immer – das wird nicht funktionieren. Wir können nicht einfach auf der kapitalistischen Wohlfühlmatratze liegen bleiben.

Haben Sie nicht auch das Gefühl, dass die Rolle der Kunst, abgesehen von Formaten wie Streaming oder Film, generell gelitten hat?

Das ist die Frage, von welchem Standpunkt aus man es betrachtet. Die Bedeutung der Kunst wird immer entweder überschätzt oder unterschätzt. Ich wurde einmal sehr angegriffen für den Satz: „Kunst ist keine Bürgerinitiative.“ Aber ich glaube an eine andere Wirkung der Kunst. Ich halte nichts davon, wenn sich Kunst ins Tagesgeschäft einmischt. Die Kunst war immer viel kühner in ihren Entwürfen, in ihren Utopien. Insofern glaube ich, dass die Wirkung von Kunst weiterhin groß bleiben wird.

Dennoch zur aktuellen Politik: Sie waren von München aus immer ein präziser Beobachter der Entwicklung in Österreich. Jetzt sind Sie zurück und machen sich wieder in Wien ansässig. Kaum sind Sie da, gibt es einen anderen Bundeskanzler. Wie hat Sie das willkommen geheißen?

Sehr zwiespältig. Einerseits bin ich Österreicher und kenne mein Land. Mich überrascht also die Haltung der Leute nicht, die sagen: Das war immer so. Ich stelle nur massiv fest, welchen Unterschied es im Umgang mit solchen Themen zwischen Deutschland und Österreich gibt. Ohne mich im Detail einmischen zu wollen, fällt mir ein Adorno-Satz ein: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“. Und wenn die Wahrheit ans Tageslicht kommt, wie erschreckend sie auch ist, ist das immer eine kathartische Situation. Positiv betrachtet könnte man sagen: Die Dinge bleiben dann nicht so, egal, wie sehr sich manche Leute auch wehren. Das finde ich gesellschaftlich gesehen zunächst einmal positiv. Erinnern wir uns an den Weinskandal: Das war das Beste, was dem österreichischen Wein passieren konnte, weil danach haben wir eine Weinwirtschaft von Weltrang bekommen. Die Probleme waren damals so groß, dass man sie nicht mehr einfach zuschütten konnte.

Aber gibt es dieses Bewusstsein jetzt?

Noch wird versucht, die Dinge zuzudecken. Auffällig war, als Andreas Khol Schiller zitiert hat, um die Situation zu entschuldigen: „Schnellfertig ist die Jugend mit dem Wort.“ Das ist ein völliges Missverständnis, weil Schiller meinte die idealistisch-revolutionären Menschen und nicht die Mathematiker von Macht, Ehrgeiz und Karriere. Ich hätte ein anderes Schiller-Zitat für die ÖVP, das stammt aus „Maria Stuart“ und heißt: „So hoch er stand, so tief und schmählich sei sein Sturz. Er sei ein Denkmal meiner Strenge, wie er ein Beispiel meiner Schwäche war.“ Damit ist die Situation viel genauer beschrieben. Die haben diese Leute da hinauf gehoben, aus Schwäche und im Glauben, dass die jetzt die Erlöser sind. Man hat jüngere Menschen gewähren lassen, die vielleicht nicht das moralische Kostüm hatten. Und die dann dachten: Jetzt können wir tun, was wir wollen.

Und was können Sie dem Positives abgewinnen?

Man sieht Eines doch sehr genau: Wie sehr Demokratie und Gewaltenteilung noch funktionieren. Autokratie kommt ja langsam, in kleinen Dosen. Auch wo die Medien Mittäter sind, wird es jetzt sichtbar. Der Satz, der stereotyp immer wieder verwendet wurde, war zuletzt: „Es gilt die Unschuldsvermutung“. Jemand, der von einem anderen Kontinent hierher kommt und das dauernd hört, muss sich doch denken: Das ist ein Staat von lauter Verbrechern. Das eine ist der juristische Vorgang, da muss man natürlich warten, bis es ein Urteil gibt. Aber das andere sind die Fakten, die auf dem Tisch liegen. Und ich kann doch nicht jedes Faktum erdrücken mit dem Argument: Es gilt die Unschuldsvermutung. Wenn ich vor einer eingeschlagenen Scheibe eines Juwelierladens stehe und sehe, da hat jemand die Juwelen in der Hand, ist nicht das Thema: Da gilt die Unschuldsvermutung. Da kann ich schon sagen: Aha, das stiehlt offenbar jemand.

Als Kenner der österreichischen Seele: Kann Kurz noch einmal zurückkommen?

Als Kenner der österreichischen Seele würde ich sagen: Das kann man nicht sagen. Wären Sie jetzt ein Journalist der Süddeutschen, und wir würden über dieselbe Situation reden, würde ich sagen: Nein.

Wo sieht man das Gefälle zu Deutschland am eklatantesten?

Die Deutschen sind kaum fähig zu Verdrängung. Sie sind viel klarere Analytiker ihrer selbst. Und ziehen auch schärfere Konsequenzen. In Österreich schafft diese Verdrängung große Identitätsprobleme. Das Schiller-Zitat von Khol sagt ja auch: Alles nicht so schlimm, sind ja nur dumme Buben. Oder dann sagt irgendein Tiroler Abgeordneter in die Kamera: Wie kommt das überhaupt in die Öffentlichkeit? Das sind lauter Dinge, die schaffen die Deutschen nicht. Auch dieser dumme, unmögliche Satz „Jedes Schriftl ist ein Giftl“ – das kann es nur in Österreich geben. Aber dieses Land hat auch viele tolle Seiten. Ich habe immer gesagt: Die Österreicher sind ein sehr begabtes Volk. Aber auch begabt zur Infamie.

Sie sind auch begabt zu Kompromisslösungen: Ist dieser Rückzug ein wirklicher?

Schon die Tatsache, dass man sagt: Man tritt beiseite. Was soll das heißen? Rücktritt wäre klar. Aber jemand tritt beiseite? Was macht er dann morgen? Da sind wir wieder beim Thema Verdrängung, dass man sagt: Das wird schon wieder irgendwie.

Wie lautet Ihre Prognose für die künftige deutsche Regierung?

Das wird eine Ampel. Und das ist gut für die bürgerliche Partei, sich in der Opposition zu sammeln und zu finden. Da stand diese Jeanne d’Arc, Frau Merkel, über zwei Jahrzehnte an der Spitze, und jetzt ist die Luft draußen. Es gibt keinen wirklichen Nachfolger.

Wie haben Sie zuletzt die Rolle von Markus Söder empfunden?

Beobachten Sie einmal, wie selbst die Bayern gerade mit Söder umgehen. Man hat dieser One-Man-Show zugeschaut. Aber jetzt geht man sehr kritisch mit ihm um. Das ist schon wieder sehr deutsch. Man weiß nicht, ob er anstelle von Laschet wirklich Erfolg gehabt hätte. Kein bayerischer Kandidat hat je die Wahl gewonnen.

Und wie sehen Sie generell die Relevanz der Stadt Salzburg, wo Sie nun arbeiten?

Das war die große, ewig ins Geschichtsbuch eingetragene Leistung der Gründer der Salzburger Festspiele: die Stadt so mit Musik und Theater zu verbinden. Im übrigen Jahr ist Salzburg wie Graz, wie Innsbruck eine Hauptstadt eines Bundeslandes, übrigens auch gar nicht so viel anders als Mainz.

Warum Mainz? Sind die Festspiele eine Art von Österreichs Karneval?

Nein, nur weil Mainz eine Stadt ähnlicher Größe ist. Ich finde, dass die Salzburger Festspiele sich sehr gut entwickelt haben. Sie sind nicht stehen geblieben, sie leben nicht nur von Namen, sie sind nicht Verona.

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