© Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Kritik
12/15/2020

Henze-Streampremiere an der Staatsoper: Das verratene Mehr

Ohne Publikum und mit einigen Fragezeichen: Die Premierenproduktion "Das verratene Meer" wurde aus der Staatsoper gestreamt.

von Georg Leyrer

Wenn die Opernbühne etwas hervorragend kann, dann ist das, vor Emotion überzuquellen: Abend für Abend werden hier, angetrieben von einer menschlich-technischen Wundermaschine, Lieben enttäuscht, Menschen betrogen, Tode durchlebt.

Die letzten Tage gab es hier aber eine ganz neue Emotion zu betrachten, und ach, man hätte gut ohne sie auskommen können.  Am Schluss einer Premiere gibt es dieses unverwechselbare Gefühl: Dass man etwas erlebt hat, dass man gespannt ist auf die Reaktion der anderen Menschen, dass Applaus und Buhs auf die Bühne zurückspielen, was zuvor von dort angeboten worden war.  Diesfalls aber: Verbeugen in eisernes Schweigen aus einem leeren Raum. Wie absolut erstaunlich traurig.

Die Staatsoper trotzt – dankenswerter Weise – dem Geschlossensein. Und holte in den vergangenen Tagen sogar die A-Plus-Sängerriege auf die Bühne, um in TV, Radio und Stream  präsent zu sein. Am Montagabend legte man noch eins drauf – und spielte eine Premiere, Hans Werner Henzes „Das verratene Meer“.

Das hätte – nach einigen Übernahmen – die erste genuine Eigenproduktion unter dem neuen Chef Bogdan Rošcic sein sollen, wurde nun gestreamt und stand am Dienstagabend im Radio auf dem Programm. Bei der Aufzeichnung waren wieder einige Journalisten dabei.

"Das verratene Meer" wird am heutigen Dienstag (15. Dezember 2020) ab 19.30 Uhr in Radio Ö1 ausgestrahlt

Der Stream wird am Montag, 21. Dezember 2020 erneut auf play.wiener-staatsoper.at gesendet (weltweit und kostenlos).

 

Und so froh und dankbar man auch sein durfte, dabei zu sein, so wichtig es auch ist, dass sich die Kultur vom Virus nicht einfach aus dem Weg räumen lässt: Welch’ bitteres Schauspiel, die Königin der Künste derart bergauf kämpfen zu sehen. 

Und ja, man darf sich auch sorgen um derart wahnwitzige Irrsinnsunternehmungen, also um die Oper:  Wie fabelhaft grenzwertig ist es schon in normalen Zeiten, wie wunderbar verrückt und wichtig, ein halbwegs neues Werk auf die Bühne zu stellen. Es einem Regisseur – diesfalls sogar zweien, Jossi Wieler und dem neuen Hausdramaturgen Sergio Morabito – in die Hand zu geben. Und zu riskieren, dass diesem statt Erhellendem über unser Sein im Heute auch einfach mal gar nichts Außergewöhnliches dazu einfällt?

Wie eben hier.

Welch’ bittere Zeit auch, in der man davor zurückschreckt, der Königin der Künste ein halblautes Nein entgegenzuschreiben, aus Sorge, den ohnehin aus dem Gleichgewicht geratenen Tanker genau dort zu treffen, wo es ihn – „My heart will go on“ – wie die Titanic umhaut. Muss man Waffenstillstand ausrufen in der gerne so heftig geführten Auseinandersetzung, ob der Mammutkulturapparat gerade dem Anspruch, vom Menschen auf ansonsten unerreichbare Weise zu erzählen, halbwegs gerecht wird?

Aber, nunja: Diesfalls nicht so recht. Auf der Bühne ein Brutalismus-Klotz. Nichts gegen Beton (Bühne: Anna Viebrock)! Aber das Einheitsgrau färbt  wie eine Aschenschicht gar viel auf den Rest ab.

Immer wieder öffnet der Kubus seine Garagentor-Klappe. In diese werden allerlei Gegenstände – ein Bett, eine Kleidergeschäftsausstattung – hineingeführt und dann wieder herausgeführt, und dann wieder hinein und wieder heraus. Und wer nicht anders kann, darf hier beruhigt allerlei Freud-iges herauslesen.

Denn bei „Das verratene Meer“ geht es um jene inneren Extremzonen, die mancher auch ganz ohne Corona so in sich rumträgt.  Henzes selten gespieltes Werk basiert auf einem Roman von Yukio Mishima, der sich mit Extremismus auskannte – zuletzt zum radikalen Nationalisten gewandelt, verübte der Autor rituellen Selbstmord.

Im Roman wie in der Oper lebt Noboru, 13, mit seiner Mutter Fusako – und Ödipus wäre zufrieden mit ihm. Denn wenn Fusako, die nach dem Tod ihres Mannes mit unerfülltem Verlangen nach Begehrtwerden hadert, mit ihrem neuen Liebhaber Ryuji zu Bett geht, schaut Noboru voll Lust zu. Untiefen im Meer des Menschen gibt es genug.

Man muss nicht bei den antiken Tragödien nachschlagen, um zu wissen: Das kann nicht gut gehen. Ryuji, einst heroischer Offizier auf hoher See, wird zum biederen Familienvater; und Noboru ist essenziell enttäuscht von diesem Verrat am Meer (man lese: am Heroischen, am Trotzenden). Es folgt eine  schaumgebremste Radikalisierung (Noborus Jugendgang schreibt, huch, mit Kreide Graffititags an die Betonwände!) – und ein zynischer Entmannungsmord im Wissen, dafür nicht geradestehen zu müssen.

Simone Young am Pult warnt zuvor, dass sie Henzes große Musik für die Aufnahme voll wirken lassen würde, auch wenn die Sänger im Saal dann weniger gut zu hören sind. Und für diesen emotionalen Musikdruck war man dankbar: Immer wieder fuhr der Orchesterapparat auf volle Leistung hoch. Henze pflanzt Unruhe in die Maschine, schöpft Wirkung (keine Selbstverständlichkeit!) aus dem Kontrast zu kammermusikalischen Spannungszonen. Und die 1990 uraufgeführte Oper ist 2020 eine willkommene Vorlage fürs Selberfühlen in einer Zeit, in der die Emotionen allzu oft fremdbestimmt werden.

Vera-Lotte Boecker, die schon 2018 in Salzburg bei Henzes „Bassariden“ zu hören war, glänzte als Fusako; sie muss am Schluss das traumatische Bubengericht über ihre Liebe als Zuhörerin ertragen. Bo Skovhus berührt als gutmütiger  Seemann, der auf das Meer fährt, weil er das Land so hasst.  
Josh Lovell singt und spielt den verlorenen Sohn ausdrucksstark und mit dem sarkastischsten Abschiedswinken, das man je auf einer Opernbühne gesehen hat.

Sonst blieb, wie schade, ein wattiger Nachgeschmack. Es geht hier doch um die ärgsten Dinge! Die blieben aber lost in translation, in einer Aufführung, die allzu sehr nach Standard-Neuer-Musik-Regie aussah. Man wird sehen müssen, ob  sich das bei der TV-Sendung (ein Termin für ORF III soll folgen) oder vor Publikum anders darstellt. „Das verratene Meer“ soll am 19., 23. und 27. September 2021 vor Publikum gespielt werden.

Und das jedenfalls ist eine Aussicht auf bessere Zeiten, auf Zeiten, in denen das menschliche Mehr nicht mehr verraten werden muss, das Mehr des gemeinsamen Nachdenkens und Nachfühlens darüber, was wir sind und wer wir sind. Am Schluss, nach dem Verbeugen in die Stille hinein, spendeten einander die Beteiligten auf der Bühne Applaus. Ein schönes Bild. Es möge alsbald in der Vergangenheit wegtauchen.

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