© Alexandra Eizinger

Kultur
04/14/2021

Hans Platzgumer: "Auch Tiroler Flaggen haben wir verbrannt"

Hans Platzgumer, Musiker, Autor und kritischer Geist, über seinen neuen Roman "Bogners Abgang", Altpunks, die Klimakatastrophe, Macht und Moral.

von Marco Weise

Der Musiker und Schriftsteller Hans Platzgumer (52) ist ein genauer und kritischer Beobachter der Gesellschaft. Schon als Jugendlicher hat er gegen Großkonzerne, Kapitalismus, Kommerz und das Establishment rebelliert. An seiner Verweigerungshaltung, seinem Idealismus hat sich über die Jahre nichts geändert. Nur die Mittel zum Zweck sind andere geworden: Anfangs waren es vor allem punkige Aktionen, dann konzentrierte sich der gebürtige Tiroler auf die Musik, wurde in den USA zum Rockstar und verhalf danach u. a. der Band Tocotronic zu ihrem Meisterwerk „Es ist egal, aber“.

Seit Jahren setzt Platzgumer als Schriftsteller auch mit Worten Taten. Er weiß, dass er damit die Welt zwar nicht ändern kann, „aber man darf nie aufhören, seinen Teil beizutragen“, sagt er dem KURIER.

KURIER: Einmal Punk, immer Punk. Kann man das so sagen?

Hans Platzgumer: Das klingt schrecklich und sollte so nicht gesagt werden. Die hängen gebliebenen Altpunks sind abschreckende Beispiele für jeglichen Aktivismus. Lustig aber, dass dieses Wort Punk in letzter Zeit wieder auftaucht. Im Stern wurde ich kürzlich gar als „Edelpunk“ bezeichnet. Niemand weiß, was Punk sein soll, was soll dann Edelpunk sein? Damals in den 80ern galt für mich: Ich weiß nicht, was ich will, aber ich weiß, was ich nicht will. Ich wollte Konventionen brechen. Das finde ich nach wie vor einen guten Ansatz. Doch heute, 52-jährig, mit Halbglatze, Nickelbrille, Levis 501, Clarks und Anorak, würde mich wohl kaum jemand als Punk einstufen, der mich sieht.

Wogegen haben Sie früher protestiert, wogegen heute? Wie haben sich da im Laufe der Jahre die Prioritäten verschoben?

Früher rebellierten wir gegen alles, was uns aufgezwungen wurde. Wir wollten nicht von der Staatsgewalt kontrolliert und unterdrückt werden. Wir lehnten uns gegen Ungerechtigkeit und Diskriminierung auf. Es war eine Verweigerungshaltung, eine Jugendbewegung, ein Generationenkonflikt. Die Themen sind im Grunde bis heute dieselben geblieben, aber nicht erst seit Corona muss man es differenzierter betrachten. Der Konfliktstoff ist viel komplexer geworden: Die Gesellschaft ist in gewisser Weise liberaler, in mancher Beziehung konservativer.

Sie haben in den Achtzigern auch performative Taten gesetzt. Zum Beispiel sich vor einem Fast-Food-Restaurant den Finger in den Hals gesteckt und vor den Gästen erbrochen. War das im doppelten Sinn befreiend?

Solche Aktionen macht man, wenn man jung ist und die Schnauze voll hat. Wir unternahmen auch andere Flashmobs, überfielen etwa mit Baum-Attrappen aus Papier eine Straßenbahn oder organisierten öffentliche CD-Verbrennungen. Auch Bibeln und Tiroler Flaggen haben wir verbrannt. Das alles gehörte zum Rebellentum dazu, und es machte verdammt viel Spaß.

Wollen Sie auch heute noch die Welt verändern? Wenn ja, wie soll Ihnen das gelingen?

Es wird mir nicht gelingen, die Welt zu verändern. Nicht einmal Greta Thunberg wird das gelingen. Aber man darf nie aufhören, seinen Teil beizutragen. Man kann Einfluss auf Dinge in der direkten Umgebung nehmen, kann Mitmenschen mit Texten, Taten oder Visionen beeinflussen, kann Jüngere inspirieren und Ältere reanimieren. Ich sehe es als unsere Pflicht an, Leute zum Nachdenken über die Gegebenheiten zu bringen. Ständig schleicht sich irgendwo ein Trott, eine Schieflage oder Lethargie ein. Alles muss man ständig hinterfragen und so wach wie möglich bleiben.

Sie haben den Lockdown anfangs durchaus positiv gesehen, die Entschleunigung genossen. Wie sehen Sie das heute, nach einem gefühlten Jahr im Lockdown?

Die Dauerentschleunigung ist mir fast schon zuviel, aber ich denke nach wie vor, dass diese Disruption etwas Gutes mit sich bringen kann. Viel geht in die Brüche, das ist schmerzhaft, mal trifft es die einen, mal die anderen mehr. Endlich aber gibt es den längst überfälligen tiefen Einschnitt in unser aller Lebensgewohnheiten. Unsere Lebensweise machte seit Langem uns und unsere Welt kaputt. Alle wussten es, aber erst Corona zeigte uns, dass wir auch fähig sind, etwas dagegen zu unternehmen. Ich hoffe, die Menschheit nützt diese vielleicht einmalige Chance.

Sind Sie optimistisch, dass wir uns und unseren Lebensstil hinterfragen werden?

Vielleicht dauert der Prozess einfach viel länger als ursprünglich gedacht? Ich bin selbst ein ungeduldiger Kerl, aber vielerorts kann ich erkennen, dass ein Umdenken einsetzt. Corona gibt uns einen neuen Schub. Wir lernen, mit Verzicht umzugehen. Wir sehen, was durch persönlichen Verzicht erreicht werden kann. Hochkomplexe Entwicklungen können abgeändert werden, wenn wir alle etwas beitragen. Diese Lektion könnte uns in Sachen Klimakatastrophe sehr nützlich sein.

Apropos Lebensstil hinterfragen: Einmal Tiroler, immer Tiroler. Sagt man. "Die Tiroler sind ein besonderer Fall", sagen Sie als Tiroler. Erklären Sie bitte einen Nicht-Tiroler „die Tiroler“, die zurzeit ja in einer Art Image-Krise stecken...

Fast alle klassischen Tiroler Landsleute, die ich kenne, ich selbst eingeschlossen, zeichnen sich durch Unbelehrbarkeit und einen gewissen Starrsinn aus. Das gehört einfach dazu, wenn man dort zwischen den Bergen aufwächst, und es führt immer wieder zu abenteuerlichen Aktionen – wie in „Bogners Abgang“. In „Am Rand“ schrieb ich: Ein Südtiroler kann nicht auf einen Berg steigen, ohne den Gipfel zu erklimmen. Wohl gilt dies auch für Nordtiroler. Mein Vater fand es sogar charakterschwach, wenn ein Tiroler seinen Dialekt versteckte. Insofern ist Platter ein Paradetiroler und wohl deshalb auch als Landeshauptmann auserkoren worden.

In ihrem neuen Roman „Bogners Abgang“ geht es um Schuld, um die Wahrheit und darum, diese auch zu sagen. Wie sind Sie auf dieses Thema gekommen?

Genauer gesagt ging es mir um die Frage, inwieweit wir bereit sind, Verantwortung für unsere Taten zu übernehmen. Inwieweit erkennen wir unsere persönliche Schuld bzw. Mitschuld an etwas an? Wie ehrlich sind wir in Notsituationen mit uns selbst und mit anderen? Und was entsteht aus diesem Dilemma?

Entscheidungen treffen, Handlungen setzen und dann auch dazu stehen, scheint vielen heutzutage schwerer zu fallen. Oder täuscht das?  

Verlogenheit, Dummheit, Feigheit gab es schon immer. Doch durch die komplexe Vernetzung und die durch die Digitalisierung viel weiter fortgeschrittene Ausleuchtung unserer persönlichen Daten, ebenso durch die vielen Fallen, die uns in sozialen Medien auflauern, kommt mehr an die Öffentlichkeit als früher.

Die Lüge, die Flucht vor der Wahrheit ist scheinbar einfacher. Aber man kann ja nur verdrängen, vergessen ist schwer - auch wenn man dafür nie belangt werden sollte. Was macht diese Last der Schuld mit Menschen?

Sie staut sich auf und entlädt sich irgendwann. Früher oder später fällt alles auf einen zurück. Niemand entkommt. Mit diesen Gedanken tröste ich mich zumindest über die Ungerechtigkeit der Welt hinweg.

Das Feld der Lügen und Ausreden ist scheinbar grenzenlos. Keiner will mehr Verantwortung für seine Handlungen übernehmen. Was hat uns bloß so ruiniert?

Jetzt habe ich den ganzen Tag lang wieder diesen Song meines Freundes Frank Spilker im Kopf. Was hat uns bloß so ruiniert? Die Antwort ist einfach: Ein System, das auf Konkurrenzkampf und Leistungsdruck beruht, unterteilt die Welt in Gewinner und Verlierer. Niemand will zugeben, zu Zweiterem zu gehören.

In der heimischen Politik werden SMS abgestritten, Beziehungen geleugnet und Fehler schön geredet. Keiner wird mehr für irgendwas belangt, tritt zurück, oder gesteht Fehler ein. Wie lautet ihr Urteil, ihre Einschätzung?

Es scheint ausschließlich darum zu gehen, Machtpositionen zu erkämpfen oder zu verteidigen. Eigentlich wäre der Auftrag der Politik das Gegenteil davon: sich um das Wohlergehen aller zu kümmern. Ich muss in diesem Zusammenhang oft an die vier Worte denken, die unser Bundespräsident nach dem Ibiza-Skandal sagte: „So sind wir nicht.“ Sofern er das ernst gemeint hat, wird er täglich Lügen gestraft.

Ist es tatsächlich leichter, mit einer Lüge zu leben, als sich mit der Wahrheit auseinanderzusetzen?

Ich glaube nicht. Jeder Psychotherapeut wird mir zustimmen. Deshalb habe ich ja weite Teile des Romans auf die Therapeutencouch verlagert. Allein schon, um unser eigenes Dasein nicht unnötig zu erschweren, müssen wir in den Spiegel schauen und die großen und kleinen Lügen, mit denen wir versuchen, uns selbst oder andere zu täuschen, als solche anerkennen. Eine größtmögliche Ehrlichkeit sich selbst und anderen gegenüber ist Voraussetzung nicht für ein karrieristisch erfolgreiches aber für ein glückliches Leben.

 

Man lügt und belügt sich selbst – immer weiter und weiter. Aber dann kommt das schlechte Gewissen. Oder haben so etwas viele gar nicht mehr?

Moral ist eine Frage der Sozialisation und der Erziehung. Dort werden leider viele Versäumnisse gemacht. Das Vermitteln von Empathie oder sozialem Verantwortungsbewusstsein ist Teil des Erziehungsauftrags, den wir als Eltern und Gesellschaft haben. Ethik-Unterricht gehört als fixer Bestandteil in den Lehrplan.

Die Rolle des Kunstkritikers, der über Erfolg und Misserfolg entscheidet, spielt eine zentrale Rolle in ihrem Roman. Wie stehen Sie als Künstler generell zur Kritik? Wie gehen Sie mit Kritik um? Wie abhängig ist man als Künstler vom Urteil eines anderen?

Hat man etwa als Schriftsteller jahrelang mit aller Energie und Leidenschaft an einem Werk gearbeitet, das dann halb gelesen und launisch öffentlich verrissen wird, tut das natürlich weh. So eine Kränkung erfährt der Protagonist des Romans. Man kann jedoch auch anders darauf reagieren, als er es tut. Oft kann man aus schlechten Kritiken lernen. Man wird auf Dinge hingewiesen, die schiefgelaufen sind. Das ist hilfreich, wenngleich eine schmerzliche Erfahrung. Als Künstler muss man ihr mit der nötigen Gelassenheit gegenübertreten. Man muss auf Distanz zum eigenen Schaffen gehen. Während des Schreibens muss ich mich voll und ganz in meinen Text hineinfallen lassen. Sobald er gedruckt ist, muss ich ihn so weit wie möglich von mir wegstoßen.

Es muss immer einen Schuldigen geben. Für die einen sind es die Ausländer, für andere die EU usw. Selbst ist man aber nie an irgendetwas schuld. Wie ist dieses Verhalten zu erklären, wer leert uns eigentlich so ein Verhalten und ist dieses Verhalten in Österreich besonders stark ausgeprägt?

Feige und mutige Menschen gibt es überall in wohl ähnlichem Verhältnis. In Österreich scheint aber eine Mischung aus Trägheit und Minderwertigkeitskomplexen vorzuherrschen. Man schiebt gerne anderen die Mühe und sich selbst den Lohn zu. Es hat wohl mit der Geschichte und der Nichtigkeit unseres Landes zu tun. Mentalitäten anderer Länder haben mit Überheblichkeit zu kämpfen, wir mit dem Gegenteil. Daraus entsteht viel von diesem Neid, den ich für typisch österreichisch halte. Auch die vielen Bösartigkeiten und sadistischen Züge, die man hierzulande beobachten kann, scheinen darauf zu fußen. Andererseits führt es auch zu einer gewissen Lässigkeit und Selbstironie. Auch darin sind wir Österreicher nicht schlecht. Zum Wichtigsten im Leben zählt, sich selbst nicht wichtig zu nehmen.

Zur Person: Hans Platzgumer, geboren 1969 in Innsbruck,  lebt  in Bregenz. Ende der 1980er-Jahre gründete er mit Andi Pümpel in New York die Rockband   H.P. Zinker und feierte damit große Erfolge.  Zurück in der Heimat widmete er sich elektronischer Musik und produzierte Alben – etwa „Es ist egal, aber“ von Tocotronic. Seit 2005 ist er auch als Schriftsteller tätig. Er schreibt u. a. Romane, Essays, Hörspiele.

Zum Roman: Ein Unfall mitten in der Nacht. Ein Toter. Und niemand hat etwas gesehen. Oder doch? In „Bogners Abgang“ zieht Platzgumer die Schlinge immer enger. Eine fesselnde Geschichte.

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