Kultur
05.12.2016

Haben Sie Wien schon bei Nacht gesehen?

© Bild: yuri_k - Fotolia/yuri_k/Fotolia

Immer mehr Städte erkennen das ökonomische Potenzial des Nachtlebens. In Wien fehlen die Zahlen. Das soll sich ändern.

Sonntagmittag in Berlin. Die Schlange vor dem Berghain ist gefühlt 100 Meter lang. Während sich in anderen Städten täglich die Menschen vor Touristenattraktionen anstellen, warten in Berlin Hunderte vor einem Beton-Koloss auf Einlass. Das hat seine Gründe. Denn in diesem ehemaligen Heizkraftwerk im Stadtteil Friedrichshain-Kreuzberg ist seit 2004 der angesagteste Techno-Club Berlins beherbergt. "Ein Mal im Berghain tanzen" – das steht bei einem Großteil der Partytouristen ganz oben auf der To-do-List.

Angezogen werden sie von den Verheißungen der Clubkultur: Sie sind auf der Suche nach der ultimativen Sause – inklusive Drogen, Exzess und dem sich unfreiwillig einstellenden Blues danach. Sie kommen mit den Low-cost-Airlines oder (noch günstiger) mit dem Bus. Eine Reise nach Berlin war noch nie so billig wie heute. Diese attraktiven Rahmenbedingungen wirken sich natürlich positiv auf den Tourismus aus. In Berlin steigen die Nächtigungen seit Jahren rasant an: 12,3 Millionen Gäste sorgten 2015 für 30 Millionen Übernachtungen. Die Clubs wurden über die Jahre zu einem wesentlichen Standortfaktor der Stadt und bringen Jobs in die deutsche Millionenmetropole.

Nachtbürgermeister

Auch in Amsterdam floriert das Nachtleben. In der niederländischen Hauptstadt überwacht seit vielen Jahren ein Nachtbürgermeister das feucht-fröhliche Treiben. Er vermittelt zwischen Stadt, Betreibern von Bars, Clubs, Konzertstätten, Verkehrsbetrieben und Anrainer-Initiativen. London bekommt demnächst auch einen Bürgermeister für die Nacht und auch in Berlin denkt man darüber nach.

Das Nachtleben ist in vielen Metropolen zum Gegenstand der Politik und Stadtentwicklung geworden. Es geht um Chancen und Probleme, um Verdrängung, Positionierung im globalen Städtewettbewerb, um Image, unterschiedliche Interessen und neue Herausforderungen. Mit diesem komplexen Themenbereich setzte sich zuletzt eine Konferenz in Berlin auseinander. Unter dem Titel "Die Stadt nach acht" widmeten sich Diskussionsrunden und Vorträge den verschiedenen Facetten der Nacht. Beleuchtet wurde auch das ökonomische Potenzial der Club- und Veranstalterbranche: Berlin und Köln haben diesbezüglich bereits Studien vorgelegt. Die Stadt Wien weiß hingegen wenig bis nichts über seine Clubkultur. Die Wirtschaftskammer Wien weist zwar für das Jahr 2015 gesamt 731 "Bars, Tanzlokale, Diskotheken und Clubbinglounges" aus, aber welche Umsätze generiert werden, wie viele Arbeitsplätze (vom Türsteher über den Barkeeper bis hin zur Putzfrau) in diesem Bereich geschaffen werden, wurde bisher nicht erhoben. In Berlin sind es rund 8000 Personen, die bei Clubbetreibern und Veranstaltern beschäftigt sind – die Hälfte davon als freie Mitarbeiter.

Zahlen, bitte

Für Markus Ornig sind die fehlenden Zahlen "eine Bankrotterklärung". Der Wirtschaftssprecher der Neos Wien, der an der Konferenz in Berlin teilgenommen hat, zu der auch Wiener Journalisten eingeladen waren, fordert im KURIER-Interview, dass die Stadt diesbezüglich eine Studie in Auftrag gibt. "Man muss nur nach Zürich, Hamburg, München oder Berlin schauen. Überall dort ist Clubkultur als Wirtschaftsfaktor zur Schaffung von Arbeitsplätzen erkannt worden." Auch der Wiener Tourismus-Direktor Norbert Kettner würde genaue Zahlen begrüßen. Die laufende Gästebefragung sei zwar eine gute Einschätzung der Situation, "aber eine Erhebung des ökonomischen Potenzials der Wiener Clubkultur wäre durchaus interessant – für alle Entscheidungsträger", sagt Kettner. Ähnliche Einschätzungen kommen aus dem für die Wiener Clubkultur zuständigen Büro von Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny. Aber: Auseinandergesetzt habe man sich mit diesem Thema bislang noch nicht, wie Pressesprecher Alfred Strauch im KURIER-Gespräch bestätigt. Es gibt keine stadtpolitische Zielsetzung, "weil Wien in puncto Clubkultur keine große Tradition hat. In Wien gibt es nicht den Party-, sondern den Ballgeher-Tourismus. Und am Ende des Tages ist ein Ball auch eine Party. Wien ist eben nicht Barcelona, Berlin oder London. Wien wirbt eher mit seiner Gemütlichkeit. Natürlich kann man hier auch gut von Club zu Club ziehen, wenn man will, aber das touristische Potenzial ist diesbezüglich erschöpfbar", meint Alfred Strauch. Ein Gefühl. Genaue Analysen fehlen.

Credit: Simon Tartarotti. Honorarfrei bei Namensnennung. © Bild: /Simon Tartarotti

Wertschätzung

Für Norbert Kettner sind die Rahmenbedingungen, die von der Stadt zur Verfügung gestellt werden, entscheidend. Das Abschaffen der Vergnügungssteuer mit Jänner 2017 sei begrüßenswert. Das bringe mehr als jede Subvention. Dem schließt sich Neos-Mann Ornig an. Für ihn war die Abschaffung der "unnötigen Vergnügungssteuer" aber erst der Anfang, um aus Wien eine Weltstadt für die unter 35-Jährigen zu machen: "Ich denke, dass die Clubkultur in Wien wesentlich mehr Wertschätzung braucht." Dieser Mangel lässt sich anhand des fehlenden Beauftragten in diesem Bereich festmachen. Die Stadt Wien hat zwar Beauftragte fürs Radfahren, fürs Gehen und für vieles mehr. Aber einen Verantwortlichen für die Clubkultur, für die Nacht, für die Chancen und Probleme, die damit verbunden sind, gibt es nicht. Vielleicht würde es aber genauso eine Person brauchen.

Welche Weichen muss die Stadt stellen, um den nicht zu unterschätzenden Wirtschaftsfaktor Clubszene zu stärken? "Zuerst müssen alle Stakeholder erst einmal wissen, wo Wien derzeit steht und welche Herausforderungen es für die Zukunft gibt. Aus den Studien anderer Großstädte wissen wir bereits, dass überall eine Überregulierung und langwierige Behördenwege ein extremes Hemmnis darstellen", sagt der Neos-Politiker.

Er hat auch das Gefühl, dass die Frequenz in den Wiener Clubs nachlässt. "Wie man darauf reagieren könnte oder ob man überhaupt darauf reagieren will, ist aber nicht bekannt. Und solange es keine nachvollziehbare Strategie gibt, kann man im Moment nur Kaffeesud lesen", sagt Ornig.

In Wien findet gerade eine Selbstreinigung statt

Die Clubkultur in Wien unterliegt – wie vieles andere im Leben auch – Schwankungen. Mal geht es bergauf, eröffnen Clubs, mal geht’s bergab, und es werden Tanzflächen geschlossen. Die Szene ist dynamisch. Derzeit findet ein gewisser Selbstreinigungsprozess statt. Nach Jahren der Aufbruchsstimmung, der "Wien wird immer mehr Berlin"-Phase, stagniert die Euphorie derzeit. Künftige Tendenz: sinkend. Abgesehen von der Grellen Forelle und vielleicht noch der neu adaptierten Pratersauna gibt es in Wien keinen einzigen Club von internationaler Bedeutung. Das Flex hätte dazu durchaus Potenzial, braucht dafür aber eine Neuaufstellung. Und die Veranstalter, die in kleineren Clubs in der Innenstadt ihre Partys schmeißen, können zwar hin und wieder mit feinem Line-up überzeugen, aber die fehlende Qualität in puncto Soundanlage oftmals nicht wettmachen. Das Problem: Club und Wohnzimmer trennen manchmal nur Meter, oder gar nur dünne Wände: Anrainerbeschwerden sind die Folge. Im schlechtesten Fall muss der Club schließen (Ost Klub, Morrison Club), im Normalfall läuft es auf eine nicht zufriedenstellende Kompromisslösung hinaus (Bettelalm). Was Wien, zweitgrößte deutschsprachige Stadt Europas, in der alleine 200.000 Studenten leben, benötigt, sind Räume, in denen man auch nach 22 Uhr laut sein darf.