Galerist Thaddaeus Ropac spricht in seiner Galerie am Mirabellplatz in Salzburg über die Auswirkungen des Brexit auf den internationalen Kunsthandel. Salzburg, 26.01.2017

© KURIER/Jeff Mangione

Kunst
02/19/2017

Galerist Ropac: Wachstum ist kein Selbstzweck

Österreichs einflussreichster Galerist, Thaddaeus Ropac, eröffnet nach Paris eine Niederlassung in London

von Michael Huber

Er ist der größte „global player“ unter Österreichs Galeristen, vertritt einige der berühmtesten und teuersten Künstler der Gegenwart und zieht auch im globalen Ausstellungsbetrieb Fäden. Nach Standorten in Salzburg und Paris eröffnet Thaddaeus Ropac nun am 28. April eine Dependance in einer umgebauten ehemaligen Bischofs-Residenz in London, dem weltweit zweitwichtigsten Umschlagplatz für Kunst. Auch wegen des Brexit findet Ropac damit viel internationale Beachtung.

KURIER: In einem Interview im Jahr 2014 sagten Sie, dass Sie sich nicht vorstellen könnten, mit Ihrer Galerie nach London zu gehen. Woher kam der Sinneswandel?
Thaddaeus Ropac: Meine Aussage hatte damit zu tun, dass ich London nicht mit Paris eintauschen würde. Was ich jetzt mache, ist etwas ganz Anderes. Paris wird das Flaggschiff bleiben, das ist keine Frage, wir operieren dort auf über 6000 m² Ausstellungsfläche. London ist mit 3600m² auch groß, aber man kann es nicht vergleichen. Wir haben in Paris 60 Mitarbeiter, in Salzburg 20, in London werden es auch 20 sein. Allein das zeigt die Gewichtung.

Welchen Einfluss hat der Brexit auf den Standort London?
Der Entscheid kam uns in die Quere. Aber ich hätte das wegen des Brexit nicht abgeblasen. London war nie so europatauglich, wie wir uns das alle gewünscht haben, das hat man eigentlich gewusst. Trotzdem glaube ich, dass die Kunstwelt sich auch von diesen Grenzen gelöst hat: Sie hat sich ihren eigenen Kontinent geschaffen. Das nationale Kunstdenken haben wir weit hinter uns gelassen, und ich hoffe wirklich, dass sich dieser politische Trend nicht auf die Kultur auswirken wird. Was uns natürlich nerven wird, wenn wir in Zukunft Kunst zwischen Kontinentaleuropa und England bewegen, ist, dass wir wieder Grenzen und Zollpapiere haben, die Mehrwertsteuer hinterlegen müssen – es wird teuer, mühsam und zeitaufwendig werden.

Wenn die Szene so global ist – wäre es nicht denkbar gewesen, eine Galerie in Singapur oder Hongkong zu eröffnen?
Natürlich. Ich war ganz konkret dran, in Istanbul einen Standort zu eröffnen. Wir hatten schon einen Raum gefunden, ich hatte mit der Personalsuche begonnen. Ich habe gesehen, wie Istanbul sich geöffnet hat, wie eine Kunstszene und eine Sammlerschaft entstanden ist. Dann aber ging das rasch wieder nach unten.

Wann haben Sie den Istanbul-Plan verworfen?

Vor etwa eineinhalb Jahren. Bei einer Eröffnung kamen Kritiker dieser Kulturszene, die Stinkbomben in die Galerien geworfen haben – und zwar, weil Alkohol getrunken wurde. Ich habe mein Team gefragt: Wollen wir das? Wir hatten uns einige Ausstellungen überlegt und dachten: Könnten wir das in Istanbul überhaupt zeigen,oder müssten wir unsere eigenen Künstler zensieren? Dann haben wir entscheiden, es nicht zu machen.

Wird London nun auch eine Bühne für aufstrebende Kunst aus anderen Ländern, oder setzen Sie auf Etabliertes?
Wir haben sehr genau überlegt, was wir bei unseren Eröffnungs-Ausstellungen machen. Der größte Raum ist einem ganz jungen englischen Künstler, Oliver Beer, gewidmet – das ist auch eine Botschaft, die ich senden wollte. Die zweite Ausstellung, Gilbert & George, hat mit meiner Geschichte zu tun – ich arbeite seit 30 Jahren mit den Künstlern, und wir zeigen Werke von 1972, als sie ganz jung waren. Dann zeigen wir Joseph Beuys – das war mein Beginn. Die eigentliche Überraschung im Galerieprogramm ist aber, dass wir in London mehr historische Ausstellungen zeigen wollen. Ich konnte wichtige Teile der Sammlung Marzona kaufen, und wir zeigen Klassiker der Minimal Art – Judd, Flavin, Serra – die jahrelang in Museen waren.

Sie betonen oft, dass Sie Spitzenwerke nicht an jeden verkaufen. Doch gibt es den Sammler, der für die Allgemeinheit, für Museen sammelt, überhaupt noch?

Ich glaube, ich habe die „Investoren“ mit meinen ständigen Kommentaren ziemlich abgeschreckt – daher habe ich fast nur mit Leuten zu tun, die an ihre Sammlung denken und daran, was mit dieser passiert. Wir sind auch viel in die Planung von Nachlässen involviert und beraten Sammler, was mit ihrer Kunst einmal geschehen soll. Ich bin der Meinung, dass alle großen Werke irgendwann ins Museum kommen. Das vertreten wir klar und vehement, und daher werden wir auch von Sammlern dieser Kategorie oft angesprochen. Diese Gruppe wächst, da habe ich viel Hoffnung in die Zukunft.

Ist das auch in den neuen Märkten wie Asien oder Arabien so? Hier lauteten die Schlagworte doch zuletzt „Siegerkunst“ und „Geldadel“, Privatmuseen schießen aus dem Boden ...

Ich sehe das anders. Es gibt natürlich neue Kulturen, die sehr schnell auf den Markt drängen, und man muss denen auch Zeit geben. Viele fangen an, Kunst zu kaufen, mit der sie ihr Umfeld beeindrucken und ihre Wände schmücken. Vielleicht sind die Beweggründe durchaus … fraglich. Nur habe ich gesehen, wie viele dieser Leute das hinter sich lassen, wenn das Sammlerinteresse auf die nächste Ebene kommt. Ich möchte nicht sagen, dass aus allen Connaisseure werden, aber aus einigen schon. Wir erleben das jeden Tag.

Welche Rolle wird Salzburg künftig in Ihrem Unternehmen spielen?

Eine wichtige. Wir wollen Salzburg ein wenig verjüngen – derzeit zeigen wir Marc Brandenburg, zu Ostern dann Imran Qureshi, wo manche sagen, dass man den nicht kennt. Wir haben zu Ostern immer die großen Klassiker gezeigt, damit wollen wir ein bisschen brechen. Wir wollen auch nicht einem Geschmack nachlaufen. Wir zeigen unsere Künstler in einem Rhythmus, der sich aus der künstlerischen Entwicklung ergibt. Salzburg wird Teil dieses Rhythmus bleiben. Deutschland, Österreich, Italien, die Schweiz, dieses Zentraleuropa erreichen wir nur hier in dieser Art.

Sie vertreten auch Erwin Wurm. Finanzieren Sie die Produktion seines Beitrags zur Venedig-Biennale mit?

In diesem Fall hat Erwin sehr viel selbst gemacht, wir haben aber immer gesagt, wir sind da und werden, wenn nötig, bestimmte Dinge übernehmen. Wir sind bei vielen Projekten massiv in die Produktion eingebunden. Es ist nicht so, dass das dann alles kommerziell umsetzbar ist, wie oft geschildert wird – man übernimmt durchaus Dinge, die nahezu unverkäuflich sind. Ich sage zwar: Nichts ist unverkäuflich, aber wir sind oft nachträglich mit großen Lagerkosten und dergleichen befasst. Aber wir sehen das schon auch als unsere Aufgabe. Galerien, die auf unserem Niveau agieren, müssen da auch Verantwortung übernehmen.

Bruce Springsteen schreibt in seiner Autobiografie: „The big road is not the only road – it’s just the big road.“ Wann haben Sie bewusst die Abzweigung auf die „große Straße“, zum großen Business genommen?

Es stimmt: Sich ständig zu vergrößern, ist keine Notwendigkeit, sondern eine Möglichkeit. Wenn man ein bestimmtes Niveau erreicht hat, kommt schon ein gewisser Druck dazu: Man fühlt sich gegenüber den Ansprüchen der Künstler, des Publikums, der Sammler und Museen verantwortlich. Ich war in den ’80er Jahren einmal bei einem Künstler im Atelier, der eine Ausstellung für Salzburg geschaffen hat und eine für eine Galerie in London. Ich habe mir die Bilder angesehen und sagte: Ich möchte aber die Bilder haben, die nach London gehen. Er sagte aber: „London ist London, du musst verstehen...“ Das gab den Ausschlag. Nach Wien oder Berlin zu gehen, wäre damals ein Leichtes gewesen, aber ich wollte aus dem deutschen Umfeld hinaus. Paris schien mir der beste Ort – dort hat allerdings niemand auf mich gewartet. Ich habe kein Französisch gesprochen und musste die Künstler überzeugen, bei mir auszustellen. Es waren schwierige Jahre, die ich aber nicht missen möchte.

Manche Galeristen agieren heute ohne Raum und nutzen dafür Instagram und andere Medien.

Ich bin da sehr dagegen. Ich finde, wir dürfen das Modell der Galerien nicht aufgeben, auch nicht gegenüber den Kunstmessen. Ich sage meinem Team auch, dass ich will, dass wir drei Viertel unserer Umsätze in den Galerien machen. Dort versuchen wir, Künstlern einen idealen Platz zu geben. Fast jede dieser Situationen können wir auf Messen oder in Social Media nicht wiederholen. Ich freue mich aber über das Publikum, das wir mit Social Media ansprechen. Wenn eine Ausstellung in unserer großen Halle in Paris-Pantin nicht von mindestens 7000 Leuten gesehen wird, bin ich nicht happy. Da geht es nicht um den Verkauf, sondern darum, dass wir ein Publikum wollen. Und da helfen Social Media sehr.

Zur Person

Thaddaeus Ropac, 1960 in Klagenfurt geboren, eröffnete 1983 seine erste Galerie in Salzburg. Heute betreibt er ein globales Unternehmen. Zu den je zwei Standorten in Paris und Salzburg kommt am 28. April einer in London dazu. In der Salzburger Villa Kast sind 31.3. Zeichnungen des deutsch-amerikanischen Künstlers Marc Brandenburg zu sehen. In Paris zeigt Ropac derzeit Skulpturen von Not Vital und Gemälde von David Salle. Neben bekannten Künstlern wie Georg Baselitz, Anselm Kiefer und Daniel Richter (Bild oben; derzeit im 21er Haus zu sehen) betreut Ropac auch diverse Nachlässe, u.a. jenen von Robert Rauschenberg.

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