Daniel Richter, Lonely Old Slogan, 2006 Deichtorhallen Hamburg / Sammlung Falckenberg, © Bildrecht, Wien, 2017

© /Bildrecht, Wien, 2017

Kunst
01/31/2017

Jedes Bild ein gemaltes "Trotzdem"

Daniel Richter über seine Schau im 21er Haus, Selbstzweifel, politische Bilder und Malen als Karriere

von Michael Huber

Wenn Daniel Richter durch seine noch im Aufbau befindliche Ausstellung im Obergeschoß des 21er Hauses schlendert, ist das ein wenig wie bei einem Klassentreffen. „Das Bild habe ich bestimmt seit 20 Jahren nicht gesehen“, sagt er und weist auf ein großes Gemälde, auf dem ein Gewirr einander überlagernder Muster, Farbschlieren und Flächen zu sehen ist. In einem anderen Werk stellt er Risse in der dick aufgetragenen Ölfarbe fest: „Verdammt.“

Die Schau „Lonely Old Slogans“ – eigentlich hat Richter sie bereits im dänischen Louisiana Museum gesehen – ist die erste umfassende Werkschau für den 1962 geborenen Künstler, der zu den bedeutendsten und auch erfolgreichsten Malern seiner Generation zählt.

„Es ist eine Überprüfung der eigenen Arbeit“, sagt Richter. „Dadurch, dass verschiedene Leute sich die Bilder angucken, sieht man auch, was funktioniert und was nicht und wie sinnfällig das ist, was man macht.“

Der Mal-Skeptiker

Ständig weht eine grundlegende Skepsis durch Richters Aussagen. Seine Malerei musste von Anfang an die vielen Wenns und Abers umschiffen, die der Kunstform in den theorielastigen 1990er Jahren entgegen gebracht wurden. „Ich dachte ja, die Malerei sei so etwas wie das Rückgrat der Kunst, und glaubte, dass sich jede Person dafür interessiert“, sagt Richter amüsiert. „Das ist in etwa so, wie wenn man die Flageolett-Flöte spielt in dem Glauben, dass alle Holzbläser das für das allergrößte halten, und dann zu entdecken, dass es die E-Gitarre gibt. Die Leistung ist dann trotzdem, die Flöte so zu spielen, dass auch der E-Gitarrist denkt: da ist ja was dran.“

Richters Weg führte von einer „bewussten Überfrachtung“ in der abstrakten Malerei der ersten Werkphase zu gegenständlichen Bildern mit einer farbig überdrehten Melange von Motiven aus Zeitgeschehen, Popkultur und Tierreich, die bewusst vieldeutig angelegt war.

In der Wiener Schau verzichtet der Künstler auf eine chronologische Anordnung der Bilder. „Die Malerei folgt in meiner Sicht nicht einem geraden Weg, sie mäandert eher“, sagt Richter. „Es gibt Fehler, die eigentlich das Interessante ausmachen, Behauptungen, die richtig klingen, aber eigentlich langweilig sind.“ Die Vorstellung vom Maler als einem heldenhaften Schöpfer, der der Kunstform ächzend Neues abringt, teilt Richter nicht. „Aber ich habe schon ein Interesse, ein ikonisches Bild zu malen“, sagt er. „Es geht um etwas, was ich ,Funktionieren‘ nenne: Jemand setzt etwas in einen Raum und du kannst dich dem nicht entziehen. Selbst wenn du es nicht ausstehen kannst, musst du dich darauf beziehen.“

Flüchtlinge und Surfer

Eines der Bilder, an dem man in der Schau schwer vorbeikommt, heißt „Tarifa“ (siehe oben). Im Original dreieinhalb Meter hoch, sieht das Bild wie ein Kommentar zur aktuellen Flüchtlingskrise aus, doch Richter malte es bereits 2001. „Damals kamen die ersten Berichte über Leute, die versuchten, die Meerenge von Gibraltar zu überqueren, und dann als Leichen auf Tarifa landeten“, erklärt der Künstler. „Tarifa (in Südspanien, Anm.) ist ein beliebter Surfer-Standort, und die Mischung aus westeuropäischem Sportlerhedonismus und diesen Toten hat mich beschäftigt. Die Leute damals dachten zu meiner Verwunderung, es wäre ein Traumbild, es ginge um einen fliegenden Teppich, um Drogenerfahrungen oder so etwas. Mir wäre auch lieber gewesen, wenn das Bild nicht von der Wirklichkeit überholt worden wäre.“

Porno-Infografik

Die Frage, wie direkt oder distanziert sich Malerei zum Weltgeschehen positionieren kann, treibt Richter weiter um. Nach einer Schaffenskrise startete er 2014/’15 zwei neue Werkgruppen, mit denen er „noch nicht durch“ ist, wie er sagt. Einerseits sind es „kartographische“ Bilder, inspiriert von den farbigen Zonen und Pfeilen, die man aus Infografiken zu Flüchtlingsströmen oder Truppenbewegungen kennt: „Ein Zeichensystem, das Aussagen über das Leben von Millionen Menschen trifft und das doch eine komplette Abstraktion ist“, erklärt Richter.

Die zweite Werkgruppe, in der sich pornografische Motive hinter malerischer Abstraktion verbergen, sei dieser Bildwelt verwandt: „Man sieht ebenso die Invasion, das Drängen, die Verschlingung. Es ist ein allanwesendes System, an dem mich das Explizite überhaupt nicht interessiert.“

Kitsch als Qualität

Das Bunte, Knallige ist Richters neuen Bildern geblieben, wenn auch in veränderter Form. „Vielen Malern fehlt der Mut, aus der eigenen Schwäche eine Stärke zu machen – bei mir, würde ich sagen, ist es das Faible für Farben und Kitsch“, sagt der Künstler. Er wollte bei seinen neuen Bildern keinesfalls auf ein bereits ausformuliertes malerisches Repertoire zurückgreifen, erzählt er. „Eine Behauptung, die wahr ist, immer wieder zu wiederholen, ist doch einfach nur Stursinn oder Angst.“ Wenn sich Künstler an einem sehr engen Bereich ihres Metiers immer wieder abarbeiten, sei das zwar legitim, „aber auch langweilig.“

Seine Studierenden an der Wiener Akademie will Richter ebenso ermutigen, „selbst etwas zu machen“ – auch wenn nicht alle dann als Malerinnen oder Maler reüssieren. „Sich für die Malerei zu entscheiden, ist keine sehr vernünftige Entscheidung“, sinniert Richter. „Malerei soll gegenwartsbezogen und modern sein, aber sie soll auch Auskunft geben über die praktizierende Person. Das ist schwierig zu erreichen.“ In diesem Sinn ist jedes Richter-Bild auch ein gemaltes „Trotzdem“.

Daniel Richter, 1962 in Eutin/D geboren, lebt in Berlin und Hamburg. Seit 2006 ist er Professor für den Fachbereich „Erweiterter malerischer Raum“ an der Akademie der bildenden Künste Wien. Neben erfolgreichen Malern wie Chris tian Rosa oder Christian Falsnaes zählen auch der als Rapper bekannte Skero, die Literatin Stefanie Sargnagel oder die Musikerin/Schauspielerin Anja Plaschg zu seinen einstigen Studierenden. Richter ist auch Inhaber des Indie-Labels „Buback“, auf dem u.a. Acts wie Die Goldenen Zitronen erscheinen. Die Werkschau "Lonely Old Slogans", die Bilder von den 90er Jahren bis heute zeigt, ist nach einer ersten Station im Louisiana Museum (DK) von 3.2. bis 5.6. im Wiener 21er Haus zu sehen und wandert dann weiter nach Camden/UK.

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