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Interview
12/13/2019

Frank Tallis über Liebermann-Krimis: Opulente Illusion

Der Autor der Romanvorlage zu „Vienna Blood – Die letzte Séance“, im Gespräch über Wien, Sigmund Freud und umstrittene Denkmäler.

Mord-Aufklärung, Zeitgeschichte, Psychoanalyse und eine Prise Horror. Diese Mischung katapultierte die Liebermann-Krimis von Frank Tallis auf internationale Bestsellerlisten. Dass der britische Schriftsteller darüber hinaus ein international anerkannter Sigmund-Freud-Experte ist und in dieser Eigenschaft am Institut für Psychiatrie und Neurowissenschaften am Londoner King's College Vorlesungen hält, zeugen davon, dass seine Psycho-Krimis mit profundem Fachwissen ausgestattet sind.

Neben seiner Krimi-Reihe schreibt Tallis auch Sachbücher über Psychologie - darunter „Changing Minds“, eine Geschichte der Psychotherapie und „The Incurable Romantic“ („Der unheilbare Romantiker“), in dem er sich mit obsessiver Liebe auseinandersetzt. Kein Wunder also, dass die in Koproduktion von ORF, ZDF und der britischen Produktionsfirma Red Arrow entstandene Krimi-Reihe "Vienna Blood" auf internationales Interesse stößt. BBC 2 hat die ersten drei Teile bereits gekauft, konkrete Anfragen aus Frankreich, Italien und den USA gibt es bereits. Den Auftakt im ORF macht der von Robert Dornhelm in Szene gesetzte erst Teil „Vienna Blood – Die letzte Séance“. (Am 20. Dezember 2019, ORF 2)

Wien zur Zeit der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert wird in dieser Krimi-Verfilmung opulent in Szene gesetzt. Kutschenfahrten durch die verwinkelten Gassen der Innenstadt, beklemmende Begegnungen in düsterem Ambiente, Intrigen und Spionage, Husaren und ihre Duelle sorgen für Spannung und Action. Musiker-Kriege zwischen Mahler-, Mozart- und Wagner-Fans, zeugen vom kulturellen Klima der damaligen Zeit. Zum heraufbeschworenen Zeitgeist gehören auch Konkurrenzkämpfe an der medizinischen Fakultät und Politiker, die mit antisemitischen und rechtspopulistischen Parolen um Wählergunst buhlen.

Mitten in dieser Gemengelage agiert der junge Arzt, Freud-Schüler und Psychoanalytiker Max Liebermann, dargestellt von dem britischen Schauspieler Matthew Beard. Mit seinem psychologischen Einfühlungsvermögen unterstützt er den Kriminal-Inspektor Oskar Reinhardt (Juergen Maurer) bei diversen Mord-Aufklärungen. Die Vielfalt an Handlungsfäden wird am Ende jeder Mordgeschichte in Hercule-Poirot-Manier entwirrt. Dass bereits drei seiner Liebermann-Bücher verfilmt wurden, freut deren Schöpfer Frank Tallis. Und er hofft darauf, dass Fortsetzungen folgen ...

KURIER: Basieren Ihre Figuren Max Liebermann und Oskar Reinhardt auf realen Vorbildern?

Frank Tallis: Mit meinen Kriminalromanen wollte ich meinen Lesern eine opulente Illusion bieten, die sie auf eine Zeitreise ins vorige Jahrhundert mitnimmt. Aber mir ist klar, dass jede Illusion, die sich völlig vom Boden der Tatsachen löst, schnell zerplatzt wie eine Seifenblase. Deshalb basieren viele der Personen, die in die Mord-Intrigen verwickelt sind, auf historischen Persönlichkeiten. Und auch den Lokalkolorit der damaligen Zeit habe ich sehr genau recherchiert. Darüber hinaus braucht man aber die Fiktion, um die Geschehnisse möglichst dramatisch darstellen zu können. Historische Genauigkeit kann da hinderlich sein. Darum kommt Sigmund Freud bei mir zwar vor, aber nicht als Ermittler und Kriminologe. Das war er nie und deshalb wäre das auch zu weit hergeholt.

Das Wiener Ambiente ist in Ihren Romanen sehr genau wiedergegeben.

Ich war sehr oft als Tourist in Wien und habe natürlich auch alle Gedenkstätten von Sigmund Freud und seine Praxis in der Berggasse 19 besucht. In dieser Zeit hatte ich bereits den Wunsch, über Kriminalfälle zu schreiben, die mithilfe der Psychoanalyse geklärt werden. Und welcher Schauplatz ist für Morde besser geeignet als Wien (lacht)? Ich meine natürlich das Wien der Jahrhundertwende. Denn jetzt soll es hier ja im Vergleich zu anderen Weltstädten recht friedlich zugehen.

Und was hat Sie am Jahrhundertwende-Wien fasziniert?

Ich bin Psychoanalytiker und daher ist Freud für mich immer ein Anziehungspunkt. Ich liebe auch klassische Musik und bin ein großer Fan von Gustav Mahler. Vor allem liebe ich Torten und die Kaffeehaus-Kultur.

Wien war in der Zeit, in der Ihre Kriminalromane spielen, nicht nur von der Moderne in der Musik und in der Bildenden Kunst geprägt. Es gab auch negative Strömungen wie Antisemitismus und Faschismus. Hat es Sie als Psychoanalytiker interessiert, welche Gemütszustände der damaligen Bevölkerung diese zerstörerischen Entwicklungen hervorriefen?

Als ich die Liebermann-Reihe zu schreiben begann, war mir zunächst nicht bewusst, dass ich damit auch über eine Zeit schreibe, die vom Untergang der Donaumonarchie geprägt ist. Aber mir wurde schnell klar, wie sehr diese Endzeitstimmung negative Gefühle nährte. Der Mangel an Selbstwertgefühl von Menschen, die sich unterprivilegiert fühlten und als „Untertanen“ behandelt wurden, führt zu einer Suche nach „Schuldigen“. Und das waren damals schon jene Menschen, die als „anders“ empfunden wurden. Ich hatte nicht vor, Romane zu schreiben, die sich mit Antisemitismus und Faschismus auseinandersetzen – aber natürlich sind diese Strömungen unterschwellig in meinen Krimis spürbar.

In Ihren Romanen kommt auch Karl Lueger vor – jener Bürgermeister, der den Grundsatz vertrat „Wer ein Jude ist, bestimme ich.“ In Wien gibt es bereits seit längerer Zeit eine Diskussion darüber, ob man nach der Umbenennung des Dr. Karl-Lueger-Rings in Universitätsring auch sein Denkmal entfernen soll. Wie denken Sie darüber?

Ich stehe Karl Lueger natürlich sehr kritisch gegenüber. Er war ein Populist und ein Antisemit – und beides lehne ich vollen Herzens ab. Aber was sein Denkmal betrifft, bin ich anderer Meinung. Ich finde, man sollte es belassen. Auch negative Denkmäler haben eine historische Bedeutung, weil sie einen Teil der Geschichte bezeugen, der uns dazu geführt hat, wo wir mental heute stehen. Gerade deshalb sollte man sich mit diesem Teil der Vergangenheit offensiv auseinandersetzen. Vor allem die Jugend sollte daraus lernen, wie man derartigen fremdenfeindlichen und menschenverachtenden Ideologien widersteht und sie bekämpft. Diesem Diskurs müssen wir uns so oft wie möglich stellen.

Im Mittelpunkt klassischer Kriminalromane stand immer ein rätselhafter Fall, der von einem Detektiv oder einem Kommissar gelöst wurde. Der Täter wurde am Ende der „Gerechtigkeit“ übergeben. Seit Sigmund Freud weiß man, dass Mörder oft selbst Opfer einer Gesellschaft sind, die sie dazu prädestiniert hat. Ist es mit dieser Erkenntnis schwieriger oder gar unmöglich geworden, einen Krimi zu schreiben, der mit der Überführung des Täters endet?

Nach Freud muss man als Krimi-Autor über jeden seiner Charaktere genau nachdenken. Ich frage mich auch als Psychoanalytiker, wie und warum es zu einem Mord kommen konnte. Welche Rolle spielte dabei die Kindheit des Mörders, aus welchem Milieu kommt er und welchen Gemütszustand hatte er zur Tatzeit. Ich muss mich zuerst einmal selbst von der Richtigkeit meiner Analysen überzeugen, damit ich den jeweiligen Fall auch für die Leser glaubwürdig darstellen und lösen kann.

Um von den Krimis auf Ihre Sachliteratur zu kommen: Unerwiderte Liebe ist ein häufiges Mordmotiv. In „Der unheilbare Romantiker“ beschreiben Sie, was Liebe anrichten kann. Halten Sie den Zustand des Verliebtseins für eine mentale Krankheit?

Der Titel ist natürlich in erster Linie als Metapher gedacht. Ich glaube nicht, dass jemand, der sich verliebt, deshalb verrückt sein muss. Obwohl es natürlich in unserem Sprachgebrauch den Ausdruck gibt: „Ich bin verrückt nach ihr oder ihm“. Ein Überschwang der Gefühle – auch der positiven – kann einen Menschen destabilisieren und aus der Bahn werfen. Ärzte und Dichter machen diese Beobachtung schon seit Jahrtausenden. Denken Sie nur an die antiken ägyptischen Poeten, die schon sehr früh in einer Liebe, die unsere Sinne rauben kann, eine Krankheit diagnostiziert haben. Nun bin ich Arzt und Dichter (lacht) – und da komme ich um solche Parallelen nicht umhin.

(von Gabriele Flossmann)